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Freitag, 10. Februar 2012
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Suchthilfe Auf der Treppe zum Untergrund

19.10.2009 ·  Am Kottbusser Tor in Berlin treffen sich die Süchtigen. Es gibt Platzverweise, aber auch Hilfe für die Drogenabhängigen. Mit schwankendem Erfolg.

Von Julieta Jacobi, Freie Waldorfschule Kreuzberg, Berlin
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Am Kottbusser Tor trifft die unterirdische Welt Berlins auf die überirdische: Die Hochbahnlinie 1 kreuzt die Untergrundbahn 7. Der Verkehr von sechs Zufahrtsstraßen schlängelt sich unter den eisernen Stützpfeilern der Linie 1 hindurch. Mit 229 Unfällen in einem Jahr hatte diese Kreuzung die zweithöchste Unfallrate ganz Berlins. Die elf Ampeln schalten auf Rot und bringen das Getöse für ein paar Sekunden zum Stoppen. Der Wohnwagen der Fixpunktinitiative rollt auf den Bürgersteig, so wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag. Sozialarbeiter stellen Bänke auf. Sie helfen sozialschwachen Menschen wie Drogenabhängigen mit Tee, einer Suppe und besprechen auf den roten Polstersitzen des Wagens Probleme.

Am geregeltem Leben versuchen

Mehr noch: Sie vermitteln ihre Besucher an Institutionen zur Suchtbekämpfung, klären über Aids auf, geben Kondome aus und entsorgen Spritzen. Für viele ist der Fixpunkt eine Möglichkeit, wieder soziale Kontakte herzustellen und sich an einem geregelten Leben zu versuchen. Fixpunkt existiert seit 15 Jahren, aber in letzter Zeit hätten sehr Wenige diese Initiative genutzt, sagt Mitarbeiter Ralf Köhnlein. Das liege an den Räumungsversuchen der Polizei, die nun täglich erscheine und Platzverweise austeile. „Wir werden aufgescheucht wie Tauben, bekommen mitten auf dem Platz vor allen Leuten Handschellen angelegt und werden nach Drogen durchsucht“, bestätigt Mark Köbik, ein Besucher des Fixpunktes. Allein in einem Monat wurden etwa 400 Platzverbote ausgegeben. Oftmals ohne dass die Betroffenen in Besitz von Drogen waren. „Wer so einen Platzverweis missachtet, muss um die 250 Euro Strafe zahlen“, sagt Köhnlein.

42 Prozent der Anwohner am Kottbusser Tor sind Sozialhilfeempfänger. Um die 52 Prozent kommen nicht aus Deutschland, so heißt es in einem Bericht des Deutschen Instituts für Urbanistik. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Altbauwohnungen hier besonders billig. Heute ist die Architektur durch die Modernisierung Anfang der siebziger Jahre geprägt. Beispielhaft dafür ist das Neue Kreuzberger Zentrum, ein riesiger, verschachtelter Betongebäudekomplex. Die sechs Fahrstühle, sechs Treppenhäuser und elf Stockwerke sind sowohl für Dealer als auch für deren Kundschaft ideal, um sich vor Polizisten zu verbergen.

Gestank von Urin und Erbrochenem

Verwinkelte Gänge führen durch die Häuserblöcke hindurch zu den Kinderspielplätzen auf den Hinterhöfen. Es stinkt nach Erbrochenem und Urin. Vereinzelt liegen Spritzen herum. An der Häuserfront zur Straße hin erstreckt sich ein buntes Meer von Plakaten. Auch Ercan Yasaroglu hat hier ein Café, es liegt an einer der vielen Anbauterrassen des Zentrums. Er stammt aus der Türkei, sein „Kaffe Kreuzberg“ trägt das jedoch, anders als die anderen Lokale und Läden, nicht zur Schau. Er ist Sprecher der Bürgerinitiative „Für ein sicheres Kottbusser Tor“, setzt sich für die Integration der Immigranten ein und für menschliche Bedingungen für die Süchtigen.

Anwohner und der Bürgermeister von Kreuzberg treffen sich einmal im Monat zum runden Tisch. „Die Menschen sollen endlich begreifen, dass wir alle in einer Welt leben“, bekräftigt Yasaroglu und weist auf eine Gruppe, an der schimpfende Mütter und diskutierende Verkäufer vorbeigehen: Ihre Bewegungen sind langsam, ihre Blicke leer. Abgenutzte Kleider fangen das Blut auf, das vom Arm tropft. Sie sitzen dort, wo Kronkorken, Hundedreck und Speisereste festgetreten werden. Sie kauern dort, wo der Weg zu den Dealern am kürzesten ist, auf der Treppe zum Untergrund.

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