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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Sikh in Berlin Melodische Gesänge im Schneidersitz

18.09.2009 ·  Rund hundert Sikh-Familien pflegen in Berlin ihr religiöses Leben. Unser Autor hat einen Gottesdienst der Gemeinschaft besucht.

Von Llewellyn Reichman, Freie Waldorfschule Kreuzberg, Berlin
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Aus den Lautsprechern dringt melodischer Gesang, begleitet von Trommelrhythmen. An- und abschwellende Melodien erfüllen den Gebetsraum. Die Vorhänge bewegen sich im Wind, draußen zwitschern Vögel. Auf dem Musikantenpult sitzen Männer mit Turbanen und Frauen mit Seidenkopftüchern. Ein kleiner Junge im orangefarbenen Fußballtrikot trommelt mit, ändert sich der Rhythmus, genügt ein kurzer Blick zum Trommler vor ihm, und er steigt wieder ein. Der Gebetsraum ist gefüllt mit Menschen, die auf weißen Baumwollbahnen sitzen. Frauen und Männer sind getrennt. Sie haben die Hände im Schoß gefaltet, die Knie angezogen oder sind locker an die Wand gelehnt. Kinder gibt es überall, auf den Schößen der Mütter, an die Väter geklammert, schlafend oder herumrennend, brabbelnd zwischen den Andächtigen. Die Kleidung ist bunt gemischt von Punjabi, einem kittelähnlichen Oberteil mit Schal und einer weiten Hose, bis zur Jeans mit kariertem Hemd oder T-Shirt. Alle sind barfuß und tragen eine Kopfbedeckung.

Ursprünglich aus Nordindien

So fängt der Sonntag in der Gurdwara Sri Guru Singh Sahba an, einer Gebetsstätte der Sikhs in Berlin-Reinickendorf. Die Sikhs gehören einer Religionsgemeinschaft an, die ihre Ursprünge in Nordindien hat. Guru Nanak, der Gründer der Sikhs, wurde in Nankana Sahib, im heutigen Pakistan, geboren. Er lehnte das Kastenwesen ab und sagte: „Erkenne Gottes Licht in allem, und frage nicht nach der Herkunft.“ Daher ist es wichtig für einen Sikh, täglich über Gottes Namen zu meditieren. An zweiter Stelle steht ein Leben in ehrlichem Verdienst, überdies sollte der Sikh seinen Verdienst mit anderen teilen. Guru Nanak sah sich als Diener und Botschafter Gottes. Ihm folgten neun weitere Gurus.

Der Gottesdienst in der Gurdwara ist beendet, ein junger Mann verteilt aus einer großen Metallschüssel an jede ausgestreckte Hand einen kleinen nassen Klumpen. Es ist ein Mehl-Butter-Zucker-Gemisch. Früher war dies für viele Sikhs ein wichtiger Nahrungsbestandteil, sodass keiner einen leeren Magen haben musste. In Grüppchen strömen die Menschen nach draußen, jetzt gibt es ein gemeinsames Essen ein Stockwerk tiefer. In einem schmalen Raum lassen sich die Sikhs im Schneidersitz nieder, drei Reihen bilden sie, an den Seiten und eine in der Mitte des Raumes. Metallteller werden verteilt, dann geben Männer aus großen Schüsseln ein fünfgängiges Menü aus. Jeder bekommt von jedem etwas: Salat, Joghurt mit Kichererbsen, Kartoffel-Gemüse-Curry, Linsengrütze, Bathura aus Vollkornmehl und süßen Milchreis. Becher sind für Wasser da und Tassen für Tee. Jeder unterhält sich mit jedem. Ist jemand fertig, wird sein Platz kurze Zeit später von einem anderen Sikh eingenommen, der sofort bedient wird.

Dialog zwischen den Religionen

Amarjeet Singh ist einer von ihnen. Er ist 72 Jahre alt und in Lahore geboren. Studiert hat er Elektrotechnik in Indien und dort auch für das deutsche Unternehmen AEG gearbeitet. Später ist er dann für diesen Arbeitgeber nach Berlin gewechselt. Doch das ist jetzt schon 45 Jahre her. Etwa einmal im Jahr fährt Amarjeet Singh zurück in seine Heimat, in der es regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der hinduistisch geprägten Zentralregierung und Anhängern der Sikh-Religion kommt. Amarjeet Singh informiert sich täglich über die politische Lage in Indien mittels Internet und Zeitung, oder er geht zu den häufigen Veranstaltungsabenden. Auch das Thema Religionen in Berlin interessiert ihn. So hat Amarjeet Singh den Wunsch, den Dialog zwischen den verschiedenen Religionen in Berlin zu führen. Er geht mit gutem Beispiel voran, seine Frau ist Deutsche, und seine hier geborene Tochter hat einen Moslem geheiratet. Singh bringt seine Religion in den Alltag mit ein. So schaut er seit neuestem jeden Morgen im Fernsehen den Gottesdienst mit Meditationen.

Viele Sikhs leben schon lange in Berlin. Der 70-jährige Bhuai Singh wohnt in einem dreistöckigen Haus in Hermsdorf. Er trägt einen gelben Dastar, wie der Turban bei den Sikhs heißt, blaue Jeans und sitzt barfuß in einem Ledersessel, die Beine angezogen. Um seine Augen sind viele kleine Lachfalten, die besonders zu sehen sind, wenn er grinst. An den Wänden hängen Landschaftsbilder in braunen, grünen und gelben Farben. Seine Frau bringt auf einem Tablett schwarzen Tee herein. Ein violettes, leicht durchsichtiges Tuch bedeckt ihren Kopf. Sie setzt sich auf das Ledersofa. Ihre Lippen sind wegen der deutschen Aussprache angespannt, wenn sich ein Lachen über ihr Gesicht zieht, sind die Lippen voll und entspannt. Bhuai Singh gehört zu einer der losgelösten Organisationen der Sikh-Gemeinde. Regelmäßig praktiziert er Gebete und leistet soziale Dienste in der Gemeinschaft.

Frauen heißen Prinzessin

Etwa 100 Sikh-Familien leben in Berlin. Gefährlich findet Bhuai Singh Berlin nicht. Früher lebte er in West-Berlin und mied die Außenbezirke. Bei den Behörden traten nur Schwierigkeiten bei der Namensgebung auf, da die meisten Sikhs mit Nachnamen Singh heißen, entstand Verwirrung. Gobind Singh, der zehnte Guru, bestimmte die Vereinheitlichung der Nachnamen, damit das Kennzeichnen des Kastenwesens verlorenging. Seitdem tragen alle Männer den Nachnamen Singh, übersetzt Löwe, und die Frauen heißen Kaur, Prinzessin.

Wenn im Gurdwara-Zentrum alle fertig sind mit essen, hört man aus der Küche fröhliche Gesänge der Männer, die mit Trockentüchern und Bürsten in der Hand das Geschirr säubern, denn für die Frau will der Mann sein Bestes in der Küche zeigen und ihr Zeit lassen, sich sonntags entspannt mit ihren Freundinnen zu unterhalten. Die gute Küche lebt von Spenden aus den Familien. In der Küche wird der Turban von manchen Männern aufgelassen. Pflicht ist nur die Kopfbedeckung in einer Gurdwara. Die Farbe des Turbans spielt keine Rolle, doch zu bunt sollte es nicht sein. Amarjeet Singh hatte damit anfangs Probleme: „In Indien trug ich alle Farben, auch wenn diese nicht zusammenpassten. Aber ich wurde oft auf die unstimmigen Farben angesprochen. Jetzt trage ich immer einen weißen Turban, der verfärbt nicht in der Wäsche und passt zu allem. In Indien ist der weiße Turban ungünstig, da er schnell dreckig wird: Indien ist sehr staubig.“

Langsam leert sich der Essraum, und auch die Küche ist bald sauber. Wer will, kann sich die Essensreste mitnehmen. Kinder spielen Verstecken, Frauen und Männer unterhalten sich. Auch Amarjeet Singh sitzt im Schneidersitz im Gebetsraum. Für ihn ist Gott die Wirklichkeit, er ist überall, er leitet alles, er ist der Macher.

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