Das Kind lag unter einem Tisch und schaute mich an. Diese Augen werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“ Seit diesem Moment verspürt Christina Gronenberg aus Bad Homburg eine unglaubliche Verbundenheit mit Brasilien. Schon ihr Großvater zeigte ihr Briefe von seinen Patenkindern auf der ganzen Welt. Die blauäugige, blonde 46 Jahre alte Chefin eines Modegeschäftes mit dem offenen und fröhlichen Gesicht bekommt heute eine Gänsehaut, wenn sie sich die Fotos ihrer Reisen nach Brasilien anschaut.
Alles begann im Sommer 2006. Sie besuchte ein Kinderheim in São Paulo und eines in Ijui. Christina Gronenberg hatte Geld für eine Kuh gesammelt, die sie einem Kinderheim schenkte, und verschaffte sich ein Bild von der Lage. Besonders in São Paulo waren die Erfahrungen niederschmetternd: „Sobald die Dämmerung eingesetzt hatte, war es nicht mehr möglich, auf die Straße zu gehen.“ Die Schule, in die die Heimkinder gehen, wird oft in Schichten organisiert. „Die eine Hälfte der Kinder besucht die Schule morgens, die andere Hälfte abends. Dies muss aufgrund eines Lehrermangels so gehalten werden.“ Wenn ein Kind neu in ein Heim kommt, müsse ihm meistens erst noch erklärt werden, was Hygiene ist und wie man Zähne putzt.
Eine andere Vorstellung von Familie
„Was bei uns Familie genannt wird, ist in Brasilien meist eine Frau mit vielen Kindern. Dabei kommt es nicht selten vor, dass zehn Kinder zusammen acht Väter haben. Dass dies Probleme wie Aids nach sich zieht, ist kaum eine Frage. Wenn man auf der Straße ist, dann kann man manchmal ein totes Baby auf der Straße liegen sehen; wie Müll weggeworfen.“ In Brasilien gebe es die Reichen, sie haben studiert und ein Haus; und es gebe die Armen, die nicht studieren können und alle nur denkbaren Aufgaben übernehmen müssen. „Diese Spaltung ist nicht gerecht, aber von den Reichen gewollt. Sie brauchen billige Arbeitskräfte.“
Aufgrund dieser Erlebnisse war Gronenberg kurz davor zu resignieren, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte, die Menschen in Brasilien zu unterstützen. Andererseits konnte sie nach diesen Erfahrungen nicht mehr untätig bleiben: Arme Menschen in Brasilien zu unterstützen wurde zu ihrem Herzensanliegen.
Kleine Summen locken keine Mafiosi an
Nach ihrer ersten Reise entschloss sie sich, ein privates Hilfsprojekt zu gründen. Das Projekt nennt sich „Ein Tropfen auf den heißen Stein“. Unter anderem kauft sie Kochstellen oder Matratzen und gibt sie an Menschen weiter, die sich diese Dinge nicht leisten können. Aber auch Schuluniformen besorgt sie, ohne die man keine Schule besuchen darf; oder sie finanziert die Sterilisation für Frauen, die schon zu viele Kinder haben. Das Projekt unterstützt mit einem Betrag von 5000 bis 10.000 Euro im Jahr Einzelne, die konkreten Mangel erleben. „Wir kümmern uns um vier bis fünf Frauen und zwei bis drei Kinder.“ Christina Gronenberg kennt vor Ort Menschen, denen sie vertrauen kann und die das Geld in ihrem Sinne einsetzen. Sie hat ihre Ansprechpartner auf den verschiedenen Reisen nach Brasilien kennengelernt, beispielsweise eine Besitzerin eines kleinen Geschäfts.
„Mehr Geld kann man nicht nach Brasilien weitergeben“, erklärt sie. „Wenn man 5000 Euro auf ein Konto in Brasilien überweist, würde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ein Bankangestellter auf dieses Konto aufmerksam werden und versuchen, von dem Geld etwas abzubekommen.“ Mafiosi seien hinter jeder größeren Summe her; Politiker, Behörden und auch die Polizei. Aus diesen Gründen wolle sie gar nicht, dass das Projekt weiter wachse. Ihr Anspruch ist, mit den gespendeten Beträgen bestimmte Personen zu unterstützen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sodass der gesamte Betrag dort ankommt, wo er gebraucht wird.
Viele Tropfen nennt man Regen
Mit dem Geld möchte sie im Idealfall erreichen, dass die Unterstützten studieren können, damit sie sich selbst aus der unteren Bevölkerungsschicht lösen können. Sie hofft auf eine Art Dominoeffekt.
Besonders möchte sie Frauen unterstützen. „Schon als Kleinkind werden Mädchen daran gewöhnt, sich darstellen zu müssen. Sie brauchen einen Mann, wenn sie erwachsen sind. Doch oft endet es so, dass ein Mädchen schon in der Schulzeit schwanger wird. Dies ist meistens der Anfang vom Ende. In den meisten Fällen rutschen solche Mädchen in die Prostitution ab, weil sie durch das Baby nicht in der Lage sind, einen Schulabschluss zu erreichen, ohne den sie keine Chance in Brasilien haben.“
Trotz einer Außentemperatur von 30 bis 35 Grad trägt Christina Gronenberg auf allen Bildern, die sie zeigt, einen Pullover: „Ich habe wahrscheinlich von innen gefroren.“ Nicht verwunderlich, wenn man in einem Kinderheim in ländlicher Gegend ein Mädchen kennenlernt, nicht einmal ein Jahr alt, das von seiner Mutter mit einer Eisenstange auf den Schädel geschlagen wurde. Dieses Mädchen ist übrigens jenes, das unter dem Tisch lag und Frau Gronenberg anschaute. Doch trotz der trostlosen Situation in den Heimen und Armenvierteln, die Hilfe scheint zu greifen. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“ hat etwa eine Frau unterstützt, die dadurch als Krankenschwester arbeiten kann. Es ist nur ein Tropfen. Doch viele Tropfen nennt man Regen.
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