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Knochenmarkspende In der Tüte hing sein neuer Lebensanfang

26.01.2010 ·  Arne Gebhardt war schwer an Leukämie erkrankt. Dass es dem 21-Jährigen heute gut geht, hat er engagierten Ärzten und vor allem einer Knochenmarkspende zu verdanken.

Von Julieta Jacobi Freie Waldorfschule Kreuzberg, Berlin
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Die Ärzte haben mich fünf- oder sechsmal für lebensunfähig erklärt. Da waren meine Eltern fast erleichtert, als sie hörten, ich hätte Leukämie.“ Arne Gebhardt, 21 Jahre alt, mittelgroß, sportlich gekleidet, mit kurzen, zurückgekämmten, braunen Haaren, lächelt gelassen. Er lebt in Berlin-Dahlem, trifft sich gerne mit Freunden, geht feiern und spielt Playstation. Früher hat er auch Tennis gespielt. Aber nach der langen Zeit im Koma ist sein Sehvermögen stark eingeschränkt.

„Ich war mit meinen Eltern im Urlaub in Bad Saarow. Es war mein 17. Geburtstag. Abends noch haben meine Familie und ich zur Feier des Tages zusammen gegessen. Dann fingen die Bauchkrämpfe an.“ Noch am selben Abend wurde er ins Krankenhaus gebracht. Nach vier Stunden hustete er Blut, und er wurde in den OP geschoben, um seine Lunge zu begutachten. „Ich dachte, ich komme da gleich wieder raus. Als ich aufwachte, habe ich gefragt, wie lange ich geschlafen habe. Sechs Wochen war die Antwort.“ Die Ärzte erkannten, dass Arne mit der Lunge nicht überleben konnte. Um ihm Qualen zu ersparen, entschlossen sie sich, ihn in ein künstliches Koma zu versetzen.

Anfangs hofften die Ärzte noch

Arne wendet sein Gesicht nachdenklich dem Fenster zu. Von weitem ist die lange Narbe gar nicht sichtbar, die sich von seinem Kehlkopf zum Kinn schlängelt. Genau dort wurde Arne die Luftröhre aufgeschnitten, um ihn mit Sauerstoff am Leben zu erhalten. Als er aus dem sechswöchigen Koma bewegungsunfähig und teils blind erwachte, begann die Chemotherapie.

Leukämie ist eine Krankheit, bei der zu viele weiße Blutkörperchen gebildet werden. Weiße Blutkörperchen dienen zur Abwehr von Krankheitserregern und anderen körperfremden Stoffen. Die Überproduktion hat Blutarmut und leichte Blutung zur Folge, bis hin zur Funktionsunfähigkeit von Organen. Die Chemotherapie sollte Arnes Immunsystem zerstören. Als es sich dann nach Beendigung der Chemotherapie wieder erneuerte, hofften die Ärzte, dass sich die Leukämieblutkörperchen nicht wieder nachbilden würden. Doch ohne Erfolg. Nach zwei Jahren war die Anzahl der Leukämieblutkörperchen deutlich zu hoch. Arne schaut auf sein Gegenüber und zeigt lächelnd seine weißen Zähne: „Die zweite Diagnose Leukämie war am schrecklichsten. Da wusste ich, was auf mich zukommt.“

Ganz normale Menschen helfen

Es gab noch eine Rettung: gespendetes Knochenmark. Die Deutsche Knochenmarkspendedatei (DKMS) vermittelt Stammzellen freiwilliger Stammzellenspender an Leukämieerkrankte wie Arne. Nach einer höchstdosierten Chemotherapie besteht kein Immunsystem mehr, und der Körper lässt im Idealfall zu, dass fremde Stammzellen die Aufgaben des alten Immunsystems übernehmen. „Statt der gewohnten Medikamente hing da plötzlich eine durchsichtige Tüte voll mit zähflüssigen rotbraunen Stammzellen. Das war mein neuer Lebensanfang.“ Das Blut eines freiwilligen Spenders in Arnes Körper macht es möglich, dass er heute seine Lebensgeschichte erzählen kann.

Wer sind die freiwilligen Spender? Ricarda Henkel, bei der DKMS zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, versichert, die Spender seien ganz normale Menschen, die meist von Geschichten aus der Presse oder aus dem Bekanntenkreis aufgerüttelt worden seien und mit ihrer Spende helfen wollten. Eine von ihnen ist die 24-jährige Viktoria Nellessin. Sie ist schlank und trägt ein rosa Poloshirt mit blauen Jeans. Ihre blonden Haare sind in einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie ist eine begeisterte Reiterin, aber seitdem sie in der Berliner Charité Zahnmedizin studiert, fehlt ihr die Zeit.

Viktoria erläutert recht nüchtern, wie das Spenden von Knochenmark abläuft. „Erst einmal werden fünf Milliliter deines Blutes untersucht und du wirst registriert. Wenn mindestens zehn deiner Gewebemerkmale mit denen eines Erkrankten gleich sind, kommst du für eine richtige Spende in Frage. In 80 Prozent der Fälle werden dir wie auch bei mir dem Blut Stammzellen entnommen. Diese Stammzellen sind aggressiv und wirkungsvoll, dafür sind die Abwehrreaktionen des Empfängers wie Juckreiz und Gliederschmerzen oft stark. Die Stammzellen aus dem Blut werden deshalb meistens von schwer Erkrankten genutzt.“

Als wenn viele kleine Nadeln stechen

Sachlich sagt die Studentin: „Wenn dir aus dem Knochenmark Stammzellen entnommen werden, sind diese sehr wahrscheinlich für Kinder oder Jugendliche bis 18 Jahren. Sie wirken langsammer, und die Abstoßreaktionen des Empfängers sind geringer. Dazu wird dir in den Knochen gebohrt. Aber der sogenannte Bohrer ist so fein, dass der Einstich nicht genäht werden muss.“ Viktoria hat sich fünf Tage lang den hormonähnlichen Stoff G-CSF gespritzt. Der Stoff bewirkt, dass die Stammzellen aus dem Beckenkamm „überschwappen“ und eine Überdosis im Blut vorhanden ist. „Das fühlt sich so an, wie wenn viele kleine Nadeln in deinen Körper stechen. Als meine Stammzellen durch das spezielle Verfahren der Leukaphase aus meinem Blut gefiltert wurden, war das so erleichternd, wie wenn alle Nadeln auf einmal rausgezogen werden würden.“ Viktorias Spende ist nun in den Vereinigten Staaten bei einem 35-jährigen Mann. Sie bekommt regelmäßig Nachrichten, dass es dem Amerikaner mit ihrer Spende sehr gut geht. Nähere Informationen hat sie nicht, denn zwei Jahre haben Spender und Empfänger anonym zu bleiben.

Alle 45 Minuten erkrankt allein in Deutschland ein Mensch an Leukämie. Zwei Millionen potentielle Spender haben sich in Deutschland bereits registrieren lassen. Einzige Bedingung: zwischen 18 und 55 Jahre alt und gesund. Arne hat noch keinen Kontakt zu seinem Spender aufgenommen. Das fremde Blut hat ihn wieder voll zu Kräften kommen lassen. Er konnte sein Abitur beenden und wird sich im nächsten Jahr zu seiner Berufswahl nähere Gedanken machen. Das Blut muss fast die gleiche Struktur wie sein altes Blut haben, denn sein Körper zeigt keinerlei Abwehrreaktionen.

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