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In der Fernbeziehung Liebe auf Raten

14.04.2009 ·  Alexander ist bei der Bundeswehr und verliebt. Er ist in Stralsund stationiert, seine Freundin lebt in Darmstadt. Der Marinesoldat versucht, den Balanceakt zwischen Kindheitstraum und Beziehungsglück zu stemmen.

Von Janna Flach, Edith-Stein-Schule, Darmstadt
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Eine krächzende Stimme ertönt aus dem Lautsprecher am Bahnsteig: „Der ICE nach Hamburg hat eine Verspätung von fünfzehn Minuten. Wir bitten dies zu entschuldigen!“ Verärgerung ist auf dem Gesicht des jungen Mannes zu lesen, der jetzt seinen olivfarbenen Seesack schultert und sich auf die nächste Bank setzt. Acht Stunden Zugfahrt liegen nun vor ihm. Knapp 800 Kilometer, die ihn von einem Wochenende bei seiner Freundin trennen. Anna lebt im hessischen Darmstadt, und seit über einem Jahr gestaltet sich die Reise ins Wochenende nach dem gleichen Muster: Warten am Bahnhof, hoffen, dass alle Anschlusszüge erreicht werden und aus acht Stunden nicht zehn oder zwölf werden.

Traum von der Zeit auf See

Der junge Mann mit den blonden Haaren, den hellen blauen Augen und dem Seesack auf der Schulter ist Marinesoldat in Stralsund. Für seinen Traum von einer Zeit auf See muss er viele Schwierigkeiten in Kauf nehmen. So wie Alexander Schmitz geht es jährlich vielen jungen Männern in Deutschland, die sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob sie ihren Wehrdienst ableisten oder den Zivildienst vorziehen. Viele junge Männer und Frauen entscheiden sich für die Uniform, weil eine Karriere bei der Bundeswehr durchaus reizvolle Facetten zeigt.

Ausbildungs- oder Studienmöglichkeiten sowie ein für junge Leute ansprechendes Gehalt machen eine Zeit bei der Bundeswehr für viele Deutsche attraktiv. Doch zieht ein solcher Entschluss auch gewisse Probleme nach sich. Familie und Freunde leiden unter dieser Situation, da auf einmal große Entfernungen überbrückt werden müssen. Die Kaserne liegt, wenn sich auch die Bundeswehr um diesen Umstand bemüht, nicht zwangsläufig vor der eigenen Haustür, und so müssen mitunter große Reisen unternommen werden, um die Angehörigen wiederzusehen.

Zwischen Kaserne, Eltern und Freundin

Auch Alexander kann seine Freundin und seine Familie nur alle paar Wochen besuchen, weil es aus finanziellen Gründen nicht möglich ist, sich jedes Wochenende zu treffen. Seine Lage wird noch dadurch verkompliziert, dass Familie und Freundin nicht an einem Ort wohnen. Reist er für Anna nach Darmstadt, so muss er, um seine Eltern zu besuchen, bis nach Flensburg fahren. So pendelt er zwischen Kaserne, Elternhaus und Freundin hin und her. Gerade Beziehungen stellt dies auf harte Bewährungsproben. „Ich telefoniere jeden Abend mit meiner Freundin, aber es ist nicht dasselbe, wie sie bei sich zu haben“, gibt Alexander zu.

Fernbeziehungen sind nicht leicht, und es erfordert großes Vertrauen auf beiden Seiten, sie aufrechtzuerhalten. Flatrates und günstige Handyverträge machen es heute leichter möglich, große Zeiträume mit langen Telefonaten zu überbrücken, doch einfacher wird es auf der emotionalen Ebene dadurch für die Betroffenen nur bedingt.

Müde vom nahenden Abi

Auch Alexanders Freundin Anna Glarwin fällt die Situation oft nicht leicht. „Ich stecke gerade mitten in den Abiturvorbereitungen. Wenn ich manchmal müde und gestresst zu Hause sitze, würde ich mir schon wünschen, dass er einfach da wäre und mich in den Arm nehmen würde.“

Mit gemischten Gefühlen schaut Alexander auf die Zeit, in der er mit der Flotte in den Einsatz muss. Die Marine ist derzeit vor dem Libanon im Einsatz, und Alexander ist ab dem kommenden Jahr auf einem Minenjäger stationiert. „Einerseits freue ich mich auf diese Zeit, weil sie der Grund war, warum ich zum Bund gegangen bin, aber andererseits ist es auch schlimm, wenn ich Anna während ihrer Abiturprüfungen vielleicht nicht moralisch unterstützen kann.“

Die Einsatzzeit bei der Marine beträgt bis zu sechs Monate, und das wirkt schon wie eine kleine Ewigkeit auf das junge Paar. Die beiden sind froh, dass Alexander auf einen Minenjäger versetzt wurde, da diese meist nur einige Wochen oder wenige Monate am Stück auf See verbringen. Telefonieren ist dann nur selten möglich, und sie können lediglich über Briefe und SMS in Kontakt bleiben. Alexander weiß aus Erzählungen, dass viele Partnerschaften in dieser Zeit zerbrechen, aber er hat auch von jenen gehört, die viele Auslandseinsätze zusammen überstanden haben und deren Beziehung noch gestärkt wurde.

Im Frühjahr zerbrach die Beziehung

Neben Alexander auf der Bank sitzt sein Freund Markus Blumer. Er ist groß und schlank. Seine großen dunklen Augen und die braunen Locken verleihen ihm ein südländisches Aussehen. Er ist ebenfalls Marinesoldat in Stralsund und hat sich auch drei Jahre der Herausforderung einer Fernbeziehung gestellt. In dieser Zeit pendelte er, sooft es ging, zwischen Stralsund und Leipzig hin und her. Er und seine Freundin kamen lange mit der Situation zurecht, doch im Frühjahr zerbrach die Beziehung.

„Wir kannten uns, schon bevor ich zum Bund gegangen bin, aus der Schule und waren uns sicher, dass wir auch eine Wochenendbeziehung meistern würden. Ich bin so gut wie jedes Wochenende zu ihr gefahren und hab geglaubt, dass ihr das reichen würde. Aber mit der Zeit haben wir immer stärker festgestellt, dass wir uns auseinanderleben. Ich war zweimal für mehrere Wochen auf See, und das hat uns beiden nicht gutgetan. Es hat sich eine Distanz zwischen uns aufgebaut, die zu überbrücken wir nicht geschafft haben. Als ich dann wieder zu ihr gefahren bin, hat sie sich von mir getrennt. Ich war danach wirklich am Boden zerstört, aber mittlerweile denke ich, dass es die richtige Entscheidung war. Es wäre auf die Dauer wohl nicht gutgegangen.“ Alexander hofft jedoch, dass er nicht dieselben Erfahrungen wie sein Freund machen muss.

Er möchte etwas von der Welt sehen

Auch Anna wünscht sich, dass die Beziehung in dieser Zeit nicht zerbricht. „Im Moment kann ich mir noch kaum vorstellen, wie es ist, so lange nichts voneinander zu hören und sich auch nicht zu sehen. Es sind ja zum Glück immer nur ein paar Wochen, die er am Stück weg ist. Das ist viel leichter auszuhalten, als wenn es sechs Monate wären.“

Ob Alexander es unter diesen Umständen bereut, zur Bundeswehr gegangen zu sein, verneint er. „Zwar ist es nicht immer einfach, aber die Arbeit an sich macht mir Spaß. Es war einfach schon immer mein Traum, zur See zu fahren. Schon mein Vater und mein Großvater waren bei der Marine und sind zur See gefahren. Ich habe die beiden immer bewundert, und spätestens seit ich angefangen habe zu segeln, war mir klar, dass ich später auch eine Zeit auf See verbringen will. Ich möchte etwas von der Welt gesehen haben, bevor ich alt und grau bin. Außerdem sind meine Eltern das beste Beispiel dafür, dass eine Partnerschaft auch lange Trennungen überstehen kann. Mein Vater ist Berufssoldat, und ihre Ehe hat all die vielen Auslandseinsätze überstanden. Sie geben Anna und mir Hoffnung, dass auch unsere Beziehung meine Bundeswehrzeit übersteht.“

Und so wird Alexander weiterhin, sooft es geht, seinen Seesack schultern und sich auf die weite Reise zu seiner Freundin begeben. Denn wie viele andere Soldaten auch muss er Hindernisse in Kauf nehmen, um Privatleben und den Traum von der weiten Welt zu vereinen. Und aus dem Bahnsteiglautsprecher ertönt: „Mit fünfzehnminütiger Verspätung fährt jetzt der ICE nach Hamburg ein.“ Mit vielen anderen Reisenden erheben sich erleichtert auch die beiden jungen Männer, packen ihre olivfarbenen Taschen und begeben sich auf die Reise.

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