Um acht Uhr morgens schlurft ein blonder und groß gewachsener Junge in beige-olivgrüner Uniform in die Küche, in der sich Berge von schmutzigem und gewaschenem Geschirr auftürmen und es noch ein wenig nach den verbrannten Resten einer Tiefkühlpizza des Vortags riecht. Fritjof Büttners Haar ist zerzaust. Seine müden Augen und das knurrend hervorgepresste „Guten Morgen“ lassen darauf schließen, dass seine letzte Nacht nicht lang genug war. „So ist das immer, wenn hier abends gefeiert wird“, sagt er mit einem schiefen Grinsen, „vor allem, weil ich dauernd Besuch habe.“
Wir befinden uns im Otterzentrum Hankensbüttel in der Nähe der Lüneburger Heide, wo der gebürtige Göttinger mit 14 weiteren jungen Männern seinen Zivildienst leistet. Büttners Blick fällt auf ein Regal, das eine gesamte Wand bedeckt und in zahlreiche, mit Namen beschriftete Fächer aufgeteilt ist. Hier kann jeder seine eigenen Lebensmittel aufbewahren, die auf den ersten Blick größtenteils aus Dingen wie Toastbrot, Nutella und Müsli bestehen. „Welcher Idiot hat mein Toastbrot genommen?“, stöhnt der Zivi auf einmal missmutig und sagt dann grimmig, dass viele „das mit dem privaten Essen“ nicht kapieren und sich einfach an den Fächern anderer bedienen. So muss er sich heute dann wohl mit einer Schale Schokomüsli und Joghurt begnügen. Nach einem kurzen Frühstück geht es weiter mit der Arbeitsverteilung.
Die knallharte Runde A
Alles drängt darauf, „Runde B“ zu machen, da dort morgens zunächst die Wohnstätten der Tiere gereinigt werden müssen, wobei man die nächtlichen Strapazen verarbeiten und eventuell sogar ein Nickerchen auf dem Heuboden wagen kann. „Runde A“ hingegen beginnt knallhart mit einer dreistündigen Führung für interessierte und fragefreudige Besucher. Außerdem umfasst diese Runde zuvor das gewöhnungsbedürftige Zubereiten von Fisch, Kuhmagen, Küken und klebrigem Katzenfutter, ein Anblick, den man sich am frühen Morgen doch lieber ersparen möchte.
Fritjof Büttner ist erst seit kurzer Zeit im Otterzentrum und arbeitet deswegen für eine Übergangszeit stets mit einem der sieben „alten“ Zivis zusammen. Die Neulinge lernen dadurch von den alten Hasen. „Bis jetzt läuft alles wie geschmiert“, sagt der Abiturient. Das trifft für ihn vor allem heute zu, denn er gewinnt den Wettstreit um „Runde B“ und macht sich kurz darauf etwas weniger verdrießlich an die Arbeit als so manch anderer.
Akut vom Aussterben bedroht
„Die Fläche des Otterzentrums am Isenhagener See umfasst sechs Hektar“, erklärt Büttner und referiert: „Es entstand 1988 als eine in Europa einzigartige Naturschutzbildungseinrichtung des gemeinnützigen Vereins Aktion Fischotterschutz, der 1979 gegründet wurde und seit 1992 zu den anerkannten Naturschutzverbänden gehört. Das zentrale Anliegen dieses Vereins beruhte ursprünglich ausschließlich auf der Erhaltung des akut vom Aussterben bedrohten Fischotters. Da dies jedoch nur möglich ist, wenn angemessene Lebensräume vorhanden sind, wurde der Fischotter im Laufe der Jahre mehr und mehr zum Symbol eines ganzheitlichen, innovativen Naturschutzes zur Sicherung der Lebensgrundlagen aller Lebewesen.“
Im Otterzentrum können neben dem Fischotter auch Otterhunde und die otterverwandten Iltis, Baum- und Steinmarder, Dachs und Hermelin beobachtet werden, die alle zur Gattung der Marderartigen gehören. Beim Wandern durch das riesige Gelände findet man überall Fragespiele und mechanische Vorrichtungen, die dazu dienen, den Besuchern bestimmte Sachverhalte zu verdeutlichen und den Naturschutz näherzubringen. Über diese Informationsvermittlung hinaus betreibt das Otterzentrum zudem eine eigene, separate Forschungsstation, deren Wissenschaftler im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums, des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz forschen.
Naturnah mit Gestrüpp
Um 13 Uhr beginnt die erste Führung für „Runde B“. Etwa 15 Minuten lang erfährt der Besucher nun etwas über jedes Tier, während es gefüttert wird. Fritjof Büttner und sein aufgeweckter Kollege Julian Hawkins erklären geduldig, was es mit all diesen kecken Marderartigen auf sich hat. Im Vordergrund stehen dabei natürlich vor allem die Fischotter, die wie alle ihre Artverwandten in naturnah gestalteten Gehegen mit Fluss und Gestrüpp untergebracht sind.
Die Informationen reichen von Größe, Gewicht und Nahrung bis hin zu Paarungsverhalten und Jungtieraufzucht: „Zur Paarungszeit treffen sich diese strikten Einzelgänger, doch wie man das von den Männern eben so kennt, machen sich auch die Ottermännchen danach schnell wieder aus dem Staub und überlassen den Otterdamen die Aufzucht der Kleinen“, verkündet Büttner und entlockt so manchem Zuhörer ein verstohlenes Grinsen. Nach drei Stunden Führung gibt es eine knapp einstündige Mittagspause für die Zivis. „Zum Restaurant zu gehen dauert jetzt eindeutig viel zu lange“, grummelt der erschöpfte Büttner nur und wirft sich mit einem Seufzer auf eines der Ledersofas im Wohnzimmer.
Er schleppt sich aufs Zimmer
Quer durch den gesamten Raum von Wand zu Wand ist dieses mit langen Kronkorkenketten geschmückt, ein mehrere Meter messendes Brett über der breiten Fensterfront ist voll gestopft mit unzähligen, leeren Schnapsflaschen, große Pinnwände sind geschmückt mit alten Fotos und Notizen, und sogar ein toter Iltis hängt an der Wand. Es gibt einen Kicker, einen riesigen Tisch und einen Kühlschrank, der so laut ist wie Omas Kaffeemaschine. Der Raum sieht aus, als hätte er den für den Folgetag angesetzten Putztag wirklich nötig. Kaum hat die Mittagspause begonnen, so scheint es, ist sie auch schon wieder vorbei, und eine zweite, letzte Führung erwartet die Zivis. Um 18 Uhr ist dann endlich jedes Tier gefüttert und sind auch die Besucher auf ihre Kosten gekommen, während sich Büttner nach schlafloser Nacht und verrichteter Arbeit auf sein Zimmer schleppen kann.
Was ist schon Herumsitzen in der Schule verglichen mit Kuhpansenauswaschen und Käfige ausmisten? Fritjof Büttner stellt jedoch klar: „Es macht mir echt Spaß, Führungen allein und in eigener Verantwortung zu machen und den Leuten was beizubringen. Außerdem sind die Tiere einfach super.“ Und er fügt hinzu: „Wenn ich nicht gerade mal wieder Besuch habe und sich unser beschauliches Zivi-Heim in eine tosende Partyhütte verwandelt, ist man tagsüber auch eigentlich fit.“ Alle Zivis sind sich einig, dass die Arbeit „sinnvoll und interessant“ ist, aber auch, dass das gelegentliche Feiern einfach dazugehöre und man somit ab und zu mit den Konsequenzen leben müsse. Hol’s der Otter!