Ein wildes Getümmel aus Massen von Fans. Geschrei, Pfiffe, Anfeuerungen und das immer wieder ertönende Hundegebell. Die Knie zittern leicht, das Herz pocht schneller, und die Anspannung ist kaum auszuhalten. Dann endlich. Fünf, vier, drei, zwei, eins - Go! So läuft der Start eines Schlittenhunderennens für Georg Frauenholz und seine sechs Sibirian Huskies ab. Für Schlittenhunderennen gibt er sein Herzblut. "Ich liebe die kalte Jahreszeit und bin gern mit den Hunden in der Natur unterwegs", sagt er. Da ist es nicht verwunderlich, dass der gesamte Jahresurlaub im Winter gebraucht wird. Diesem Lebensstil hat sich auch seine Frau Erika angepasst. Sie ist die sogenannte Doghandlerin und begleitet ihren Mann zu jedem Rennen. Der Doghandler hilft dem Musher, dem Hundeführer, vor dem Rennen beim Eingeschirren und Einspannen der Hunde. Außerdem begleitet er das Schlittengespann zum Start, holt es am Ziel wieder ab und befreit die Hunde aus den Geschirren.
Georg Frauenholz ist 56 Jahre alt. Der große Mann wiegt etwa 90 Kilogramm und trägt braunes Haar. Er arbeitet bei einer Autofirma in Sindelfingen als Gärtner und ist gleichzeitig Hausmeister des dortigen Wohnheims. Seine sechs Hunde leben bei der Familie zu Hause in einem Zwinger mit Auslauf. Wenn aber die Rennsaison ansteht, ist der Wohnluxus für die Hunde vorbei. Dann muss als Schlafplatz für jeden Hund eine der sechs etwa zwei Quadratmeter großen Boxen ausreichen, die mit einer speziellen Halterung auf dem Pickup Auto der Familie befestigt sind. Tagsüber sind die Hunde am sogenannten Stake-out angebunden. Dass ist eine lange Kette, an der sechs kürzere Ketten abgehen, an denen die Hunde festgemacht sind. Frauenholz und seine Frau schlafen in einem Wohnwagen.
All dies hat seinen Preis und macht diese Sportart zu einem teuren Hobby. "Allein der Aufbau für den Pickup kostet neu rund 4000 Euro", erklärt Georg Frauenholz. Hinzu kommen drei Schlitten, die neu je 1500 bis 2500 Euro kosten, ein Trainingswagen, der neu mit 1500 Euro zu Buche schlägt, Geschirre, Zugleinen, Futter, Tierarztkosten, Hundeversicherung und -steuer, ein Zwinger, Renngebühren und nicht zu vergessen die Hunde. Ein reinrassiger Hund kostet etwa 1000 Euro. Bei diesen Unmengen an Ausgaben habe er die Gesamtkosten ein klein wenig aus den Augen verloren, sagt er und fügt trocken hinzu: "Ich schätze mal, dass die Gesamtsumme etwa 60 000 Euro beträgt." Manch anderer mag den Kopf schütteln. Für seine Leidenschaft arbeitet Frauenholz den kompletten Frühling und Sommer ohne einen Tag Urlaub durch.
Im Sommer liegen die sechs Hunde, jeder in sich zusammengerollt wie eine Schnecke und auf Stroh gebettet, eng aneinander gekuschelt beisammen. Dieses ruhige und stundenlange Beisammenliegen wird lediglich durch seltenes Aufjaulen oder Seufzen gestört. Getreu dem Motto "Geteiltes Leid ist halbes Leid" wird die Hitze gemeinsam in einem Knäuel ertragen. Wenn der Sommer sich verabschiedet und die Temperaturen unter 15 Grad liegen, wachen die sechs Huskys langsam aus der Sommerpause auf, und das Training für die Saison beginnt. "Bei höheren Temperaturen überhitzen Huskys sehr leicht und können kollabieren. Wir lassen die Hunde immer mal wieder auf unserem Gartengrundstück frei laufen und rumtoben. Das reicht im Sommer vollkommen aus", sagt Frauenholz. Schmunzelnd fügt er hinzu: "Ich arbeite im Sommer und habe meinen Urlaub im Winter. Die Hunde arbeiten im Winter und haben ihren Urlaub im Sommer."
Urlaub mag es aber nicht jeder nennen, wenn man sich im Winter bei jedem Wetter viermal in der Woche, mehrere Stunden und teilweise bis 40 Kilometer auf einem Schlitten von Hunden durch die Natur ziehen lässt. Aber genau das ist es, was der Familie die Erholung gibt. "Wir genießen es, mit den Hunden stundenlang durch die unberührten Wälder und Wiesen zu fahren", sagt Frauenholz leicht verträumt. Zu Beginn der Saisonvorbereitung läuft er mit den Hunden kürzere Distanzen von fünf bis zehn Kilometern. Langsam und über die Vorbereitung verteilt wird die Strecke bis auf 40 Kilometer gesteigert. "Es wären auch durchaus 50 bis 60 Kilometer drin, aber einer meiner Hunde hat Zuckerprobleme."
Neben der Kondition werden auch die Kommandos, die für die Fahrt wichtig sind, trainiert. Es gibt ein Kommando zum Links- und Rechtsabbiegen, zum Losfahren, zum Anhalten und zum Wenden. "Vor allem die Leithunde müssen auf diese Kommandos hören, da sie die anderen Hunde mit steuern. Dazu müssen sie sehr selbstbewusst sein und dürfen keine Angst haben." Die Leithunde bilden das vordere Gespann, danach folgen die Swingdogs, und das Abschlussgespann bilden die Wheeldogs, die die stärksten sind.
Wenn die Hunde ihr Futter bekommen, läuft alles gesittet und nach dem gleichen Muster ab. Wilde Kämpfe um das Futter sind tabu. Jeder Hund hat im Zwinger seinen eigenen Fressplatz und seinen Napf. Sobald Futter im Napf ist, fangen die Hunde gierig an zu fressen, ein Geräusch von Geschmatze überwiegt. Im Winter gibt es Leistungsfutter, das mehr Fett enthält, und Brühe vor dem Training.
In diesem Winter nimmt Frauenholz an fünf Rennen teil. Er geht in der einzig nicht gewerteten Klasse, der Tourenklasse, an den Start. Bei der Tourenklasse werden Langstrecken ab 25 Kilometer ohne Plazierungsergebnisse gefahren. "Da geht es um das Dabeisein und den Spaß am Sport. Allerdings bin ich auch schon bei einem gewerteten Rennen in Geslau-Oberndorf Zweiter geworden", erklärt er. Geslau-Oberndorf liegt in Bayern nahe Rothenburg ob der Tauber. Beim längsten mitteleuropäischen Schlittenhunderennen, der Trans-Thüringia, war Frauenholz mit seinen sechs Hunden auch am Start. Dabei ist er in neun Tagen 385 Kilometer gefahren. Und er hat beim Polar-Distance-Rennen in Schweden teilgenommen, das er als sein härtestes Rennen bezeichnet. Er übernachtete draußen. Die Hunde mussten einen größeren Schlitten ziehen mit Zelt, Schlafsack, Kocher, Wasser, Nahrung, Kleidern. Aufgrund der Erkrankungen zweier Hunde musste Frauenholz bei Kilometer 45 abbrechen. Es sei schon eine Enttäuschung für ihn gewesen, da er extra von Deutschland angereist sei, erzählt er.
Es ist ein etwas anderes Leben, das die Familie Frauenholz führt. Der Mann ist der Meinung, dass nicht sehr viele Deutsche mit ihm tauschen würden. "Beim Kampf Sommer gegen Winter hätte der Sommer bei mir keine Chance", erklärt er. Auf die Frage, wie er überhaupt zu diesem außerdem außergewöhnlichen Sport gekommen sei, muss er kurz lachen und antwortet: "Durchs Joggen. Ich wollte einen Hund für jedes Wetter."