Nach dem dreißigminütigen Fußmarsch zur Falkenhöhle werden letzte Vorbereitungen getroffen. Die Teilnehmer im Alter von 13 bis 18 Jahren ziehen trotz Temperaturen von etwa 25 Grad Celsius ihre alten Jacken an. Vor der Falkenhöhle wartet die Höhlen-Arbeitsgemeinschaft des Heubacher Rosensteingymnasiums, bis der 64-jährige Gruppenführer seine Ausrüstung angelegt hat. Gerhard Novak ist seit 30 Jahren fasziniert von Höhlen. Er trägt einen Helm, an dem eine Lampe befestigt ist. Die Falkenhöhle liegt in einem Wald in der Nähe von Bartholomä auf der Ostalb, etwa 60 Kilometer östlich von Stuttgart. Von außen deutet nichts darauf hin, dass die Höhle 90 Meter lang ist.
Ein eigenes Klima
Alle klettern durch das verrostete Gittertürchen, das von Mai bis Ende September geöffnet ist, ins Dunkle. Diese Öffnungszeiten schützen die Fledermäuse während ihres Winterschlafes. Wenige Schritte später befindet man sich in der Eingangshalle der Höhle. Der Boden ist voller Buchenlaub, an der Wand hängen Spinnennetze. Hier ist es beträchtlich kühler. „Die Höhle hat ihr eigenes Klima“, erklärt der Höhlenführer. „Im Sommer 2002 haben wir hier 12,3 Grad gemessen, da dies ein sehr heißer Sommer war. Im Winter sinkt die Temperatur nur auf 9 bis 10 Grad, da der Fels die Wärme, die er im Sommer aufgenommen hat speichert und abgibt.“
Wie ein Hinkelstein
Im Gänsemarsch durchqueren die vier Mädchen und Jungen die zwei Meter hohe Halle. Steine, Stöcke und Pfützen, in denen sich das Licht der Taschenlampen reflektiert, zwingen zur Vorsicht. Es geht leicht bergab. Am Ende der Halle wird es enger, die Wände werden steiler, der Boden wird matschiger. Als der Höhlenbach erscheint, mahnt Novak zur Vorsicht. Es geht durch einen engen Gang hindurch, den man nur kriechend meistert. Dahinter eröffnet sich ein ungewöhnlicher Anblick. Ein 2,50 Meter hoher Stein, der aussieht wie ein Hinkelstein, steht senkrecht in seichtem Gewässer. Eine andere Besonderheit stellen die Bereiche dar, in die man zwar hineinsehen kann, aber in die kein Mensch vordringen kann. Durch einen Spalt erkennt man, dass die Höhle sich dahinter fortsetzt, ihre Geheimnisse aber nicht preisgibt.
Über dem Hinkelstein erkennt man ein riesiges Loch in der unregelmäßig geformten, von Kalk überlagerten Decke. „Dieser Stein muss früher aus der Decke herausgebrochen sein und genau senkrecht auf dem Höhlenboden gelandet sein. Exakt passt der Stein wieder in die Decke hinein. Danach muss sich der Teich um den Stein ausgebildet haben, da das Wasser durch den Lehm, der von außen in die Höhle transportiert wird, nicht abfließen kann“, erklärt Novak mit hallenden Worten.
Gang zur Stalagmitenhalle
Auf dem Rückweg, über den Höhlenbach hinweg, zweigt rechts hinter der Hinkelsteinhalle ein Gang zur Stalagmitenhalle ab. Angestrahlt von den Taschenlampen, bestaunen alle die Stalaktiten und die drei großen Stalagmiten. Stehen kann hier niemand, alle sitzen in der etwa ein Meter fünfzig niedrigen „Halle“. Kalk, der sich an den Decken und Böden ablagert, bildet im Zeitraum von Jahrtausenden Gebilde, die typisch für wasserführende Höhlen sind.
„Wer solche Schätze aus der Höhle mitnimmt, ist ein Dieb und gehört angezeigt. Denn was hier im Zeitraum von sogar hunderttausend Jahren wächst, ist dann in wenigen Augenblicken wieder verschwunden“, mahnt Novak. Oberstes Gebot ist es, „nichts in der Höhle zu hinterlassen außer seinen Fußabdrücken“. „Und wenn man dringend muss?“, fragt Michael grinsend. „Selbst das muss unbedingt vor der Höhle gemacht werden. Das Ökosystem der Höhle ist sehr empfindlich, es würde viele Jahrzehnte dauern, bis der Fremdstoff abgebaut wäre.“