24.08.2009 · Durch einen ungeliebten Umzug wurde Konstantin zum Außenseiter. Dann geriet er in die falsche Clique und war ein Jahr lang schwer drogenabhängig. Jetzt ist er geheilt.
Von Marei Streicher, Mariengymnasium, JeverWenn du selbst schon ganz tief in der Scheiße gesteckt hast, weißt du ganz genau, wie schwer es ist, da wieder herauszukommen“, sagt der 23-jährige Sozialpädagogikstudent Konstantin Berger aus der Kleinstadt Minden in Nordrheinwestfalen, direkt an der Grenze zu Niedersachsen. Der hochgewachsene junge Mann schaut dabei auf den Boden. Seine dunkelbraunen, klaren Augen wirken aufgeweckt und wissbegierig. Es fällt schwer zu glauben, dass der intelligente Student mit gutem Zweier-Abitur noch vor wenigen Jahren unfähig war, ein normales Leben zu führen. Konstantin Berger war über ein Jahr lang schwer drogenabhängig.
„Im Rückblick kann ich selbst kaum glauben, was die Drogen aus mir gemacht haben“, erklärt er. Angefangen hat die Geschichte, als sein Vater eine neue Arbeitsstelle in der Nähe von Minden annahm und Konstantin mit seiner Familie von Hamburg in die Kleinstadt umziehen musste. „Ich war damals 15, und es fiel mir sehr schwer, mein gewohntes Umfeld zurückzulassen und in Minden neue Freunde zu finden“, schildert Konstantin die anfänglichen Probleme in seiner neuen Heimat. Er wollte sich nicht mit dem Umzug abfinden, fand in Minden keinen Anschluss und wurde dadurch schnell zum Außenseiter.
Den Zusammenhang erkannte niemand
Die psychischen Probleme wirkten sich natürlich auch auf seine schulischen Leistungen aus, die bis dahin immer sehr gut gewesen waren. Immer häufiger brachte er jetzt Vieren und Fünfen statt Einsen und Zweien nach Hause. Ein Nachhilfelehrer sollte Abhilfe schaffen. Einen Zusammenhang zwischen den schlechten Noten und Konstantins psychischem Leiden erkannte niemand. „Ich konnte und wollte meinen Eltern die Entscheidung zum Umzug nicht verzeihen und sprach mit ihnen so gut wie kein Wort mehr. Deshalb gaben sie der Pubertät auch die Schuld an meinem Verhalten und den schlechten Leistungen in der Schule und maßen meinem ignoranten Verhalten erst mal keine große Bedeutung zu“, erklärt der schlanke, junge Mann mit dunkelblonden Haaren.
Mittlerweile unterließen auch seine Mitschüler jegliche Versuche der Kontaktaufnahme. „Erst als sich alle von mir abwendeten, erkannte ich, dass ich es selbst verschuldet hatte, immer noch keinen Anschluss gefunden zu haben“, erkennt Konstantin seinen damaligen Fehler an. Das Ausgegrenztsein nahm ihm auch die letzte Motivation für die Schule. Seinen immer größer werdenden Kummer ertränkte Konstantin mit Alkohol in einer Kneipe, in der er eines Abends von einer Gruppe Jugendlicher angesprochen wurde. Sie luden ihn auf mehrere Bier ein und erklärten ihm, dass sie eine Gang gegründet hatten, die sich „Fear“ nennt. „Ich war so froh, dass endlich wieder jemand Kontakt zu mir aufnahm, dass ich mir keine Gedanken darüber machte, warum sie ausgerechnet mich ansprachen. Im Nachhinein ist mir natürlich klar, dass sie in mir das perfekte Opfer gesehen haben“, erklärt Konstantin und fügt leise hinzu „und schließlich auch gefunden haben.“
Je mehr Alkohol, desto mehr Lob
Nach diesem Abend traf Konstantin sich immer häufiger mit der Gruppe. Nach einem viertel Jahr durfte er sich als „offizielles Mitglied der Gang“ bezeichnen, die sich nun fast täglich traf. Als jüngstes Mitglied war Konstantin dafür zuständig, dass bei jedem Treffen mehrere Flaschen hochprozentiger Alkohol zur Verfügung standen. „Schnell wurde es zur Normalität, nachmittags volltrunken zu sein. Und selbst, wenn ich mal keine Lust hatte zu trinken, tat ich es trotzdem, aus Angst, negativ aufzufallen. Je mehr Alkohol man trank, desto mehr Lob und Anerkennung erntete man von den anderen“, erklärt Konstantin das Zusammenleben innerhalb der Gruppe.
Für die Treffen mit der Gang fing er schließlich sogar an die Schule zu schwänzen, denn die anderen Mitglieder hatten bereits nach der neunten Klasse die Schule abgebrochen. Ihr einziger Lebensinhalt bestand in den täglichen Treffen und dem Vandalismus, durch den sie ihrer Unzufriedenheit ein Ventil gaben. „Wir fingen mit dem Anstecken von Mülleimern an, randalierten auf Friedhöfen und anderen öffentlichen Plätzen. Jeder wollte zeigen, dass er es wagt, die Grenzen noch weiter zu überschreiten“, berichtet Konstantin. Zu der Zeit kamen auch Drogen mit ins Spiel. Der Älteste der Gruppe brachte eines Abends Haschisch mit zum Treffen. „Ich war mittlerweile so vom Gruppenzwang überwältigt, dass ein Ablehnen der Drogen für mich nicht in Frage kam. Zu groß war die Angst, meine neuen ‚Freunde‘ zu verlieren“, erzählt Konstantin und schaut wieder auf den Boden. „Komisch der Zusammenhang zwischen dem Gangnamen und meiner Angst wird mir erst jetzt bewusst.“
Keine gewöhnlichen Pubertätsprobleme
In die Schule ging er mittlerweile immer seltener und traf sich stattdessen nur noch mit der Gang „zum sinnlosen Rumhängen und Saufen“. Das Fehlen in der Schule sorgte schließlich dafür, dass Konstantins Eltern darauf aufmerksam wurden, dass es sich nicht um gewöhnliche Pubertätsprobleme handelt. „Eines Nachmittags als ich nach Haus kam, saß mein Englischlehrer, zu dem ich noch das beste Verhältnis hatte, an unserem Küchentisch, und mir war sofort klar, dass meine Eltern wussten, dass ich meine Vormittage nicht in der Schule verbrachte“, beschreibt Konstantin den Nachmittag, an dem sich alles wenden sollte. Das Lügengerüst, das er über mehrere Monate aufgebaut hatte, brach zusammen.
„Die Blicke meiner Eltern waren unerträglich. Meine Mutter gab sich selbst immer die Schuld an meiner Entwicklung.“ Konstantin sah seinen Fehler zwar ein, dennoch war klar, dass er nicht einfach zur Tagesordnung übergehen konnte. Zusammen mit seinen Eltern beschloss er, eine Jugendhilfe zu beantragen, die ihn fortan mindestens dreimal in der Woche besuchte. „Auch wenn ich mich anfangs ziemlich gegen die Beratung stellte, war sie unheimlich wichtig, um meine Motivation vor allem für die Schule wieder zu wecken“, beschreibt Konstantin seine Erfahrungen. Die Treffen mit der Gruppe musste er von dem einen auf den anderen Tag abbrechen, denn der Kontakt zu ihr war die größte Gefahrenquelle.
Sie stärkten ihm den Rücken
Zusammen mit seinen Eltern machte er zwei Wochen Urlaub in seiner alten Heimatstadt Hamburg und besuchte alte Freunde. „Es tat unheimlich gut, meine alten Kumpel wiederzusehen. Das gab mir den Aufschwung, den ich brauchte, um auch in Minden wieder klar Schiff zu machen“, sagt Konstantin und lächelt. Nach dem Urlaub beschloss er zusammen mit seiner Jugendhilfe, das Schuljahr zu wiederholen, um doch noch das Abitur machen zu können. „Die Mitarbeiter stärkten mir immer den Rücken, suchten mit mir Perspektiven und Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen.“ Zu dem Zeitpunkt beschloss er, nach dem Abitur Sozialpädagogik zu studieren, fasste wieder Mut, fand Anschluss in der Schule und mit dem konkreten Ziel vor Augen wurden auch schnell die Noten in der Schule wieder besser, so dass er sein Abitur schließlich mit 2,3 absolvierte. „Ich weiß jetzt schon, dass ich mich im späteren Berufsleben vor allem in der Jugendhilfe engagieren möchte“, erzählt Konstantin, und seine Augen fangen an zu strahlen.