21.01.2010 · Philipp Jeschke ist fast blind. Aber diese Einschränkung hindert den energiegeladenen 17-Jährigen nicht daran, ein Gymnasium zu besuchen, Musik zu machen und seine Jugend zu genießen.
Von Tina von Jakubowski, Koop-Schülerin des Kaiser-Karls-Gymnasium Aachen am Couven-Gymnasium AachenIch finde, als Blinder musst du ein Repertoire an Blindenwitzen auf Lager haben. Leider sind die immer abgenutzter, man brauchte mal ein paar gute neue“, erklärt Philipp Jeschke und erzählt, wie er einmal gegen einen Briefkasten lief und sich anschließend entschuldigte. Der 17-Jährige ist mit einer Mittelgesichtsfehlbildung zur Welt gekommen, deren Ursache unbekannt ist. Während seiner Kindergartenzeit besaß Phillip noch 25 Prozent Sehfähigkeit, die dann abnahm. Er könne sich an Umrisse und Farben erinnern, das sei alles. „Aber das ist nicht wichtig. Ich mache mir mein Bild von Menschen eben auf andere Weise, zum Beispiel über die Stimme.“ Ebenso nutzt er seinen Gehörsinn für Hobbys und in der Schule. Damit Philipp die Regelschule, das Viktoria-Gymnasium Aachen, besuchen kann, macht er Gebrauch von einem ausgeklügelten System. Der einfachste Teil davon ist wohl die Tatsache, dass die Lehrer „eben mal zwei Tage im Voraus planen müssen“. Philipp wird in der Schule von einem Jugendlichen begleitet, der bei ihm sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) macht.
Braillezeile an seiner Tastatur
Außerdem wird Philipp von einem sogenannten GU (Gemeinsamer Unterricht)-Lehrer der Blindenschule Düren betreut. Dieser sieht einmal in der Woche nach dem Rechten, sorgt dafür, dass der Schüler Arbeitstechniken erlernt und steht den Lehrern zur Seite. Arbeitsblätter und Klausuren tippt der FSJler für Philipp in den Computer. An die Tastatur ist die sogenannte Braillezeile befestigt. Über diese kann Philipp in Blindenschrift die aktuelle Anzeige auf dem Bildschirm lesen. Der Computer würde sich natürlich gut als Mittel zum Schummeln erweisen, doch das fände er unfair: „Entweder man packt es oder nicht.“
Da er Mathe- und Physikleistungskurs hat, muss er viel mit Zeichnungen arbeiten, hierfür wird eine spezielle Folie genutzt. Zum Beispiel Parabeln werden sozusagen darauf geprickelt, und Philipp kann sie anhand der Wölbungen erfühlen und damit arbeiten.
Bücher eignet sich Philipp am liebsten über Hörspiele an, denn er liest nicht gern. Bücher sind in Blindenschrift viel dicker und auch als Word Dokument anstrengend zu lesen. „Mit einer Behinderung musst du viel mehr leisten. Zum Beispiel als Blinder, der nicht Telefonist oder Masseur werden will und der durch seine Behinderung viele andere Ausbildungsberufe, die oft etwas mit dem Handwerk zu tun haben, nicht ergreifen kann, hat man mit Abitur eine viel, viel bessere Ausgangsposition“, stellt Philipp fest. Doch seine berufliche Zukunft ist für ihn ein Thema, das ihn manchmal resignieren lässt. So kann er sich unter anderem vorstellen, Lehrer an einer Regelschule zu werden.
In die Disko mag er nicht
n seiner Freizeit spielt Philipp Gitarre und Schlagzeug, mit seiner Band hat er schon drei eigene Songs geschrieben. Musik hört er jedoch nur privat, er ist kein „Partytyp“, da „keine 1000 Pferde“ ihn in eine Disko bringen. Dort gibt es nur laute, volle Räume, und man begibt sich in die totale Abhängigkeit von Begleitpersonen, da man sich auf seinen Gehörsinn in einem Club nicht mehr verlassen kann. „Man weiß nur noch, dass man mit zwei Füßen auf dem Boden steht. Ne, ich behalte lieber meine Sinne bei mir, die ich noch habe.“
Mit seiner Behinderung geht er ziemlich souverän um. Er befürwortet hier das Verhalten von Kindern: „Erst begaffen sie dich wie ein Zootier, und dann stellen sie jede Menge Fragen, bis sie ihr Interesse verlieren, und dann bist du einfach ein Teil ihrer normalen Gesellschaft. Die Eigenschaft, Behinderten so zu begegnen, geht aber leider mit dem Alter verloren.“