24.11.2009 · Ein Palliativteam in Bremen sorgt sich sowohl um den Körper, als auch um die Seele der unheilbar Kranken. Zuwendung und Schmerzmittel lindern das Leid des Abschieds.
Von Gareb Aepler, Charlotte-Paulsen-Gymnasium, HamburgAm Morgen wird auf den Tisch ein Blumenstrauß gestellt, daneben brennt eine Kerze. Sie ist weit heruntergebrannt. Wenn einer der Mitarbeiter der Palliativstation des Krankenhauses Links der Weser in Bremen vorbeikommt, sorgt er dafür, dass die Kerze weiterbrennt. Sie leuchtet für einen Patienten, der hier vor zwanzig Stunden gestorben ist. Es gibt Tage, an denen stehen hier zwei oder drei Kerzen. Die Angehörigen und Freunde der Verstorbenen, die sich in das danebenliegende Gedenkbuch eintragen wollen, kommen trotz ihrer Trauer manchmal miteinander ins Gespräch. Der Tod ist auf der Palliativstation etwas Alltägliches, das zum Leben dazugehört. Niemand wird mit ihm alleingelassen.
Er ist abgemagert und kraftlos
Die Erkrankten, die hier aufgenommen werden, sind Schwerstkranke, denen die normale, auf Heilung ausgerichtete Medizin nicht mehr helfen kann. Aber „nicht mehr helfen können“ ist eine Aussage, die es für die Mitarbeiter hier nicht gibt. In dem Besprechungsraum sitzt ein Team aus ärztlichen und pflegenden, psychosozialen und seelsorgerischen Berufen und bespricht die Möglichkeiten, die sich anbieten, um die Lebensqualität des neu eingetroffenen Patienten H. zu verbessern. H. hat eine weit fortgeschrittene Tumorerkrankung und starke Schmerzen, er ist abgemagert und kraftlos, hat massive Ängste vor dem Sterben und davor, seiner Frau und seinem fast erwachsenen Sohn durch sein Leiden zu einer beinahe unerträglichen Belastung zu werden. An erster Stelle steht die Bekämpfung der Schmerzen. Der Arzt Tomas Wolff ist Schmerztherapeut und zieht Vor- und Nachteile verschiedener Medikamente und Therapien in Betracht. Dann sucht er H. in seinem Zimmer auf, um in Ruhe das zu besprechen, was für den Erkrankten jetzt am wichtigsten ist. Mit großer Geduld überwindet er ohne Aufdringlichkeit mit einfühlsamen Fragen die Distanz zwischen Arzt und Patient. Die Angst und Panik des Erkrankten werden auf- und angenommen und der nahende Tod nicht verschwiegen. Aber Wolff zeigt dem Patienten klar: Er ist nicht allein, es werden alle Maßnahmen ergriffen mit dem Ziel, die Lebensqualität des Betroffenen und seiner Angehörigen zu verbessern. Maßnahmen, die das Leben lediglich verlängern, ohne Leiden zu lindern, finden nicht statt.
Mit der Seelsorgerin im Wintergarten
Derweil sitzt die Seelsorgerin mit der Ehefrau von H. und dessen Sohn in einem der freundlichen Wintergärten der Station. Schnell wird klar, wie lange die Familie schon mit ihrer Verzweiflung alleingelassen wurde. Tränen fließen. Eine Sozialarbeiterin kommt hinzu und bietet ihre Hilfe für alle zu treffenden Regelungen an. Ein älterer Herr, der still mit einer Tasse Tee im Wintergarten gesessen hat, beginnt ein Gespräch mit dem Sohn. Seine Mutter ist hier auf der Station vor einem Jahr gestorben, und noch immer kommt er regelmäßig her, um sich zu erinnern, die Mitarbeiter wiederzusehen, die ihm so nahe gekommen sind, und um sich zu vergewissern, dass Menschen nicht allein sein müssen mit Tod und Trauer. Auch Wolff gesellt sich zu der Gruppe. In einem intensiven Gespräch ohne Scheu bemühen sich alle um Offenheit und bahnen den Weg für ein besseres Verständnis zwischen dem Kranken, seinen Lebenspartnern und dem Klinikpersonal.
Frau und Sohn sind erschöpft
Es ist Nachmittag geworden. H. hat die ersten neuen Medikamente erhalten: hochwirksame Schmerzmittel, mit seinem Einverständnis auch Psychopharmaka zur Angstlösung, etwas gegen seine Verstopfung und ein Medikament zur Pflege seines ständig trockenen Mundes. Aus der Musikanlage neben seinem Bett dringen die Klänge seines Lieblingskomponisten. Das erste Mal seit längerer Zeit ist er entspannt und schläft. H.s Frau und sein Sohn sind erschöpft, aber es fällt ihnen schwer, nach Hause zu gehen und H. auf der Station zurückzulassen. Wolff schlägt ihnen vor, einfach dazubleiben, bis sie sehen, dass es H. gutgeht. Eines der Apartments für Angehörige ist frei. Wolff begleitet eine andere Patientin zur Tür. Sie wird von ihrem Lebensgefährten abgeholt. Zwei Wochen intensive Betreuung haben ihre Schmerzen erträglicher gemacht und sie trotz ihres unheilbaren Krebsleidens noch einmal so weit zu Kräften kommen lassen, dass sie sich einen großen Wunsch erfüllen kann: noch einmal das Meer sehen. Andere Teammitglieder kommen hinzu, Umarmungen. „Und wenn es ein Problem gibt, rufen Sie an!“ Die Frau wird bald wiederkommen, ihre Krebserkrankung schreitet unerbittlich fort.
Von Cecily Saunders, einer Gründerin der Hospizbewegung, stammt der Satz: Wir können nicht dem Leben mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben. Wolff sagt: „Die Medizin hat eine intensive Geburtshilfe für uns Menschen, wenn wir auf die Welt kommen. Die Palliativmedizin und jedes Team, das dafür arbeitet, wünscht sich eine ebenso intensive Betreuung für uns Menschen, wenn wir diese Welt verlassen müssen. Etwas, das so sinnvoll ist, wird gerne getan.“