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Joachim Gauck in der Schule Opa Achim erzählt vom Krieg

15.03.2010 ·  War Honecker nicht Bundeskanzler? Und Willy Brandt irgendeine wichtige Nummer im Osten? Die Jugend weiß nur wenig über die DDR. Ein Fall für Joachim Gauck: Der „Herr der Akten“ hat eine neue Mission.

Von Stefan Locke
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„Ich werde nicht über die Stasi reden“, sagt Joachim Gauck überraschend, denn so war er eigentlich angekündigt. „Das kann man ja auch alles nachlesen.“ Stattdessen steht er jetzt in der Aula der Gustav-Heinemann-Schule in Rüsselsheim, hebt die rechte Hand mit dem abgespreizten Daumen senkrecht über den Kopf und brüllt: „Immer bereit!“ So hatten Schüler in der DDR montags zum Fahnenappell und jeden Morgen ihre Lehrer auf die Aufforderung „Seid bereit!“ hin zurück zu grüßen. Gauck erzählt - nun in moderatem Ton - von Jung- und Thälmannpionieren, von schicken blauen und roten Halstüchern und von Marie, dem Mädchen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als auch einmal ein solches Halstuch zu tragen. „Ihre Eltern aber lehnen das ab“, sagt Gauck. „Doch Marie will es unbedingt, um nicht mehr schief angeguckt zu werden, um dazuzugehören.“

Die meisten der rund 250 Schüler hören jetzt gebannt zu. Gauck ist von seinem Platz vorn auf dem Podium aufgestanden und hat sich unter sie gemischt. Er hatte aus seinem Buch „Winter im Sommer, Frühling im Herbst“ zu lesen begonnen, aber er ist ein viel besserer Redner und als solcher nun ganz in seinem Element. Mit Verve und mit Empathie schildert er den Alltag Maries zwischen oppositionellem Elternhaus und schulischem Anpassungsdrang; er erzählt, wie sie als Jugendliche im Unterricht anders redet als daheim, vormittags in Aufsätzen den Sozialismus lobt und nachmittags die von der Oma aus dem Westen mitgebrachte „Bravo“ liest. Die Schüler, zwischen 16 und 18 Jahre alt, lachen jetzt. „Bravo“ liest hier doch keiner mehr. Gauck weiß das natürlich, und es hilft ihm, die Zeit einzuordnen. Es ist ja auch schon alles mehr als zwanzig Jahre her.

So weit entfernt wie die RAF

Die Zeit, über die er als Zeuge spricht, hat keiner der Schüler hier erlebt. Als sie geboren wurden, war Deutschland längst wieder vereint. Begriffe wie DDR und Erich Honecker klingen für sie so weit entfernt wie RAF und Willy Brandt. Und manchmal vermischen sie sich auch, wie Jugendumfragen zeigen. War Honecker nicht Bundeskanzler und Brandt irgendeine wichtige Nummer im Osten? Großer Aufruhr herrscht dann jedes Mal, aber darum geht es Gauck eigentlich gar nicht. Er ist gerade siebzig Jahre alt geworden, vor zwanzig Jahren begann sein Leben ziemlich aufregend zu werden - und er könnte darüber heute noch immer „heulen vor Glück“. Binnen nicht mal eines Jahres wurde er damals vom Pfarrer in der DDR mit drei Mitarbeitern zum Leiter einer Bundesbehörde mit mehr als 3000 Angestellten im vereinten Deutschland mit der Aufgabe, die Hinterlassenschaften einer Diktatur aufzuarbeiten. Das war einmalig auf der Welt.

„Ich liebe die Freiheit“, sagt er und ergänzt später, wie „wahnsinnig pathetisch“ das wohl klingen muss. „Aber es gefällt mir, das so auszusprechen.“ Gauck meint es ehrlich, bei aller Eitelkeit, die ihm nicht ganz zu Unrecht attestiert wird. „Ich würde auch viel zurückhaltender formulieren, wenn ich im Westen aufgewachsen wäre.“ Weil er sich dann womöglich auch daran gewöhnt hätte, die Demokratie für selbstverständlich zu halten, die nächste Wahl beiläufig zur Kenntnis nehmen und vielleicht vergessen würde. Er kann diese Haltung verstehen, aber nur schwer akzeptieren. Seit dem 18. März 1990 geht er zu jeder Wahl. Deshalb ist er als Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen - für Demokratie“ auch ständig auf Tour, nicht nur an Schulen, aber dort besonders gern; „Reisender Demokratielehrer“ nennt er sich dann.

Eine Art Feldstudie

DDR-Geschichte steht in Rüsselsheim im ersten Halbjahr der Klasse 13 kurz vor den Abi-Prüfungen auf dem Plan. Das Thema sei schon ziemlich trocken, sagen mehrere Schüler, und die Sichtweise darauf ohnehin eine streng westliche. Hallstein-Doktrin, Blockbildung, Ostpolitik und Kalter Krieg. Allenfalls noch der Mauerbau hat Eindruck hinterlassen. „Unfassbar, dass die ein ganzes Land eingemauert haben“, sagt Stefan Heger aus dem Leistungskurs Geschichte. Das hätten ja nicht mal die Nazis fertiggebracht. Die DDR wirke auf ihn heute wie ein „Spaßverein“, sagt sein Mitschüler Sven Glasner. „Diese Parolen, der Dialekt, die Namen.“ Was man eben so mitbekommt in Zeitungen und im Fernsehen. Wie es sich dagegen wirklich hinter der Mauer gelebt hat, das können sie sich nicht vorstellen, und deshalb ist Gaucks Auftritt auch eine Art Feldstudie: So also sieht ein Ossi aus, so hat er gelebt.

Gauck mag den Begriff Ossi nicht besonders, dafür umso mehr seine Rolle. Schon als Stadtjugendpfarrer in Rostock sei es seine Stärke gewesen, jungen Menschen etwas beizubringen, sie für etwas zu begeistern. „Ich fürchte mich nicht vor der jungen Generation wie diese Leute, die jetzt voller Verwunderung über Frau Hegemann räsonieren.“ In der Rüsselsheimer Aula sitzen vor allem Schüler aus dem Leistungskurs Geschichte, doch viele haben den Namen Gauck zuvor im Unterricht zum ersten Mal gehört; und im Normalfall entlockt ein unbekannter alter Mann aus diesem ehemaligen Staat im, von hier aus gesehen, fernen Osten Jugendlichen allenfalls ein Gähnen.

Zwei Stunden Aufmerksamkeit

Gauck aber schafft es, zwei Stunden lang die Aufmerksamkeit zu halten. Schon nach wenigen Minuten legen auch die letzten ihre Handys weg, auf denen sie eben noch gesimst oder gespielt haben. Er spricht von seinem Vater, der 1951 abgeholt und nach Sibirien verschleppt wurde, wie die Familie mehr als zwei Jahre lang nichts über seinen Verbleib wusste und wie diese Zeit ihn, den damals Elfjährigen, politisiert habe. Seinen Zorn darüber schildert er beinahe bebend. „Auch Oberschüler, Cliquen, junge Leute wie ihr wurden damals einfach abgeholt und ins Gefängnis gebracht.“ Seine Mutter verbot der Familie wegen der Sache mit dem Vater jegliche Fraternisierung mit dem System. Gauck war weder Pionier noch FDJler und wurde so statt Lehrer schließlich Pfarrer.

Er weiß, dass weder seine Biographie noch seine Familie typisch für die DDR sind, aber an beiden lässt sich das System ganz gut erklären, werden die Konsequenzen der Diktatur für den Einzelnen greifbar. Das Mädchen Marie, das dazugehören will, und der Oberschüler Paul, der sich um der Karriere willen zur Armee verpflichten soll, sind dann auch nur Synonyme für das, was Gauck in seiner Familie und seinem Umfeld tatsächlich erlebt hat. Seinen Söhnen wurden Abitur und Studium verwehrt, seinem Bruder die Karriere - nicht aus Unfähigkeit, sondern weil sie nicht in die Partei oder eine ihrer Organisationen eintreten wollten. „So ergeht es einem, wenn man sich in der Diktatur querstellt“, sagt Gauck. Jeder müsse sich selbst fragen, wie er damals gehandelt hätte.

„Diktatur geht überall“, warnt Gauck

Das ist in der Tat die schwierigste Übung, aber Gauck liefert eine plausible Antwort. Man könne sich dem Sog einer vermeintlich Gutes verheißenden Diktatur nur schwer entziehen; wenn alle mitmachten, sei man sehr wahrscheinlich auch selbst dabei, denke schließlich gar nicht mehr darüber nach und verändere sich. Das sei der Grund, warum Ost- und Westdeutsche noch verschieden sind. „Die Leute hier sind ja charakterlich nicht besser. Sie durften nur vierzig Jahre eher in Freiheit leben.“ Bei dem ein oder anderen hier in der Aula aber, stellt er am Ende der Veranstaltung fest, habe er schon diesen Gedanken lesen können: „O Gott, ich hätte auch als Ossi ganz gut funktioniert.“

Die Schüler lachen, aber als Pfarrer kennt Gauck die menschlichen Schwächen nur zu gut. „Diktatur geht überall“, warnt er. „Auch hier in Hessen.“ Wer das nicht glaube, müsse nur in die Archive der Jahre zwischen 1933 und 1945 blicken. Lehrer, Direktoren, Professoren, Bürgermeister - alle hätten sie mitgemacht. „Aber man muss nicht mitmachen“, ruft Gauck. „Wir haben alle immer eine Wahl im Leben.“ Dabei weiß er zu gut, dass dies Wunschdenken und selbst in der Freiheit Zivilcourage alles andere als selbstverständlich ist.

Bis heute eine Reizfigur

Die Schüler fragen wenig, aber doch präzise. Warum in den neuen Ländern so viele rechtsradikal wählen, was er von der Linkspartei halte, wie man in der DDR überhaupt Pfarrer werden konnte und ob er denn nie fliehen wollte. „Nein“, sagt Gauck, der in seinen Antworten gelegentlich weit abschweift, weil alles irgendwie mit allem zusammenhängt. Die Heimat, die Kirche, die Familie - das alles habe er nicht verlassen wollen. Und doch spürt man förmlich den Schmerz, als er berichtet, wie Ende der achtziger Jahre nacheinander drei seiner vier Kinder in den Westen gingen. Er aber blieb und bekam schließlich die Chance und zugleich die Bürde seines Lebens: Er wurde „Herr der Akten“.

Vor allem im Osten ist Gauck deshalb bis heute eine Reizfigur, hoch verehrt, aber auch abgrundtief verhasst. Was in seiner Behörde gefunden wurde, entschied über die Zukunft so vieler Lebenswege. „Gaucken“ wurde in den Neunzigern zum Synonym für unangenehmes Stochern in der Vergangenheit. Dabei hat er die Akten nicht erfunden, sondern verwaltet, geordnet und ausgewertet, gegen alle Widerstände in Ost und West. Den einen, vor allem Normalbürgern und ehemaligen Eliten, war seine Auswertung zu radikal, den anderen, meist Bürgerrechtlern, agierte er zu lasch; Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble wiederum forderten gar, das Material zu vernichten.

„Verdammt lange her“

Der Konflikt über die Bewertung der DDR aber sei zwischen den Ostdeutschen heute viel größer als zwischen Ost und West, sagt Gauck. Ganz abgesehen davon, dass man ihn im Osten viel seltener einlade als im Westen, sei auch der Widerspruch in den neuen Ländern enorm. Besonders spüre er das in den Schulen, wo die DDR häufig verklärt werde. Viele Schüler hätten ein DDR-Bild, das ihre Altersgenossen in den achtziger Jahren nie gehabt hätten. „Die waren doch fertig mit dem Land.“ Die Jugendlichen heute aber versuchten, ihre Eltern zu beschützen. „Genau wie im Westen in den fünfziger und sechziger Jahren, als beim ,Führer' auch nicht alles schlecht gewesen war“, sagt Gauck. „Die wollen natürlich nicht, dass die eigenen Eltern schlecht gewesen sein könnten.“

Am Ende kommt er dann doch noch kurz auf die Stasi zu sprechen, erzählt von deren 90.000 hauptamtlichen Mitarbeitern und doppelt so vielen Spitzeln, um 17 Millionen Menschen zu überwachen. „Diese Dimension hat mich schon sehr beschäftigt“, sagt Stefan Heger aus der 13. Klasse. „Man kann es sich einfach nicht vorstellen“, ergänzt Sven Glasner. „Es ist eben auch verdammt lange her.“ Beide haben jetzt erst mal andere Sorgen; am Montag beginnen für sie die Abiturprüfungen. „Es ist ja auch gut, dass die Jugend die Vergangenheit nicht so verbissen sieht wie wir Erwachsenen“, sagt Gauck. „Aber Wissen schadet nichts.“

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