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Immer mehr Nichtschwimmer Unterprivilegiert im Becken

 ·  Nur die Hälfte aller Kinder kann nach der vierten Klasse schwimmen, vor allem der Nachwuchs aus sozial schwachen Familien hat oft das Nachsehen. Schuld sind mal wieder die Eltern.

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Das dunkelhaarige Mädchen im rosa Badeanzug versinkt wie ein Stein. Gott sei Dank ist das Becken nicht tief. Nur sechzig Zentimeter, quasi ein Planschbecken. Die Drittklässlerin stemmt die Beine auf den Boden und taucht wieder auf. „Noch mal“, ruft Peter Hirlav. Aber die Kleine hat genug und schüttelt den Kopf. Eine junge Kollegin Hirlavs fasst das Mädchen an den ausgestreckten Armen und zieht es vorsichtig durchs Wasser. „Es gibt viele Kinder, die noch nie im Schwimmbad waren, wir müssen sie ans Wasser gewöhnen, damit sie die Angst verlieren“, sagt Hirlav. Er ist Schulsportleiter an der Hostatoschule, einer Grundschule im Frankfurter Stadtteil Höchst, in dem der Migrantenanteil bei vierzig Prozent liegt.

Von den sechzehn Drittklässlern der Hostatoschule, die sich an diesem Vormittag im Frankfurter Rebstockbad eingefunden haben, konnten drei vor Beginn des Schwimmunterrichts schwimmen. Wie viele es am Ende der Grundschulzeit sein werden, steht in den Sternen. Denn wie bei allen anderen Grundschülern in Hessen steht auch bei den Hostatoschülern während der gesamten Grundschulzeit nur ein Halbjahr lang Schwimmunterricht auf dem Stundenplan. Das sind jetzt noch zwölf Termine, bei denen sie jeweils höchstens 45 Minuten im Wasser sind. „Viel zu wenig“, findet Hirlav, „das macht keinen Sinn.“

In der Tat reicht das offensichtlich nicht aus, um den Kindern Schwimmen beizubringen: Am Ende der Grundschulzeit hat nur die Hälfte der Jungen und Mädchen ein Jugendschwimmabzeichen erworben und kann somit sicher schwimmen, so das Ergebnis einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Forsa aus dem Jahr 2010, die der DLRG in Auftrag gegeben hat.

Deutliche Zunahme von unsicheren Schwimmern

Und selbst das ist nur in den seltensten Fällen ein Verdienst der Grundschulen, denn nach Angaben der Eltern hat nur jedes fünfte Kind in der Schule schwimmen gelernt, der Rest eher in privaten Schwimmkursen oder mit den Eltern. Das ist schlimm, denn es ist erwiesen, dass ältere Kinder oder gar Erwachsene nur sehr selten noch schwimmen lernen.

Früher indes war alles besser. In den sechziger Jahren gab es den sogenannten Goldenen Plan, der Massensport sollte gefördert werden, und die Kommunen bauten Schwimmbäder, was das Zeug hielt. Heute nun sind die Gemeinden klamm - mehr als tausend öffentliche Schwimmbäder wurden nach Angaben des deutschen Städte- und Gemeindebundes in den letzten zehn Jahren geschlossen, das ist fast jedes fünfte.

Dazu passt, was Wolf-Dietrich Brettschneider, inzwischen emeritierter Professor für Sportwissenschaft an der Universität Paderborn, schon 2006 in der „Sprint-Studie“ zur Untersuchung des Schulsports in Deutschland konstatierte: dass nämlich zwanzig Prozent der Grundschulen sich damals das Schulschwimmen nicht oder nicht mehr leisten konnten, weil das nächstgelegene Schwimmbad zu weit weg oder der Transport dorthin zu teuer war. Bei den weiterführenden Schulen sah es nicht wirklich besser aus. Es sei deswegen „durchaus möglich, dass Schüler während ihrer gesamten Schulkarriere kein einziges Mal Schwimmunterricht erhalten“, so Brettschneider. Und Martin Janssen, Pressesprecher beim DLRG, klagt: „Die Rückgänge in der Schülergeneration sind gewaltig, wir haben eine deutliche Zunahme von unsicheren Schwimmern.“

Nichtschwimmer leben oft in Ballungszentren

In der Frankfurter Hostatoschule nehmen Schüler und Lehrer einiges in Kauf, um überhaupt einen Fuß in ein Schwimmbad setzen zu können. Ursprünglich hatten sie eine Reservierung für das gesamte Halbjahr in der Höchster Schwimmhalle, ganz in der Nähe ihrer Schule. Doch irgendetwas lief schief, denn zur gleichen Zeit fanden sich noch zwei weitere Schulklassen in der Schwimmhalle ein. „Wir standen dann mit sechzig Schülern im Nichtschwimmerbecken und konnten uns nicht bewegen“, erzählt kopfschüttelnd Schwimmlehrer Hirlav. Weil das nicht praktikabel war, hätten sie sich eine Zeitlang abgewechselt und seien nur noch jede zweite Woche zum Schwimmen gegangen.

Und nun, nach den Herbstferien, fahren sie zum Schwimmen ins Rebstockbad: Um zehn Uhr morgens geht es los, um 10.15 Uhr kommen sie im Rebstockbad an, um 10.30 Uhr sind sie im Wasser, um elf Uhr gehen sie wieder in die Umkleidekabine, um 11.15 Uhr steigen sie in den Bus und um 11.30 Uhr sind sie wieder in der Schule. Anderthalb Stunden Aufwand, um eine halbe Stunde im Wasser zu sein. „Und dann noch nicht mal im Schwimmerbecken“, ärgert sich Hirlav. Die dort für den Schwimmunterricht vorgesehene Bahn ist von Drittklässlern der Elsa-Brändström-Schule, einer Grundschule im reichen Frankfurter Westend, belegt. Wie kleine Frösche pflügen sie mit roten Badekappen und blauen Schwimmbrettern durchs Wasser. Selbst im Schwimmbad sind sie privilegiert.

In der Tat haben Kinder aus sozial schwachen Familien beim Schwimmen das Nachsehen. Sie machen seltener als Kinder aus mittelständischen Familien einen außerschulischen Schwimmkurs und seltener ein Schwimmabzeichen, weil sie nicht nur beim Lesen und Rechnen, sondern auch beim Schwimmen weniger gefördert werden. Dietrich Kurz, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Bielefeld, ist sich daher sicher, dass die Bäderschließungen der letzten Jahre nicht hauptverantwortlich sind für die Zunahme der Nichtschwimmer. „Wir haben versucht, das damals nachzuweisen, aber das ist uns nicht gelungen. Viele Kommunen haben Bäderschließungen auch kompensiert und kostenlose Fahrdienste angeboten. Es liegt vor allem an den Eltern, ob die Kinder schwimmen lernen oder nicht.“ Überdurchschnittlich oft seien die Nichtschwimmer Haupt- oder Gesamtschüler, sie lebten oft in Ballungszentren und hätten oft eine muslimische Religionszugehörigkeit.

„Die Grundschulen schaffen es nicht“

Erschreckend findet Kurz, was sie alles nicht konnten: Sie trauten sich nicht, von einem Startblock zu springen und wieder an den Beckenrand zu schwimmen, konnten nicht 25 Meter in Bauch- und Rückenlage schwimmen, nicht an der Wasseroberfläche schweben und dann unter Wasser kontrolliert ausatmen und absinken, und auch nicht durchs Wasser gleiten oder tauchen und sich dabei orientieren. Diejenigen Kinder indes, die all das konnten, gingen meist aufs Gymnasium oder die Realschule und hatten ihre Fähigkeiten zu einem ganz überwiegenden Teil in einem Kurs oder mit den Eltern gelernt. Kurz meint: „Offensichtlich ist die Grundschule in Nordrhein-Westfalen nicht in der Lage, ohne Vor- oder Mitarbeit der Familie allen oder auch nur den meisten Kindern das Schwimmen von Grund auf und gründlich beizubringen.“

Insgesamt, so das Ergebnis seiner großangelegten repräsentativen Studie, konnten 2006 fast dreißig Prozent der Fünftklässler in Nordrhein-Westfalen nicht oder nur unzureichend schwimmen. Zumindest im Frankfurter Rebstockbad ist es eher noch schlimmer, aber da handelt sich ja auch um ein Bad in einem Ballungsraum. „Die Grundschulen schaffen es nicht, jedem das Schwimmen beizubringen, deswegen kann bei uns in der fünften Klasse nur die Hälfte der Kinder schwimmen“, sagen die beiden Schwimmlehrer einer fünften Realschulklasse, die sich im Nichtschwimmerbecken tummelt.

Der Übermut der Alten

Im Wasser setzt sich somit ein Trend fort, der sich auch an Land beobachten lässt. 2008 wies Klaus Bös, Professor für Sportwissenschaft an der Universität Karlsruhe, mit dem großangelegten „Motorik-Modul“ des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys „Kiggs“ des Robert-Koch-Instituts nach, dass es bei der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern eine deutliche Abhängigkeit vom sozialen Hintergrund der Familie gibt. Je höher der soziale Status der Eltern, desto fitter sind die Kinder. Und wie seine Kollegen beim Schwimmen machte Bös auch an Land einen generellen Leistungsrückgang seit den siebziger Jahren aus, den er auf vierzehn Prozent beziffert. Ein Beispiel: Brachte ein 1,50 Meter großer Junge 1976 aus dem Stand durchschnittlich noch einen Sprung von 1,74 Metern zustande, waren es 2006 nur noch 1,56 Meter; sprang ein gleich großes Mädchen 1976 noch 1,63 Meter weit, waren es 2006 nur noch 1,39 Meter.

Dennoch ist heute nicht alles schlechter als früher. Denn obwohl viele Kinder unsportlicher sind als noch vor vierzig Jahren, ertrinken viel weniger Menschen als früher. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren es laut DLRG noch zwischen 5000 und 8000 im Jahr, Anfang der fünfziger Jahre noch gut 2000, Anfang der Siebziger noch um die 1000 und nur noch 429 im Jahr 2000. Erst in den letzten Jahren ist die Zahl wieder gestiegen, vor allem in heißen Sommern: auf mehr als 600 zum Beispiel 2003 und 2006. Kinder waren allerdings nur ganz wenige unter den Toten. Der DLRG führt das auf Aufklärung zurück. Und auf den Übermut der Alten. Von denen kann nämlich auch nur die Hälfte schwimmen.

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Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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