16.06.2009 · Koteletten, Tollen und Lederjacken - die Band „The Baseballs“ sehen aus, als seien sie einer Zeitmaschine entsprungen. Mit ihrer Art des Coverns, dem Voc'n'Roll, haben sie sich auf Platz sechs der deutschen Albumcharts gesungen.
Von Jette MocheAuf den ersten Blick sehen die „Baseballs“ aus, als wären sie einer Zeitmaschine entsprungen: Koteletten, Tollen, Lederjacken. Und auch beim Hinhören wird deutlich, dass die Jungs in den fünfziger Jahren leben. Mit Pomade im Haar und dem King in der Stimme holen Sam, Digger und Basti den Rock ’n’ Roll zurück und verbinden aktuelle Hits mit dem Klang der fünfziger Jahre. Das Konzept scheint zu funktionieren: Ihr Album „Strike“ schaffte es auf Anhieb auf Platz sechs der deutschen Album-Charts.
So alt wie die Musik selbst
Wer ein Lied covert, dem wird schnell mangelnde Kreativität unterstellt. Die wenigsten wissen, dass auch die Rolling Stones oder die Animals per Hit-Recycling ihre ersten Chart-Erfolge schafften. „Covern ist die musikindustrielle Variante der Musikbearbeitung und damit letztlich so alt wie die Musik selbst“, sagt Musikwissenschaftler Marc Pendzich. „Die Coverversion ist eine der reizvollsten Spielarten der Popmusik und bietet die Möglichkeit, das gleiche Lied in höchst unterschiedlichen Stilen zu interpretieren.“
Mit den „Baseballs“ zum Beispiel kann man eine Reise durch die Zeit unternehmen. Sie greifen auf den Stil des Rock ’n’ Roll zurück und verbinden ihn mit modernen Elementen. So gibt es den Hit „Umbrella“ von Rihanna jetzt auch im „Voc ’n’ Roll“-Stil – einer Mischung aus Vocal und Rock ’n’ Roll. An die großen Klassiker der Fünfziger wagt sich die Band nicht: „Man kann Elvis einfach nicht toppen.“
Retroband mit aktuellen Songs
Sie müssen es wissen. Auf Benjamin Blümchen folgten Kassetten vom King of Rock ’n’ Roll – und ein Vorbild war gefunden. Seitdem bestimmen die Fünfziger ihr Leben, ihr Aussehen und jetzt auch ihren Beruf. Die drei Hüftschwungvirtuosen lernten sich in der Teeküche eines Heavy-Metal-Probenraums kennen. Schnell erkannten sie Gemeinsamkeiten: Tollen auf dem Kopf und Kämme in den Taschen.
Marc Pendzich überrascht der Erfolg der „Baseballs“ nicht: „Die Musik ist erfrischend. Es ist neu, dass sich eine Retroband an aktuelle Hits macht – wenn auch ,The Boss Hoss‘ das Ganze vor kurzem mit dem gleichfalls aktuellen Hit ‚Hey ya‘ durchgezogen haben.“ Ob sich die Jungs mit ihrem Voc ’n’ Roll dauerhaft in den Charts halten können? „Im Zeitalter von Youtube haben sich die Marktgesetze verändert“, meint Pendzich. „Musiker müssen nicht mehr alle Hörer erreichen und können jetzt gerade in der Nische erfolgreich sein.“ Die „Baseballs“ probieren genau das: „Wir wollen der älteren Generation ihre Musik wiederbringen und den Jüngeren Lieder, die sie vielleicht schon kennen, in einem anderen Gewand präsentieren.“
Klassiker mit 119 Coverversionen
In den vergangenen beiden Jahren waren in Deutschland etwa 15 Prozent der 200 meistverkauften Lieder Coversongs, weniger als zwischen 1996 und 2006, als es durchschnittlich 20 Prozent und manches Jahr deutlich mehr waren. „Musiker haben heute in gewisser Weise mehr Freiheiten als früher“, meint Pendzich. „Es ist nicht mehr ganz so wichtig, einen Charthit zu landen. Mit einem selbstkomponierten Lied kann man allerdings ungleich mehr Geld verdienen als mit einer Coverversion.“
Das wiederum ist vielen Neuauflegern egal. So haben sich im Laufe der Jahre wahre Dauerbrenner herauskristallisiert: „Knocking on Heaven’s Door“ von Bob Dylan erklingt in 119 Versionen, „Killing me softly“ in 50 Varianten, und Ben E. Kings „Stand by me“ interpretierten 80 Bands auf ihre Art. Oft wissen Hörer gar nicht, welche Version das Original ist und welche die Coverversion.
Erste Tournee im Herbst
Puff Daddy hielt sich mit dem Police-Cover „I’ll be missing you“ (im Original „Every Breath you take“) elf Wochen auf Platz 1 der deutschen Charts. Sieben Wochen besetzte Oli. P mit „Flugzeuge im Bauch“ den ersten Platz. Und dann gibt es seit etwa 2000 noch die Two-in-one-Coverversion. Das Dance-Projekt Alcazar vereinte in „This is the world we live in“ die Lieder „Upside down“ von Diana Ross und „Land of Confusion“ von Genesis.
Musikfreunde wie Marc Pendzich sehen in dem dauernden Hit-Recycling auch einen Vorteil: „Coverversionen sind so etwas wie Links der Popgeschichte. Man kann über die vielen Aufnahmen eines Liedes die ganze Stilbreite der Popmusik nachvollziehen.“ Den „Baseballs“ ist jedenfalls ein erfolgreicher Start gelungen. Im Herbst gehen sie auf Tour durch Deutschland. Auch in Österreich und der Schweiz stehen die ersten Promotiontermine an. So covern sie sich erfolgreich durch die Lande.