09.02.2009 · In New York kann man lernen, wie man ein Star in der nächsten Reality-Show wird - und wie man daran nicht zugrunde geht. Fünf Samstage und 300 Dollar muss man für die Trockenübungen des großen Auftritts aufbringen. Corinna Budras war für uns dabei.
Von Corinna Budras, New YorkGinas Geheimnis ist ein voller Erfolg: Sie ist Polizistin und hat schon einmal als Prostituierte gearbeitet. „Hallo, mein Name ist Gina Scarda, und bei meinem ersten Einsatz musste ich als Undercover-Prostituierte nach Brooklyn.“ Das sitzt. 20 Sekunden hat die blonde New Yorkerin, um das Publikum mit einem Geheimnis für sich zu interessieren, und die Menge grölt. In 20 Sekunden hat man im wirklichen Leben oft nicht einmal den Mund aufgemacht. In Reality-TV-Shows entscheiden 20 Sekunden dagegen über die Zukunft von Kandidaten: Aufhören oder weitermachen, hopp oder topp.
Wer sich durch Reality-Shows den großen Durchbruch erhofft, überlässt nichts dem Zufall. Jedenfalls nicht die 20 Gestalten, die sich an diesem eiskalten Samstag in einem Studio in der Nähe des Broadways eingefunden haben. Einmal wollen sie es in eine der vielen Reality-Shows im amerikanischen Fernsehen schaffen. Und Robert Galinsky soll ihnen dabei helfen. „We are making Stars“, verspricht er auf der Internetseite seiner „New York Reality TV School“. Mit seinem Konzept gehört er zu den Ersten, die das Gerangel um die wenigen Amateur-Plätze vor der Kamera als Geschäftsmodell entdeckt haben. Für 139 Dollar erklärt er mit seinem Team in zweieinhalb Stunden, wie man das Casting für eine solche Show überlebt. Fünf Samstage und 300 Dollar muss man für die Trockenübungen des großen Auftritts aufbringen.
„Ich bin in einer Midlife-Crisis“
Manche haben es schon einmal geschafft. Mit einem offenen Geständnis über ihre Gewichtsprobleme war Gina schon einmal auf der Mattscheibe. Die Kameras waren dabei, als die Mittvierzigerin 30 Pfund abnahm und ihr Stil generalüberholt wurde. Jetzt will sie in eine richtige Reality-Show. „Ich bin in einer Midlife-Crisis“, gibt sie zu und lacht ganz unbeschwert. Deshalb sitzt sie nun im überheizten Studio und lässt sich von Schauspieltrainer Galinsky erklären, dass sie bei all dem Training vor allem sie selbst sein soll.
„Im Reality-TV geht es nur um eins: Persönlichkeit!“, ruft Robert Galinsky. Er steht - eher klein, schwarze Lockenpracht, Vollbart - in der Mitte des Stuhlkreises und ist ständig in Bewegung. „Authentizität macht den großen Unterschied: Wer sich selbst treu ist, sticht aus der Masse heraus.“ Wer nicht vor aller Welt seine Gefühle bloßlegen kann, sollte sich nicht gerade dieses Fernsehformat aussuchen, sagt Casting-Agentin Risa Tanania, die selbst einen eher verschlossenen Eindruck macht. „Kommt hier nicht mit einer Mauer rein. Ich möchte wissen, wer ihr seid.“ Ihre Lektion ist einfach: Wer sich nicht öffnen will, bekommt von ihr keinen Job.
Magere Nachwuchs-Models auf dem Laufsteg
Aus dem großen Meer der Durchschnittlichkeit ragt Gina etwas heraus. Nach einer Stunde kann sich zwar niemand an ihren Namen erinnern, aber immerhin ist sie für alle „der Cop“ - und fällt daher auf unter all den Musikern, Schauspielern und angehenden Schriftstellern. Auch der 24 Jahre alte Marius Horstick ragt heraus. Der große Schauspielschüler ist der einzige Deutsche in der Runde, und er will sich das zunutze machen. Doch die Casting-Agenten sind erbarmungslos. In der Trainingseinheit „Auf dem Grill mit Phil“ hat Marius kein leichtes Spiel. Er soll dem Dozenten Phil Galinsky erklären, warum er in der Reality-Show „Big Brother“ mitspielen will. Marius bemüht sich redlich um Coolness: „Ich liebe diese blöden, verdammten Leute im Big-Brother-Container.“ Aber schon nach diesem Satz wird er schreiend von Phil unterbrochen. Nicht überzeugend sei seine Begründung, außerdem benutze er zu viele Schimpfwörter. Der zweite Anlauf endet ähnlich desaströs. Robert Galinsky meint: „Reality-TV wird euch in Stücke reißen, wenn es das will. Um das zu verhindern, müsst ihr euch wohl in eurer Haut fühlen.“
Das ist gewiss einfacher gesagt als getan, wenn man erst einmal unter einer Dauerbeobachtung steht, die schon so manchen Teilnehmer an den Rand der psychischen Belastbarkeit brachte. Das hat auch in Deutschland viel Kritik hervorgerufen - als sich etwa zuletzt wieder abgehalfterte Stars im Dschungel-Camp die Pest an den Hals wünschten. Und vom nächsten Donnerstag an wird es wieder Grund für Aufregung geben, wenn bei „Germany's next Topmodel“ magere Nachwuchs-Models auf dem Laufsteg um eine Karriere kämpfen und aus den hochhackigen Schuhen kippen.
Mit kleinen Anekdoten hetzt Galinsky die Meute auf
In den Vereinigten Staaten gibt es dieses Format schon seit Anfang der neunziger Jahre, als die Show „The Real World“ des Musiksenders MTV begann. Seitdem scheint es keinen Lebensbereich zu geben, in dem findige Produzenten nicht eindringen wollen. Die Kritik mag vielschichtig sein, doch für die Casting-Agentin Risa erfüllen diese Formate auch eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: „Sie haben unsere Kultur verändert“, schwärmt sie. „Früher waren im Fernsehen nur die Reichen, Schönen und Weißen zu sehen. Dank Reality-TV gehören jetzt auch ethnische Minderheiten und Schwule dazu.“
Seitdem zieht das Fernsehen die Grenze nicht mehr zwischen schön und hässlich, sondern zwischen extrovertiert und verschlossen. Wer die Aufmerksamkeit sucht, darf sich über Häme nicht wundern. Was das bedeuten kann, lernen die Reality-Aspiranten gleich zu Anfang des Kurses in einem Spießrutenlauf: Einer nach dem anderen müssen sie durch die Gruppe der Teilnehmer laufen, die nun eine aufgebrachte Menschenmasse mimen. Mit kleinen Anekdoten hetzt Galinsky die Meute auf: Die Afroamerikanerin Jessica im engen roten T-Shirt etwa soll wissenschaftliche Ergebnisse geklaut haben und damit nicht nur Ruhm, sondern auch Millionen gescheffelt haben. Die Wut ist ihr gewiss: Lautstark schimpfen die Teilnehmer auf sie ein, als sich die kleine Frau ihren Weg durch die Menge bahnt. Davon unbeeindruckt zu bleiben fällt vielen schwer. In einer Reality-Show ist das alles noch viel schwieriger. Da hilft nur ein dickes Fell.
„Zieht euch aus oder singt Beatles-Songs“
Wenigstens gegen die ständige Beobachtung am Drehort hat Galinsky einen handfesten Ratschlag parat: „Zieht euch aus oder singt Beatles-Songs.“ In beiden Fällen zögen die Kameras schnell ab, schließlich lasse sich im prüden Amerika ein nackter Hintern schlecht vermarkten, und für Beatles-Lieder würden Lizenzgebühren fällig. Auch sonst sind die Tipps klar, aber nicht immer leicht zu beherzigen. Am besten immer ja sagen, rät Galinsky. „Egal, wie nervös, ärgerlich oder ängstlich du bist, sei zu allem bereit.“ Auch im richtigen Leben eröffne das viele Möglichkeiten. „Sei nicht vorsichtig, sei nicht auf der Hut. Tu es einfach.“
Galinsky rät davon ab, sich freiwillig in die Position des Bösen zu bringen. „Sei der Held und nicht der Fiesling - die sind nur kurz interessant.“ Und schließlich helfe es, den Produzenten mit improvisierten Regieanweisungen auf die Sprünge zu helfen. Wer die Runde aufmischen will, sollte das am besten laut ankündigen. „Wenn es dann zur Sache geht, sind die Kameras schon da.“ Und die Aufmerksamkeit ist gesichert.
Doch die Entscheidung, bei einer Reality-TV-Show mitzumachen, sollte nicht leichtfertig getroffen werden, warnt Risa. „Ihr müsst wissen, wer ihr seid und was ihr der Welt bieten könnt.“ Nach rund drei Stunden ist Gina mehr denn je begeistert von ihrer Idee des schnellen Ruhms. Doch an Marius nagen nach seinem Big-Brother-Debakel erste Zweifel. Er wolle sich nun doch lieber auf eine echte Schauspielkarriere konzentrieren. Aus ziemlich gutem Grunde: „Ich habe Angst, verbrannt zu werden.“