20.01.2010 · Eine Liebe und zwei Orte: Fernbeziehungen gehören inzwischen zum Alltag vieler Paare, die in verschiedenen Städten studieren oder arbeiten. Aber diese Lebensform hat ihre Tücken.
Von Franziska Mathée, Internatsschule Schloss Hansenberg, GeisenheimDas Problem der meisten Beziehungen ist einfach, dass man gerade am Anfang zu viel von sich selbst aufgibt. Man ist am liebsten rund um die Uhr zusammen“, sagt Patrizia Maynek und fährt sich gedankenverloren durch ihr langes braunes Haar. Seit ihr Freund Dennis Voelk vor acht Monaten von der gemeinsamen Schule ging und sein BWL-Studium in Frankfurt aufnahm, können sich die beiden nur noch zweimal im Monat sehen.
Für die 16 Jahre alte Schülerin der Internatsschule Schloss Hansenberg im Rheingau war vor allem die Zeit direkt nach der Umstellung auf diese Situation schwierig. Besonders herausfordernd war es für sie, sich in der alten Umgebung neu zu organisieren. Nun hatte das Mädchen auf einmal viel mehr Zeit zur freien Verfügung, als sie mit ihren früheren Gewohnheiten hätte füllen können. Zeit, die sie davor ganz ihrem Dennis widmete. Doch schon recht bald bestimmten die Schule und ihre Freunde, die sich teils schon vernachlässigt fühlten, wieder verstärkt Patrizias Alltag. „Das ist der große und für mich vielleicht auch einzige Vorteil einer Fernbeziehung. Man baut sein Leben nicht mehr nur um den anderen herum und hat gerade in der Zeit zwischen Schule und Studium mehr Raum, sich selbst zu leben.“
Jurastudent in Bonn
Dem Gewinn an Freiheit stehen viele Aspekte gegenüber, die für manchen ausschlaggebend sind, eine Fernbeziehung von vornherein auszuschließen. „Zum einen wirken der Verlust von Kontrolle oder aber auch die Ermangelung einer körperlichen Beziehung sehr abschreckend auf mich. Aber noch viel entscheidender ist, dass man nicht die Möglichkeit hat, sich als Paar wirklich zu entwickeln, während man sich selbst natürlich verändert – und sich dadurch dann letzten Endes verliert“, sagt der 21 Jahre alte Phillip Storck. Der Jurastudent aus Bonn hat sich gerade von seiner langjährigen Freundin getrennt, weil diese für ein oder zwei Semester im Ausland studiert.
Natürlich sind diese Sorgen auch Patrizia und Dennis nicht fremd. Insbesondere der physische Aspekt leidet nach Patrizias Ansicht sehr unter der Stunde Autofahrt, die sich zwischen die beiden gedrängt hat. „Sex ist so eine Sache, die fast schon herbeigezwungen wird. Man sieht sich für eine bestimmte Zeit und weiß: Jetzt in diesem Zeitraum müssten wir dann langsam mal. Dabei ist Sex vielmehr etwas, das sich entwickeln muss, also aus der Stimmung heraus entstehen sollte.“ Und während zuvor Telefonate in ihrer Beziehung eher die Ausnahme darstellten, stellt das Telefon nun die Brücke zwischen den inzwischen so unterschiedlichen Welten der beiden her. Auf diesem Weg bleiben Konflikte oft nur subtil, nehmen dann aber relativ betrachtet mehr Zeit in Anspruch und wirken meistens sogar schwerer, als wenn die Möglichkeit zur direkten Klärung bestünde.
Zwischen Paris und Kiel
Die schlanke, gutaussehende junge Frau ist von daher dazu übergegangen, Ärger über ihren Liebsten schon im Keim zu ersticken und einfach zu verdrängen, um möglichen Konfliktsituationen vorzubeugen. Ob das auf die Dauer der Beziehung nicht eher schadet, vermag Patrizia jedoch nicht zu sagen. Vielmehr werden ihre Züge hart und ihre ansonsten fast schon zu selbstbewusste Art wird abgelöst von Unsicherheit und Zweifel, als sie zugibt: „Im Prinzip fühle ich mich nicht wie in einer richtigen Beziehung. Das ist sicherlich kein erstrebenswerter Zustand.“
Ganz anders sehen das Ulrike und Martin Goldschmidt, die seit nunmehr neunzehn Jahren verheiratet sind. „Unsere Netto-Ehezeit beträgt sicherlich nur vier Jahre“, bemerkt Ulrike Goldschmidt im Scherz und erntet dafür einen – ebenso scherzhaft gemeinten – mahnenden Blick ihres Gatten, dessen Klavierspielerhände während des gesamten Interviews mit dem Saurier-Modell des ältesten Sohnes beschäftigt sind. Darüber, dass eine geographische Distanz bei weitem nicht so schwerwiegende Folgen auf eine Beziehung haben kann wie eine emotionale, sind sich beide von Anfang an einig gewesen. „Da brauch ich auch nicht die gesamte Zeit aufeinanderzuhocken, wenn ich mir doch sowieso nichts zu sagen habe“, lautet hier der Konsens. Ihre Beziehung spielte sich zeitweise zwischen Paris und Kiel ab. Das bedeutete eine Strecke von 1000 Kilometern, inzwischen trennen die beiden nur noch die 550 Kilometer der Strecke von Hamburg nach Stuttgart. In ihre Ehe auf Distanz spielen darüber hinaus auch die beiden Kinder als erschwerender Faktor hinein. Inzwischen haben sie sich jedoch als Familie, abseits von konventionellen Vorstellungen, Möglichkeiten eröffnet, um ein harmonisches Zusammenleben bewerkstelligen zu können. So kommt Martin Goldschmidt beispielsweise schon nachmittags nach Hause, damit er sich bis abends um die gemeinsamen Söhne kümmern kann. Ausgleichen kann er dies allerdings nur, indem er nachts von zu Hause aus arbeitet.
Sich auf Unübliches einlassen
Die unübliche Lebensform, für die sich das Paar entschieden hat, fordert an dieser Stelle große Opfer. Für die Familie diese zu bringen hat sich in Martin Goldschmidts Augen gelohnt: „Die Beziehung zu den beiden Rackern ist viel enger geworden dadurch. In der Familie hat zwar jeder von uns Eltern seine festen Zuständigkeiten, jedoch gibt es bei uns kein klassisches Verständnis von Mutter- oder Vaterrolle.“ Die Globalisierung bringt in der Betrachtungsweise der beiden Juristen für jede Familie neue Anforderungen mit sich. „Eine Ehe, wie sie wir führen, ist in Akademiker- beziehungsweise Juristenkreisen durchaus an der Tagesordnung. Extrem wird es dann, wenn man zwischen zwei Kontinenten pendeln muss. Das ist dann eine Distanzbeziehung. Nicht das, was wir haben“, beschreibt Ulrike Goldschmidt vorsichtig ihre Erfahrungen. Vermehrt seien die Bereitschaft, sich auf Unübliches einzulassen, und Flexibilität in den letzten Jahren gefordert gewesen.
„Für uns beide war es immer wichtig, berufliche Erfolge zu verzeichnen“, gibt ihr Mann zu verstehen, und sie ergänzt: „Die hohe Priorität des jeweiligen Berufs akzeptieren zu können ist eine Grundlage, auf der wir unsere Beziehung entwickeln konnten.“ Inzwischen hat sie den Lehrstuhl für Steuerrecht an einer der renommiertesten privaten Universitäten, der Bucerius Law School in Hamburg, inne, und er ist Partner in einer der angesehensten Stuttgarter Anwaltskanzleien. Der Erfolg im Beruf ermöglicht etwa die Haushaltshilfe, die putzt und einkauft, oder aber die Reisen in der 1. Klasse, so dass das Pendeln auf die Dauer erträglich ist. Insgesamt sind die beiden mit sich und ihrem Leben mehr als zufrieden. Aber sie würden es schließlich auch nicht als Distanzbeziehung beschreiben.