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Experimentierkästen Das Klima im Kasten

 ·  Alle reden vom Klimawandel - jetzt gibt es dazu sogar einen Experimentierkasten Damit sollen spielerisch die Grundlagen gelernt werden, um aktuelle Nachrichten und Diskussionen zum Thema verstehen zu können. Doch was taugt der Kasten?

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Mit Experimentierkästen ist es so eine Sache. Die Klassiker sind ja Chemiekästen, auch wenn die Hersteller sie in den letzten Jahren langweiliger gemacht haben. Stoffe, mit denen sich zünftige Feuerzauber veranstalten lassen, sind nicht mehr enthalten. Stattdessen gibt es lange Belehrungen über sicheres Experimentieren, auch wenn der Betrieb einer Weihnachtskerze gefährlicher sein dürfte als die Beschäftigung mit einem Chemiekasten. Dann wären da die Elektronikkästen. Wenn sie auf dem Gabentisch liegen, dann vermutlich selten, weil man sie auf den Wunschzettel geschrieben hat, sondern weil Eltern oder Patenonkel zu viel über Pisa-Tests gelesen haben.

Inzwischen gibt es Kästen zu allem Möglichen: Physik, Astronomie, Genetik - und nun also auch einen zum Klimawandel. Auf der Packung steht, damit könne man spielerisch die Grundlagen lernen, „um aktuelle Nachrichten und Diskussionen zum Klimawandel und dessen Folgen zu verstehen und um mitdiskutieren zu können“. Der Spruch klingt ein bisschen zu langweilig, um Lust auf das Thema zu machen - aber er ist ja auch für die Patenonkels gedacht. Keinesfalls sollte man sich dadurch davon abschrecken lassen, den Kasten mal aufzumachen - denn er ist richtig gut.

Besonders knifflig ist der Versuch mit den Fallwinden

Gut ist er deshalb, weil sich die Experimente schnell vorbereiten lassen. Zugleich sind sie aber oft alles andere als Kinderkram - abgesehen vielleicht von dem kleinen Globus, den man sich basteln kann, um sich damit klarzumachen, wie Tages- und Jahreszeiten zustande kommen. Ausgerechnet hier leistet sich das Begleitheft einen Schnitzer, indem es auffordert, die Erde auf einer elliptischen Kurve um die Sonne (vertreten durch eine Lampe) zu führen.

Klar, die Erdbahn um die Sonne ist eine Ellipse, aber erstens nicht so, wie im Heft dargestellt (die Sonne ist nicht im Zentrum der Ellipse, sondern in einem ihrer beiden sogenannten Brennpunkte). Und zweitens sind die Schwankungen im Abstand Erde-Sonne, zu denen es durch die Ellipsenform kommt, zu klein, um sich merklich auf das Klima auszuwirken. Dass es im Sommer wärmer ist als im Winter, liegt vor allem an der schrägen Erdachse. Das steht im Heft zwar schließlich auch drin, aber warum dann der Aufwand mit der Ellipse?

Doch der Globus ist ja nur der Einstieg. Ansonsten geht es vor allem darum, selber Wetterphänomene zu erzeugen, wenn auch im Miniformat: Wolken, Regentropfen oder Luftdruckänderungen. Besonders schön ist ein Experiment, bei dem man aufsteigende Winde über einer schwarzen Socke erzeugt. Und besonders knifflig ist der Versuch mit den Fallwinden.

Am spektakulärsten ist die kleine Modell-Erde

Nun ist Klima nichts anderes als das typische Wettergeschehen in einer bestimmten Region (etwas salopp gesagt: wenn in Frankfurt heute die Sonne scheint, dann ist das Wetter. Wenn es aber in der Sahara selten regnet, dann ist das Klima). Schon Wetter ist eine komplizierte Sache, wie man auch bei den Experimenten erfährt. Klima jedoch ist so schwierig, dass die Forscher trotz eines globalen Netzes von Messstationen und gigantischer Supercomputer erst in groben Zügen verstehen, warum das Klima an einem Ort so ist und an einem andern so - und welche Gründe mitspielen, wenn es sich verändert.

Ist es da nicht ziemlich aussichtslos, Klimaphänomene mit einem Experimentierkasten nachzustellen? Nicht ganz. Es gibt einige sehr wichtige Vorgänge beim Klimageschehen, die man tatsächlich auf diese Weise nachbauen kann: Bei dem pädagogisch wertvollsten Experiment, das der Kasten dazu bereithält, lässt etwas Kohlendioxid die Temperatur in einer Messkammer stärker steigen als in einer Kammer ohne das berüchtigte Treibhausgas. Viel spektakulärer allerdings ist die kleine Modell-Erde, die man sich bauen kann: Eiswürfel sind die Pole, ein schwarzes Gummiband der Äquator, eine Glühbirne ist die Sonne, und schon zirkuliert die Luft in interessanten Wirbeln durch die Modellatmosphäre in der Plexiglaskugel. Allein dieser Versuch lohnt den ganzen Kasten.

Da es nun aber um den Klimawandel geht (und nicht nur ums Klima), erspart einem das Begleitheft nicht das Schlusskapitel mit dem Titel „Wie können wir das Klima schützen?“. Das zieht genauso runter wie die obligatorischen Motorsägen und stürzenden Urwaldbäume am Schluss eines schönen Dokumentarfilms über Tiere im Amazonas. Es muss aber offenbar sein. Ein wenig schade ist allerdings schon, dass erst der Klimawandel drohen musste, um die Experimentierkasten-Macher auf die Idee zu bringen, sich etwas zum Thema Erdatmosphäre einfallen zu lassen. Allzu lange wird man gerade die schönsten der Experimente in diesem Kasten nicht mehr durchführen können. Denn dazu braucht man als Modell-Sonne eine Glühbirne von mindestens 60 Watt. Solche Lampen wird es vielleicht schon bald nicht mehr geben. Sie verbrauchen zu viel Energie und belasten damit das Klima.

Der Experimentierkasten „Klima-Wandel“ (Kosmos, Stuttgart) kostet 19,99 € und wird ab 10 Jahren empfohlen.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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