02.09.2011 · Aserbaidschan meint es ernst: Für den „Eurovision Song Contest“ wird eigens eine Arena errichtet. Staatschef Ilham Alijew billigte 5,3 Millionen Euro für den Bau des Gebäudes. Und das, obwohl bisher nicht alle Grundvoraussetzungen für die Austragung erfüllt sind.
Von Peter-Philipp SchmittIn Baku wird nun doch gebaut. Erstmals in der Geschichte des „Eurovision Song Contest“ (ESC) errichtet ein Gastgeberland eine komplett neue Halle für die größte Musiksendung der Welt. Unweit des berühmten Flaggenplatzes in der aserbaidschanischen Hauptstadt wurden in den vergangenen Tagen mächtige Pfeiler in den Boden gerammt. Darüber soll eine Arena mit verschließbarem Dach entstehen, die spätestens im April – also in nur acht Monaten – fertiggestellt sein muss.
Auch einen Namen hat der Neubau schon: Kristall-Halle. Gebaut wird die Mehrzweckarena für 25 000 Zuschauer von dem deutschen Unternehmen Alpine Bau Deutschland GmbH mit Sitz im bayerischen Eching. Auch die Architekten sind aus Deutschland: das Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner.
Staatschef billigt 5,3 Millionen für den Song Contest
Die Zwei-Millionen-Metropole am Kaspischen Meer und mit ihr der Präsident des Landes, Ilham Alijew, meinen es ernst. Sechs Millionen AZN (Aserbaidschanische Manat), rund 5,3 Millionen Euro, hat der Staatschef höchstpersönlich für das Prestigeobjekt bewilligt. Wie viel die Arena am Ende kosten wird, ist allerdings noch ein Staatsgeheimnis. Dass sie gewiss auch in den Planungen der abermaligen Olympiabewerbung der Stadt für das Jahr 2020 eine Rolle spielen soll, scheint schon jetzt klar. Der 57. ESC im Mai 2012 könnte dafür als eine Art Generalprobe dienen: Immerhin rechnet Baku mit mindestens 60 000 zusätzlichen Touristen während des Grand Prix in der Stadt.
Nach offizieller Lesart war die Referenzgruppe, die neunköpfige Lenkungsgruppe für den ESC, die über Regeln und Rahmenbedingungen des Song Contest entscheidet und gerade erstmals für zwei Tage in der aserbaidschanischen Hauptstadt war, zufrieden mit den Fortschritten, die der ausrichtende Fernsehsender Ictimai TV präsentierte. Auch Thomas Schreiber, ARD-Koordinator Unterhaltung und Mitglied der Referenzgruppe, berichtete am Freitag von den Gesprächen, dass er im Gesamteindruck von den Fortschritten der Kollegen beeindruckt gewesen sei, „auch wenn zu diesem frühen Zeitpunkt viele inhaltliche Fragen noch offen sind“. Baku habe die Chance, „Gastgeber für einen eindrucksvollen ESC 2012 zu sein“.
Visarecht muss unkompliziert sein
Allerdings hat die Regierung des Landes bislang offenbar noch immer nicht eine Grundvoraussetzung für den ESC in Aserbaidschan erfüllt. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) verlangt als Produzent des Contest unter anderem schriftliche Garantien darüber, dass erforderliche Visa für die ausländischen Gäste unkompliziert ausgestellt und Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit in Übereinstimmung mit der Europäischen Menschenrechtskonvention für alle Teilnehmer garantiert werden. Eigentlich war erwartet worden, dass die Dokumente während des zweitägigen Treffens in Baku am Mittwoch oder Donnerstag übergeben werden, doch dazu ist es nicht gekommen.
Allerdings seien sie schon unterzeichnet und lägen bereit, heißt es aus Baku. Die Einforderung solcher Zusagen sind durchaus nicht üblich, weder Deutschland noch Norwegen mussten als ESC-Gastgeberländer schriftliche Garantien abgeben. Aserbaidschan jedoch nimmt es mit Menschenrechten nicht so genau (siehe Kasten). Ausgerechnet in dieser Woche, als in Baku die EBU-Delegation die schriftlichen Zusagen einforderte, wurden sechs Jugendliche wegen organisierter Aktionen und Widerstandes gegen Regierungsbeamte zu eineinhalb bis drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Hoffnung auf Besserung der Menschenrechte
Die Aserbaidschaner hatten im April, inspiriert vom arabischen Frühling, versucht, gegen den diktatorisch seit 2003 als Nachfolger seines Vaters Hejdar regierenden Ilham Alijew und für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu demonstrieren. Markus Löning (FDP), der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, kritisiert ihre Verurteilung ausdrücklich. Löning glaubt, dass Aserbaidschan in den vergangenen Jahren eher Rückschritte gemacht habe, wenn es um Menschenrechte geht.
Immer wieder würden Menschen eingeschüchtert, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, wenn sie ihre Meinung frei äußerten. Er hofft, dass der ESC einiges bewirken kann: „Westeuropa schaut die nächsten Monate genau auf Aserbaidschan, und auch das Land, das sich aufgrund seines Ölreichtums rasant entwickelt hat, blickt nach Europa.“ Der ESC werde gewiss keine Revolution in Aserbaidschan auslösen, aber hoffentlich die zivilgesellschaftlichen Institutionen stützen und unterstützen.
Auch der Generalsekretär des Europarates, der Norweger Thorbjørn Jagland, verfolgt „die schwierige Menschenrechtslage“, angesichts der „wir beim ESC in Baku vor einem Dilemma“ stünden. „Wir müssen die Vor- und Nachteile der Austragung sorgfältig abwägen.“ In den nächsten Wochen werde er dazu innerhalb des Europarates, dem Aserbaidschan schon seit 2001 angehört, Gespräche führen.
Eurovision Song Contest
Klaus D. Wolf (LaoK)
- 03.09.2011, 17:16 Uhr