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Entwicklungshilfe All inclusive in die Tropen

10.03.2009 ·  Mal ein bisschen Entwicklungshelfer spielen in Indien, Bolivien und Nicaragua? Mit „Weltwärts“, einem Programm der Bundesregierung für Jugendliche, ist dies möglich. Egotrip oder sinnvoller Einsatz - das ist die Frage.

Von Anna v. Münchhausen
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Keine drei Wochen war Rebekka in Nicaragua, als es sie erwischte. An diesem Tag kehrte die Praktikantin aus Darmstadt früher als üblich in ihre Unterkunft bei einer Gastfamilie in dem Dorf Masatepe zurück - um festzustellen, dass ihr Laptop, ihr Camcorder und das Handy verschwunden waren. Keine Einbruchsspuren. „Seltsam“, wunderte sich die Zwanzigjährige. Was folgte, war „Riesenärger“ mit vielen Tränen, Telefonaten, Hinhaltemanövern und einer offenbar nicht besonders eifrigen Polizei. Auf dem Höhepunkt der Verwicklungen fand sich die Deutsche per Taxi nachts unterwegs zu einem stockfinsteren Treffpunkt. Dort warteten Laptop und Camcorder in einem Sack. „Ich habe sehr viel daraus gelernt - nämlich, wie manche Leute da so ticken“, sagt die zierliche junge Frau, die vor einigen Wochen von ihrem Einsatz in Mittelamerika zurückgekehrt ist.

Wie Menschen draußen in der Welt ticken, ist eine Frage, die seit einiger Zeit viele junge Deutsche umtreibt: Rebekka Balser ist eine von 2257 Freiwilligen, die im vergangenen Jahr in Entwicklungshilfeprojekten tätig wurden. „Weltwärts“ heißt das 2008 gestartete Programm des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das diese Aufenthalte finanziert und von 194 anerkannten „Entsendeorganisationen“ betreuen lässt. Der Dienst in einem Entwicklungsland hat laut Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul „unschätzbaren Wert“ - „von und mit anderen zu lernen, benachteiligten Menschen zu helfen und Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung zu übernehmen“.

Begehrte Praktika

Klingt großartig. Konkret stellt es sich meist schlichter dar. Die Freiwilligen helfen aus in einer Gehörlosenschule in Uganda, spielen in einem Slum in Bombay mit Zehnjährigen Fußball oder arbeiten am Aufbau eines Kanalisationssystems in Indonesien mit. Ob es um Projekte der Bildung, Gesundheit, Umwelt oder Landwirtschaft geht: Die Nachfrage ist ungebrochen groß. Mehr als 10.000 Bewerbungen sind bereits eingegangen, auf den Listen der diesjährigen Praktika in besonders beliebten Ländern wie Indien oder Bolivien heißt es häufig „Leider bereits besetzt“. Schon melden sich Interessenten für 2010 (siehe Kasten). Es scheint, als habe der Nachwuchs plötzlich beschlossen, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und das deutsche Kinderlied „Hänschen klein“ endlich in die Tat umzusetzen: „ . . . ging allein in die weite Welt hinein“.

Etwa nach Nicaragua. In Masatepe, dem Dorf mit 15.000 Einwohnern, bastelte Rebekka Balser mit Vorschulkindern, gab Klavierstunden, büffelte Englisch mit einer sechsten Klasse und erteilte Deutschunterricht. Selbst die Erfahrung mit dem Diebstahl hindert sie nicht daran, eine positive Bilanz ihres Aufenthalts zu ziehen - genau wie die meisten „Weltwärts“-Freiwilligen. Draußen in der Fremde lernt man, dass nicht alles Gewohnte auch selbstverständlich ist - warmes Wasser aus der Dusche beispielsweise. Man übt, seinen Ekel zu überwinden, sogar einmal Frösche oder Innereien zu kosten, und akzeptiert fremdartige Gerichte. „Anfangs denkt man: Worauf habe ich mich eingelassen? Man lebt wirklich sehr primitiv dort. Aber dass die Menschen so freundlich sind, gleicht alles aus“, berichtet die Auswanderin auf Zeit. „Ich hätte noch viel länger bleiben sollen. Man findet seinen Rhythmus, kennt die Leute, fühlt sich sicherer in der Sprache. Da ist es schade, wenn man wieder gehen muss.“ Heimweh gehabt? Nie, versichert sie. Im Gegenteil: Jetzt wünsche sie sich manchmal zurück in das Land, dessen Vulkane, Lagunen und Regenwälder sie auf Reisen erforschte.

Was treibt die Weltwärts-Pioniere, ihre mitteleuropäische Komfortzone zu verlassen? Neugier? Die Aussicht, mal billig irgendwo in den Tropen zu chillen? Oder tatsächlich das Bedürfnis, Gutes zu tun? Ein wichtiger Beweggrund wird immer wieder genannt: dass nämlich ein längerer Auslandsaufenthalt sich im Lebenslauf gut ausnimmt, ja geradezu Voraussetzung fürs Vorankommen ist. Die 21 Jahre alte Tandiwe Gross aus Bonn, die sechs Monate im indischen Nagpur arbeitete, hält ihr Praktikum aber nicht nur deshalb für sinnvoll, weil sie später bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO) tätig werden will. Die Erfahrung, „zum ersten Mal in Indien zu leben, zum ersten Mal aktiv beruflich tätig gewesen zu sein“, habe sie selbstbewusster gemacht. Dass sie die Internetseite der Organisation „Ecumenical Sangam“ aufmöbelte, Flyer entwarf und Öffentlichkeitsarbeit betrieb, seien echte Erfolgserlebnisse gewesen, berichtet die angehende Juristin.

„Viel Motivation, aber keine Kenntnisse“

Neben positiven Resümees wird aber auch Kritik laut: Das ambitionierte Programm kämpft mit organisatorischen Mängeln. Häufig tauchen Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung der Praktikanten auf - die meisten Partnerstaaten stellen ihnen nur ein Touristenvisum aus, das nach drei Monaten verlängert werden muss. Das ist meist mit aufwendigen Reisen in die jeweilige Hauptstadt verbunden und kann in einem großen Land wie Brasilien ziemlich teuer werden. Schwerer wiegt der Vorwurf, nicht alle von den Entsendeorganisationen in Aussicht gestellten Tätigkeiten erwiesen sich am Ende auch als realistisch. Es reicht schon, dass ein Projekt platzt, weil das Geld fehlt. Dass die Ansprechpartner für die Neuankömmlinge wechseln oder eigentlich niemand zuständig ist; das kann sich auch mal wochenlang hinziehen. Hilfslehrerin Rebekka Balser erfuhr, dass es mit ihrem Englischunterricht nicht klappte: „Bei freiwilligen Angeboten verlieren die Schüler schnell die Motivation, es kommen immer weniger.“

Dass Verbesserungsbedarf besteht, wurde kürzlich bei einer Berliner Podiumsdiskussion mit Mitarbeitern von Partnerorganisationen der Gastgeberländer deutlich. Etliche Weltwärts-Freiwillige, hieß es dort, brächten zwar „viel Motivation“, aber „keine Kenntnisse“ mit. Sie reisten mit hohen Erwartungen an, es mangele ihnen allerdings, wie der Ghanaer Henry Lovelace Yanney bemerkte, an „Konfliktlösungsstrategien“. Natürlich sei es wichtig, dass dieser Austausch in Gang komme, dass Klischees aufgebrochen würden. Jasper Onyango Malome, Geschäftsführer des kenianischen „International Voluntary Service“, schilderte, worüber die Bewohner eines afrikanischen Dorfes immer wieder staunen: „Die Freiwilligen essen dasselbe wie wir und schlafen in denselben Häusern wie wir.“ Er, Malome, aber sei häufig damit beschäftigt, Probleme der deutschen Gäste zu lösen.

In jugendlichem Eifer überschätzen manche Weltwärtsler einerseits ihr Potential. Und unterschätzen andererseits die Hindernisse, die in einem Entwicklungsland zum Alltag gehören. „Die Rückmeldungen der Freiwilligen machen deutlich, dass die ersten Monate des Dienstes in einem völlig fremden Lebens- und Arbeitsumfeld häufig von einer nicht immer leichten Phase des Kennenlernens und Eingewöhnens gekennzeichnet sind, wo die Freiwilligen auch manche ihrer ursprünglichen Vorstellungen revidieren müssen“, erklärt die BMZ-Sprecherin Sabine Brickenkamp. Tandiwe Gross drückt es etwas direkter aus: „Richtig kommt man eigentlich erst nach vier Monaten an.“ Für einen effizienten Einsatz ist das reichlich spät.

Enttäuschte Erwartungen

Revidieren müssen beispielsweise die meisten in Bildungsprojekten tätigen Deutschen ihre Vorstellung von „Unterricht“. Staunend stellen sie fest, dass zwischen dem Ziel einer deutschen und dem einer indischen Schulstunde Welten liegen: „Das Schulsystem, das vollständig auf dem Vorsagen der Lehrer und dem Nachsagen der Schüler basiert, ist für die meisten Kinder katastrophal“, berichtet Franziska Hrusa über ihre Zeit in Südindien. „Kinder, die gut auswendig lernen, gelten zwar als gute Schüler, verstehen aber kaum ein Wort von dem, was sie täglich rezitieren.“

Eine Handvoll der „Weltwärts“Pioniere kehrte denn auch früher als geplant zurück. Ihre Erwartungen waren mit örtlichen Voraussetzungen nicht in Einklang zu bringen. Einige Entsendeorganisationen lassen durchblicken, es sei nicht davon auszugehen, am Einsatzort stets qualifiziert betreut zu werden. „Ich sehe nicht ein, dass man ihre Rundum-sorglos-Mentalität auch noch unterstützt“, sagt ein Koordinator mit unüberhörbarem Groll.

Und dann gibt es noch heikle Komplikationen, von denen auf keiner Website der Entsendeorganisationen die Rede ist: Ein „clash of cultures“ ist programmiert, wenn sich Praktikanten nicht bloß in das fremde Land, sondern in Einheimische verlieben. Wenn ein blonder Deutscher etwa mit einer Bolivianerin anbandelt, die schon so gut wie vergeben ist, sieht er sich mit ziemlich deutlich vorgetragenen Besitzansprüchen ihres Verlobten konfrontiert. Vereinzelt sollen deutsche Praktikantinnen ein besonderes Souvenir aus ihrem Einsatz mitgebracht haben: Sie kehrten schwanger heim.

Raus aus dem Nest - so funktioniert es

„Weltwärts“ bietet Jugendlichen die Möglichkeit, Praktika in Entwicklungshilfeprojekten zu absolvieren. Langfristig ist geplant, pro Jahr bis zu 10 000 junge Freiwillige in solche Projekte zu schicken. Dafür steht dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit ein Etat von 70 Millionen Euro zur Verfügung.

Wer? Bewerben können sich deutsche Jugendliche im Alter von 18 bis 28 Jahren mit Schulabschluss. Sie sollen gesund sein, Grundkenntnisse der Sprache des Gastlandes und Interesse an den Kulturen und Lebensverhältnissen in fremden Ländern mitbringen. Die Vermittlung übernehmen 194 anerkannte Entsendeorganisationen in Deutschland.

Wohin? Zielländer sind von der OECD gelistete Entwicklungsländer, sofern die Sicherheitslage es erlaubt. Die meisten Einsatzorte liegen in Lateinamerika (45 Prozent). Besonders beliebt sind Südafrika, Indien, Brasilien und Bolivien.

Dauer: mindestens sechs Monate, meist aber zwölf Monate.

Kosten: 580 Euro pro Teilnehmer und Monat werden vom Ministerium gezahlt, damit sollen die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Krankenversicherung abgedeckt sein. Die Teilnehmer erhalten ein Taschengeld von 100 Euro.

Im Internet: www.weltwaerts.de.

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