13.01.2009 · Es ist legal, überall zu haben - und es wirkt: "Spice", die Kräuterdroge mit Ähnlichkeit zu Marihuana, hat sich innerhalb kürzester Zeit zum Renner entwickelt. Harmlos aber ist es nicht. Die Drogenbeauftragte will nun ein Verbot erwirken. Von Julia Schaaf
Von Julia SchaafDie Welt war plötzlich bunter, die Lichter schummerig, die Farben grell und alles irgendwie unscharf. „So wu“, sagt Felix, weil ihm kein passendes Wort einfällt, und schiebt die Luft vor seiner Brust zu einer unsichtbaren Wolke zusammen. Sie sind über den Alexanderplatz geschwebt. Sein Freund Max war richtig euphorisch. Er ist herumgerannt und hat Witze gerissen. Als er auf offener Straße in eine Ecke pinkelte, haben sie sich vor Lachen kaum mehr eingekriegt.
Das Zeug hatten sie aus einem Headshop in der Nähe des Berliner Fernsehturms. Das eine Mal haben sie so getan, als seien sie volljährig. Das andere Mal haben sie vor der Tür jemanden angequatscht, ob er ihnen etwas mitbringen könne. Felix sagt: „Ist ja legal.“ Deshalb sind sie auch nicht lange durch die Stadt gelaufen, um einen ungestörten Ort zu finden, wie das zum Kiffen nötig ist. Sie haben sich direkt am Alex auf eine Bank gesetzt, etwas „Spice“ in ihren Tabak gebröselt und gedacht: „Sollen sie doch gucken.“
Buntschillernde Silbertütchen
Als die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ankündigt, noch im Januar „Spice“ per Eilverordnung verbieten lassen zu wollen, hat die Kräutermischung eine steile Karriere hinter sich. Unter einem Namen, der Gewürz bedeutet, aber Assoziationen an die bewusstseinserweiternde Droge aus dem Achtziger-Jahre-Film „Der Wüstenplanet“ weckt, sorgen seit dem Spätsommer buntschillernde Silbertütchen für Aufsehen. Der Inhalt sieht aus wie Kräutertee, wird als Räuchermischung angepriesen und soll der Raumbeduftung dienen. „Nicht zum Verzehr geeignet“, steht ausdrücklich dabei. De facto wird das Zeug geraucht wie Cannabis und wirkt auch so. Und sobald die Medien über die neue „Bio“- und „Modedroge“ berichten, beginnt der Run. „Mit dem Erscheinen der allerersten Sendung ging die Tür auf“, sagt ein Headshop-Verkäufer in Berlin-Mitte. Ein Internethändler, der sonst Geschenkartikel vertreibt und nach einem Fernsehbericht im September in den Geschäftszweig einstieg, berichtet: „Wenn auf RTL irgendeine Sendung lief, wussten wir am nächsten Tag nicht mehr, wie wir das bewältigen sollten.“
Die Beraterszene reagiert ratlos. Bei der Drogenhilfe Köln rufen Eltern an, denen die Argumente fehlen, weil der Nachwuchs einer erlaubten Alternative zum Kiffen frönt. In Freiburg bittet die Kriminalpolizei die Rechtsmedizin um Hilfe. Vereinzelt landen Kräutermischungsraucher mit Angstzuständen im Krankenhaus. Der Drogennotdienst Berlin knöpft sich seine Pappenheimer vor, und siehe da: Viele Rauschgiftkonsumenten haben den legalen Cannabisersatz tatsächlich schon probiert. „Alle“, antworten Headshop-Betreiber gern, wenn sie nach ihrer „Spice“-Kundschaft befragt werden: vom Möchtegernkiffer bis zum Anwalt, vom Professor bis zum Bauarbeiter, „selbst Polizisten“, raunt ein Verkäufer mit vielsagendem Blick aus glasigen Augen. Großhändler beliefern Tankstellen, Friseure, Dönerbuden. Seit November kommt der englische Hersteller mit der Produktion nicht mehr nach.
Ähnlich teuer wie Marihuana
Felix (Name geändert) ist 14 Jahre alt, trägt eine Zahnspange und geht in die neunte Klasse eines Berliner Gymnasiums. Der Flachbildschirm thront an der einen Seite seines Zimmers, schräg gegenüber steht die Shisha, eine arabische Wasserpfeife mit goldgrünem Schlauch. Felix erzählt, die neue Art der Dröhnung habe vor allem seinen Freund gereizt, der zu Hause Ärger hatte: Seit Max mehrfach zugekifft erwischt worden war, baten die Eltern gelegentlich zum Drogentest. „Spice“ jedoch ist mit gängigen Methoden nicht nachweisbar. Deshalb ist das angebliche Räucherwerk - mit einem Preis von etwa dreißig Euro für drei Gramm ähnlich teuer wie Marihuana - auch für Freigänger und Kiffer mit Bewährungsauflagen attraktiv. Felix unterdessen war vor allem neugierig. „Ich dachte: Natur - wird schon gehen.“
Nun ist auch reines Kokain Natur, Fliegenpilze sind giftig, und der Genuss von "Zaubersalbei" hat vor einigen Jahren Jugendliche langfristig in die Psychiatrie gebracht, Diagnose: Schizophrenie. Im Fall von „Spice“ allerdings ist nicht einmal der unbegründete Vertrauensvorschuss für „Bio-Drogen“ angebracht. Meeresbohne, Blaue Lotusblume, Helmkraut, Indian Warrior, Wild Dagga, Maconha Brava, Indischer Lotus, Sibirischer Löwenschwanz: Selbst wenn das Räucherwerk, wie der Hersteller behauptet, aus Pflanzen mit geheimnisvoller Wirkung besteht, sagt der Arzt und Apotheker Christian Steup: „Nach dem heutigen Stand des Wissens gibt es keine Kräutermischung, die wie THC wirkt, aber kein THC enthält. Es sei denn, es ist etwas Chemisches beigemischt.“
Risiken und Nebenwirkungen sind noch unbekannt
Steup hat gewissermaßen das Rätsel „Spice“ gelöst. Der Mann leitet die Qualitätskontrolle der Frankfurter Firma THC Pharm, die den Cannabiswirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) für Apotheken herstellt, wo er zu Schmerzmitteln und Stimmungsaufhellern weiterverarbeitet wird. Steup kennt sich deshalb aus mit Stoffen, die aus THC gewonnen werden oder vergleichbar wirken, mit sogenannten Cannabinoiden. Und nachdem das Drogenreferat der Stadt Frankfurt bei THC Pharm eine Analyse von „Spice“ in Auftrag gegeben hatte, stieß Steup im Dezember auf JWH-018: ein synthetisches Cannabinoid, einfach und billig herzustellen, völlig anders aufgebaut als THC, aber ähnlich berauschend. Weil die Substanz nie systematisch erforscht worden ist, weiß man über Risiken und Nebenwirkungen nicht viel. „Ich halte Spice für durchaus gefährlich“, sagt die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD), die vor Schäden für Herz, Kreislauf und Nervensystem warnt. Letztlich wird der „Spice“-Konsument zum Versuchskaninchen.
Auch Volker Auwärter hat sich aus der Räuchermischung eine Zigarette gedreht: ein vorsichtiges Drittelgramm, kein Tabak, schließlich ist er Nichtraucher. Aber Auwärter und sein Kollege sind Toxikologen am Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Freiburg. Um der geheimnisvollen Kräuterrezeptur auf die Schliche zu kommen, brauchten sie belastete Blutproben. Der Selbstversuch endete mit klassischen Cannabissymptomen. Gerötete Augen, trockener Mund, der Puls schoss hoch, die Konzentration brach weg. Inzwischen hat Auwärter ein Verfahren entwickelt, mit dem sich „Spice“ im Blut nachweisen lässt. Außerdem hat er neben „Spice“ auch andere Produkte aus der Palette analysiert, die Namen wie „Smoke“, „Sence“ oder „Yucatan Fire“ tragen. „Wir haben noch keine Mischung untersucht, in der keine Stoffe zugesetzt wurden“, sagt Auwärter. Und: „Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt schon, dass JWH-018 nicht der einzige Zusatz ist.“
Neuerdings „Space“ statt „Spice“
Damit könnte das Verbot des Wirkstoffs nach dem Betäubungsmittelgesetz zur stumpfen Waffe werden. Zwar hofft die Drogenbeauftragte auf eine abschreckende Wirkung, gerade bei Jugendlichen. Und tatsächlich haben viele Headshops schon keine Ware mehr auf Lager. Ein Internethändler behauptet: „Sobald das Verbot durch ist, machen wir den Shop zu.“ Chemiker hingegen befürchten ein anderes Szenario. Es gibt etliche bekannte Cannabinoide, die gewissermaßen den Nachschub sichern - eine kleine chemische Abwandlung genügt. „Da sind die kreativen Hersteller mitunter schneller, als die Behörden ihr Betäubungsmittelgesetz ändern können“, warnt Christian Steup. Auwärter empfiehlt deshalb, den Kampf gegen legale Cannabisalternativen auch über das Arzneimittelgesetz auszufechten. Das verbietet nämlich, irgendwelche Wirkstoffe einfach so in Umlauf zu bringen. „Die Händler machen sich jetzt schon strafbar“, sagt der Toxikologe.
Und die nächste Herausforderung wartet bereits. Neuerdings sind im Internet auch Silbertütchen mit „Space“ im Angebot. Gleicher Look, dieselben Kräuter, derselbe hohe Preis, von dem Räucherstäbchen-Hersteller nur träumen können. Auf jedem Päckchen wirbt eine extra Banderole „ohne synthetisches JWH-018“. Für die angeblich „natürliche Alternative“.
Julia Schaaf Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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