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Die Vermögensfrage Ein teurer Lernprozess

14.05.2011 ·  Viele Berufseinsteiger geraten durch überhöhte Konsumausgaben und mangelhafte Risikovorsorge schnell in finanzielle Engpässe. Es ist eben cooler, sich mit Handy und Kreditkarte ein schönes Leben zu machen, anstatt ein Haushaltsbuch zu führen.

Von Volker Looman, Reutlingen
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Der Umgang mit Geld wäre ein ideales Schulfach, weil viele Menschen beim Berufsstart teures Lehrgeld zahlen. Sie kaufen nicht nur fragwürdige Geldanlagen und Versicherungen, sondern ihnen fehlt die Erfahrung, dass auf Dauer nur Geld ausgegeben werden kann, das zuvor verdient worden ist. Daher ist die Buchführung nicht nur im Geschäftsleben, sondern auch zu Hause die Grundlage des Wirtschaftens. Leider ist die Bereitschaft zur Aufzeichnung der Einnahmen und Ausgaben in den meisten Haushalten nicht vorhanden. Vor allem jungen Menschen ist die Dokumentation, was mit dem Geld passiert, nur schwer zu vermitteln. Es ist eben cooler, sich mit Handy und Kreditkarte ein schönes Leben zu machen anstatt die täglichen Sünden auch noch in einem Haushaltsbuch festzuhalten. Die Quittung für den lockeren Umgang mit Geld kommt aber dann in Form von Bankauszügen ins Haus geflattert, und dann wird in vielen Fällen verzweifelt die Frage gestellt: Wo ist nur das Geld geblieben? Die Antwort liefert folgendes Beispiel.

Eine Frau ist 28 Jahre alt. Sie hat mit Hochdruck ihr Studium durchgezogen. Jetzt sitzt die Frau in der Finanzabteilung eines Industrieunternehmens. Ein Blick auf die Konten der Betriebswirtin zeigt: Das Girokonto steht mit 1000 Euro im Haben. Auf dem Investmentkonto liegen 5000 Euro. Abgerundet wird das Vermögen durch eine Lebensversicherung mit einem Rückkaufswert von 2000 Euro. Die 8000 Euro könnten der Auftakt zum Aufbau eines kleinen Vermögens sein, wenn da nicht ein Kredit wäre. Die Betriebswirtin konnte vor zwei Jahren der Versuchung nicht widerstehen und kaufte sich für 20 000 Euro ein Auto, das zu 100 Prozent mit Hilfe eines Kredites bezahlt worden ist. Die Restschuld liegt bei 13 000 Euro, so dass die Frau finanziell mit 5000 Euro in der Kreide steht.

Das Ergebnis ist bei einem monatlichen Bruttoeinkommen von 3000 Euro keine Meisterleistung. Die Gründe werden bei der Gegenüberstellung der Einnahmen und Ausgaben offenbar. Von dem Einkommen fließen 500 Euro an die Staatskasse, 38 Euro gehen in den Klingelbeutel der Kirche. Die Krankenkasse und die Pflegeversicherung fordern 283 Euro. Die Arbeitslosenversicherungen und die Rentenanstalt lassen 344 Euro abbuchen. Der Griff des Staates in die Taschen der Bürger ist in der Tat hemmungslos. Umgekehrt stellt sich jedoch die Frage, ob die Menschen mit mehr Geld vernünftig umgehen können. Im vorliegenden Fall sind Zweifel angebracht.

Von dem Nettogehalt (1835 Euro) ist die Miete der größte Posten. Sie verschlingt 750 Euro. Dann kommen mit 600 Euro das Auto und der Kredit. Die Verpflegung kostet 300 Euro und besteht nicht nur aus Sonderangeboten, sondern auch aus regelmäßigen Lokalbesuchen. Telefon und Urlaub belasten die Kasse mit 400 Euro. Investmentfonds und Versicherungen ziehen der Betriebswirtin monatlich 200 Euro aus der Tasche. Kleidung und Schuhe schlagen mit 100 Euro zu Buche, so dass von den Einnahmen unter dem Strich nichts bleibt. Im Gegenteil: Es fehlen jeden Monat gut 500 Euro. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel Geld zu sein, weil die Kreditraten in naher Zukunft wegfallen werden. Doch die Gefahr, dass das Finanzloch von Jahr zu Jahr wächst, ist groß.

Wohlstand ist die Belohnung für Konsumverzicht

Leute mit diesem Lebensstil sind ein Geschenk für Gesellschaft und Wirtschaft. Sie arbeiten von Januar bis März für die Sozialkassen. Im zweiten Quartal sind sie für das Finanzamt tätig. Die Automobilwirtschaft und die Banken kommen von Juli bis September auf ihre Kosten. Und im letzten Quartal sind diese Menschen das Opfer ihrer Konsumwünsche. Das mag in jungen Jahren noch zu ertragen sein, doch in späteren Jahren, wenn die Anleger merken, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt, können kranke Kassen auch zur Belastung werden. Um diesem Übel vorzubeugen, ist frühes Training notwendig, weil der Umgang mit Geld in erster Linie eine Frage des Selbstbewusstseins ist. Wer stark ist, den Verlockungen des Lebens widersteht und bewährte Lebensformen übernimmt, kann finanziellen Wohlstand kaum verhindern.

Im vorliegenden Fall stellen sich fünf Fragen. Erstens: Warum verwendet die Anlegerin ihre Guthaben nicht zur Tilgung der Schulden? Zweitens: Ist eine Wohnung in dieser Preisklasse nötig? Drittens: Sind die Ausgaben für Essen in dieser Höhe notwendig? Viertens: Ist die Versicherung in der bestehenden Form sinnvoll? Fünftens: Lassen sich die Ausgaben für Telefon und Urlaub senken? Die Fragen sind lästig, aber wer den Antworten aus dem Weg geht, wird niemals auf einen grünen Zweig kommen, weil Wohlstand die Belohnung für Konsumverzicht ist. Die meisten Menschen, die nicht geerbt haben, sondern ihren Wohlstand erarbeitet haben, sind nur auf diese Weise zu Geld gekommen, und diese schlichte Regel können auch junge Leute nicht außer Kraft setzen.

In vielen Fällen, auch in diesem Beispiel, bewirken kleine Veränderungen erstaunliche Ergebnisse. Die bestehenden Geldanlagen können aufgelöst werden, so dass die Verbindlichkeiten sinken und innerhalb eines Jahres tilgbar sind. Bei der Wohnung sind durch einen Umzug gewisse Einsparungen möglich. Weniger Spritztouren mit dem Auto können die Ausgaben kräftig senken. Die Kosten der Versicherungen lassen sich senken. Und auch bei Telefon, Urlaub und Verpflegung sind Einsparungen möglich: Schreiben statt Reden, Spanien statt Südamerika und Küche statt Restaurant bescheren Vorteile in beachtlicher Höhe. Sie führen in Windeseile zu einem Überschuss, der nach der Schuldentilgung monatlich 200 bis 300 Euro betragen kann.

Voraussetzung dieser Erfolge sind einfache und klare Strukturen. Im vorliegenden Fall ist zunächst die Einsicht notwendig, dass bei den Geldanlagen, Krediten und Versicherungen einige Dinge unglücklich gelaufen sind. Dazu gehören die anfängliche Anlage in Aktien, die spätere Aufnahme des Darlehens und der jüngste Rückgang der Aktienkurse. Profis betreiben solche Geschäfte nur auf lange Sicht, so dass für junge Leute der Umkehrschluss gilt, bei den ersten Geldgeschäften auf Aktien zu verzichten. Bei den Versicherungen hat die junge Dame vor drei Jahren in gutem Glauben eine Kapitallebensversicherung auf den 75. Geburtstag abgeschlossen, weil an die Police eine Rente bei Berufsunfähigkeit angehängt worden ist. Hier wäre aber die strikte Trennung der Geldanlage und Versicherung besser gewesen, weil die Rendite der Lebensversicherung viel zu niedrig ist.

Glücklicherweise sind in jungen Jahren viele Schäden heilbar. Bei der jungen Frau bietet sich zum Beispiel an, den Investmentfonds und die Lebensversicherung zu kündigen. Mit dem Guthaben wird der Autokredit gesenkt. Bei der Ablösung der Verbindlichkeiten ist im Gegensatz zu Immobilienkrediten keine Entschädigung zu bezahlen, weil die meisten Autokredite sogenannte Konsumentenkredite sind, bei denen die kostenfreie Ablösung jeden Tag möglich ist.

Festgeldkonto als Reserve für finanzielle Notfälle

Der zweite Schritt sind die Vernichtung der Kreditkarte und die Ansammlung von sechs Nettogehältern oder mindestens 10 000 Euro in einer Kasse. Das Geld wird am besten auf einem Festgeldkonto oder in einem Geldmarktfonds angelegt. In beiden Fällen kommt es weniger auf Rendite, sondern vielmehr auf Sicherheit und Verfügbarkeit ein. Die Rücklage ist eine Reserve für Notfälle. Das kann die Behandlung beim Zahnarzt sein. Oder die Rücklage bietet Hilfe beim Kauf einer Wohnungseinrichtung. Selbst wenn in den kommenden Monaten keine außergewöhnlichen Ausgaben auf dem Programm stehen, wirkt die Kasse vielfach Wunder, weil die Menschen im Laufe der Zeit ihre finanzielle Freiheit zu schätzen wissen.

Der dritte Baustein ist die private Haftpflichtversicherung. Dieser Vertrag ist in den meisten Haushalten vorhanden, doch die Deckungssumme liegt in aller Regel bei zwei oder drei Millionen Euro. Das wird in den meisten Fällen ausreichen, doch in einigen Situationen kann die niedrige Summe zum finanziellen Ruin führen. Vor allem bei Schäden, in denen Opfern vom Gericht lebenslange Renten zugesprochen werden, kann die Entschädigung so schnell in die Millionen gehen, dass es auf der Hand liegt, bei der Privathaftpflicht auf Deckungssummen von zehn Millionen Euro zu bestehen. Diese großen Policen kosten im Vergleich zu den kleinen Verträgen höchstens 50 Euro pro Jahr mehr, so dass der Mehraufwand im Verhältnis zur Leistung nicht der Rede wert ist.

Die heikelste Entscheidung junger Spitzenverdiener wird zu gegebener Zeit die Überlegung sein, ob die gesetzliche Krankenkasse oder die private Versicherung die bessere Lösung ist. Hier gibt es kein Patentrezept, sondern nur die Erkenntnis, dass der Ausstieg aus der gesetzlichen Krankenkasse, die zur Zeit ab einem Bruttoeinkommen von 4125 Euro pro Monat möglich ist, in vielen Fällen eine Entscheidung fürs Leben ist. Wer die gesetzliche Solidargemeinschaft verlässt, hat in der Regel keine Möglichkeit mehr, in die gesetzliche Krankenkasse zurückzukehren. Daher will dieser Schritt gut überlegt sein. In jungen Jahren spricht alles für die private Krankenversicherung, weil die Beiträge konkurrenzlos niedrig sind.

Das größte Risiko der jungen Frau ist die Invalidität durch Krankheit. In diesem Fall stehen viele Berufsanfänger im Regen, weil die staatliche Unterstützung niedrig ist. Aus diesem Grund war es richtig, dass die Betriebswirtin gleich zu Beginn ihrer Karriere eine Absicherung abgeschlossen hat. Nur die Wahl der Police war unglücklich, weil die Kapitallebensversicherung von 100 000 Euro, abgeschlossen auf das 75. Lebensjahr, und die monatliche Rente von 1500 Euro bei Berufsunfähigkeit ein Missgriff waren, dem Vermittler aber eine saftige Provision beschert haben. Hier gibt es nur eine Lösung: Kündigung des Vertrages und Umstieg auf eine selbständige Police. Das führt zwar auf den ersten Blick zu einem Verlust. Doch es ist besser, weil die Anlegerin die künftigen Prämien in Geldanlagen investieren kann, die viel höhere Renditen abwerfen.

Nach der Absicherung der existenzgefährdenden Risiken geht es zurück zur Geldanlage und der Frage, was mit den jährlichen Überschüssen passieren soll. Die Wahl der richtigen Geldanlage hängt von den Zielen der Anlegerin ab. Hier gilt die Regel: Je kürzer die Anlagedauer ist, desto eher kommen Rentenfonds in Frage, und je länger das Geld liegen bleiben kann, desto vorteilhafter sind Aktienfonds. Wenn zum Beispiel in fünf oder sechs Jahren der Traum vom Eigenheim verwirklicht werden soll, sind Aktien heikle Anlagen, weil mögliche Kursverluste nicht mehr wettgemacht werden können. In diesem Fall sind Bausparverträge und Rentenverträge bewährte und sichere Klassiker. Sobald aber Heirat, Familie und Eigenheim kein Thema sind, rücken Steuersparmodelle und Altersversorgung in den Mittelpunkt. Für das erste Problem gibt es in jungen Jahren kaum Lösungen, doch die zweite Schwierigkeit lässt sich mit Optimismus und Zuversicht meistern: Aktien, Aktien und noch einmal Aktien – allen Unkenrufen zum Trotz.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

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