17.06.2011 · Anna Skladmann hat Kinder neureicher russischer Familien porträtiert - in Posen zwischen Naivität und Darstellungswillen. Das war auch für die Fotografin ein Abenteuer: „Zu manchen Shootings holte mich ein Chauffeur ab.“
Frau Skladmann, Sie sind 1986 geboren, in Bremen aufgewachsen, haben in New York studiert. Wie entstand die Idee, die Kinder reicher Russen zu fotografieren?
Im Jahr 2000 kam ich zum ersten Mal nach Russland und landete auf einem „Millennium-Maskenball“ in einem Edelrestaurant. Dort saßen Kinder um einen Tisch, die aber nicht aussahen wie Kinder, die zum Karneval gehen. In ihrer Haltung und in ihren Manieren waren sie wie kleine Erwachsene - Little Adults. 2008 kam ich als Fotografin wieder nach Moskau, und auf einem Tee-Nachmittag in feiner Gesellschaft lernte ich Nastja kennen. Das achtjährige Mädchen zog die komplette Aufmerksamkeit aller Erwachsenen auf sich - aber nicht, wie es sonst Kinder tun, weil sie etwas Lustiges tun. Nein, sie führte einfach die Unterhaltung. Nastja war dann auch die Erste, die ich für mein Projekt fotografierte. Sie sah mich als ein Medium der Kommunikation, über das sie der Welt etwas mitteilen konnte.
Was will denn ein achtjähriges Mädchen der Welt mitteilen? Einen Hilferuf?
Sie wollte sich vor allem zeigen. Inzwischen habe ich viele der Kinder als Freunde auf Facebook, vielleicht erfüllten meine Bilder einen ähnlichen Zweck. Und Nastja fand es unglaublich cool, als ich ihr erzählte, dass meine Universität ein Bild von ihr auf einem großen Plasma-Bildschirm auf der 5th Avenue in New York zeigte. Sie konnte nicht glauben, dass sich in New York irgendjemand für ihr Leben hier interessiert.
Wie sieht der Alltag dieser Acht- bis Zwölfjährigen aus?
Ihr Tag ist sehr ausgebucht. Nach der Schule werden sie von der Mutter oder von Chauffeuren zu den anderen Aktivitäten gefahren: Sie lernen Sprachen, spielen Theater, malen, machen alle möglichen Arten von Sport, auch Reiten ist momentan sehr populär. Die meisten von ihnen haben Nannys und Sprachlehrer. In manchen Fällen gab es auch britische Gouvernanten, die ihnen die feine englische Art beibringen. Dadurch, mit diesem großen Angebot, holen die Eltern auch etwas nach, was ihnen selbst nicht möglich war. Was nicht immer zum Besten sein muss.
Woher stammen die Kinder?
Ihre Eltern kommen aus ganz verschiedenen Gebieten: aus der Politik, dem Theater, dem Kino, der Kunstszene, der Intellegenzia; oder sie sind Unternehmer, haben Restaurants oder Baufirmen.
Sind diese Kinder glücklich?
Ich glaube, sie sind nicht mehr oder weniger glücklich als gewöhnliche Kinder. Aber ihr Leben ist ganz anders als zum Beispiel meine Jugend: Ich hab mich aufs Fahrrad gesetzt und Freunde besucht, meine Mutter wusste eigentlich nicht, wo ich bin oder was ich mache. Hauptsache, ich war um sechs zu Hause.
Wissen diese Kinder eigentlich, wie privilegiert sie sind?
Ich denke schon. Andererseits werden sie natürlich von der Außenwelt abgeschirmt. In der Schule treffen sie auf Kinder aus der gleichen Schicht, Fußball spielen sie mit ihresgleichen.
Was, glauben Sie, unterscheidet reiche Kinder in Russland von ihren Altersgenossen in Deutschland, Frankreich oder den Vereinigten Staaten?
In Russland gibt es viel weniger Tradition: Die Eltern und ihre Kinder bauen sich selbst ihren Kokon, von null an, ohne Tradition. In Frankreich oder England werden Dinge über die Generationen weitergegeben; da ist die Perlenkette der Großmutter cooler als die neueste Hermès-Tasche. Das gilt hier in Russland nicht.
Kinder von reichen oder besonders erfolgreichen Eltern zerbrechen ja auch manchmal an den hohen Erwartungen.
In einer Familie war es sehr interessant zu beobachten, wie die Kinder damit umgehen: Die jüngste Tochter hatte keine Probleme, der mittlere Sohn war ziemlich gleichgültig, und der Älteste kam schon überhaupt nicht mehr klar mit dem Leben. Ich will in zehn Jahren meine Protagonisten noch einmal besuchen. Dann werden sie 18 oder 20 sein. Und ich bin sehr gespannt, zu welchen Persönlichkeiten sie sich entwickeln.
Neureiche Russen und Oligarchen sind ein immer wiederkehrender Topos in der Berichterstattung über Russland. Was ist das Neue, das Sie bieten?
In westlichen Medien gibt es immer das gleiche Bild von den Reichen in Russland, es ist oberflächlich und vor allem negativ und wird mit Schlagwörtern wie Oligarchen und Neureiche abgehandelt. Ich wollte die Tür in eine andere Welt öffnen, zu der Journalisten normalerweise keinen Zugang haben. Oder zu der sie sich den Zugang versperren, weil sie mit den Interviewten nicht fair umgehen: Ich war selbst einmal dabei, als ein deutsches Filmteam eine reiche Russin interviewte. Als ich später den fertigen Film sah, war ich geschockt, weil er so geschnitten war, dass die Frau als reich, primitiv und dumm rüberkam.
Aber bestätigen Ihre Bilder die bestehenden Klischees nicht eher?
Meine Bilder fordern den Betrachter auf, zu entscheiden, auf welcher Ebene er das Projekt lesen möchte. Ich finde es langweilig, wenn man an der Oberfläche bleibt: Wow, was für ein verrücktes Kind - und Schluss. Dagegen freue ich mich, wenn sich die Menschen für die Details interessieren. Bei einer Ausstellung in Frankreich haben sich die Besucher mit mir viel darüber unterhalten, woher und von welchem Modemacher die Kleider kommen. Ein deutscher Automanager hat sofort erkannt, vor welchem Oldtimer-Modell das Mädchen Arina posiert. Es gibt viel Interessantes zu entdecken auf meinen Bildern.
Vor allen Dingen sieht der Betrachter ausufernden Reichtum.
Ja, natürlich. Das ist verrückter Reichtum. Aber es ist ein Phänomen, das es hier seit der Zarenzeit nicht gab. Interessant ist, dass es keine Tradition gibt, deshalb formen die Menschen sich und ihre Umgebung jeden Tag neu. Und die meisten haben inzwischen Geschmack entwickelt.
Auf den meisten Bildern posieren die Kinder, als sitze vor ihnen ein Maler, der stunden-, ja tagelang am Porträt feilt.
Ich bin an das Projekt tatsächlich wie ein Hofmaler herangegangen. Meine Großmutter war Ärztin im Bolschoi-Theater - daher vermutlich mein Hang zum Theatralischen, zur Verkleidung. Zur Vorbereitung meines Projektes habe ich Tage in der Eremitage in Sankt Petersburg verbracht und mir Porträts von Goya, Velázquez und Serow angeschaut. Walentin Serow war der berühmteste Porträtmaler im ausgehenden Zarenreich. Mit meinem Projekt wollte ich diese Tradition fortsetzen: eine Mischung aus Dokumentation, Porträt und Inszenierung. Ähnlich wie bei Goya wollte ich eine maximale Detailtreue, wo jede Sehne unter dem Hemd sichtbar ist. Deshalb habe ich die Bilder auch im Medium-Format 6 x 7 fotografiert.
Wer hat bestimmt, in welchen Kostümen und in welchem Rahmen sich die Kinder zeigen?
Das haben wir zusammen gewählt. Ich habe mit den Kindern immer erst ein Interview geführt, wo ich sie unter anderem fragte, was sie einmal werden wollten. Dann habe ich zu dem Thema recherchiert und Vorschläge gemacht. Das war allerdings nicht immer einfach: Wowa etwa, den ich am Ende im Theater seines Großvaters fotografierte, erzählte mir beim ersten Mal, dass er Archäologe werden will, dann wieder wollte er „Spiderman“ sein. So etwas hat mir gezeigt: Trotz des erwachsenen Äußeren sind diese Kinder genauso naiv wie „normale“ Kinder. Für das Bild von Arina vor dem alten Mercedes musste ich in der Garage des Vaters aus zwanzig Oldtimern auswählen.
Russlands Reiche zeigen gerne ihren Reichtum - nirgendwo sieht man auf den Straßen so viele Bentleys und Maybachs, an den Handgelenken der Menschen so teure Uhren. Andererseits werden ihre Paläste an der Reichenstraße „Rubljowka“ von hohen Mauern, Zäunen und Sicherheitsschleusen geschützt. Wie sind Sie da überhaupt reingekommen?
Das lief nach den Fotos mit Nastja über persönliche Kontakte. Ich bekam auch sehr viele Absagen, aber grundsätzlich vertrauten die Eltern der Kinder mir, weil ich eher wie eine Studentin wirkte. Die Kamera war mein „goldenes Ticket“. Ich interessierte mich auch nicht für Namen oder dafür, wie viele Millionen der Vater auf dem Konto hat. Mir ging es nur um die Welt, in der das Leben der Kleinen sich abspielt. Vielleicht spielte das auch eine Rolle.
Aber ganz konkret - wie kommt man in diese Häuser rein?
Manche Shootings fanden in den Stadtwohnungen der Menschen statt. Da kommt man ganz normal rein. Meistens fotografierte ich allerdings in den Häusern der Familien außerhalb von Moskau oder in Sotschi am Schwarzen Meer. Zu diesen Terminen holte mich ein Chauffeur ab. Einmal besuchte ich eine Familie, deren Nachbar Präsident Dmitrij Medwedjew ist. Da kamen zur Sicherheit gleich zwei Autos.
Haben Sie denn ein persönliches Lieblingsbild?
Das, was auf dem Cover meines Buches zu sehen ist: Warwara in ihrem Heimkino in einer Moskauer Wohnung. Die anderen Bilder sind sehr streng, ohne Bewegung, eben wie ein Porträt. Aber Warwara hatte an diesem Tag Fieber und konnte gar nicht ruhig stehen. Irgendwann begann sie, zu hüpfen und sich zu drehen. Es war, als würde sie sich von irgendetwas befreien.