Home
http://www.faz.net/-guy-136o8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berliner Clubs Vom Untergrund zur Oberfläche

13.07.2009 ·  Berliner Clubs geben in Europa den Ton an. Weil das auch die Politik erkannt hat, befürchten die Betreiber eine „Münchnerisierung“ von oben. Die könnte der Szene ihre größten Vorteile nehmen: Toleranz und Spontanietät.

Von Anna Loll, Berlin
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (1)

Vor der Hölle auf Erden ist die Schlange lang. Um ein Uhr, drei Uhr, fünf Uhr - immer muss man vor dem Berghain warten. Die Selectors, die Herren an der Tür, sortieren hart aus. Bisweilen kann man das verstehen, wenn die Jungs zu betrunken sind, wenn sie geleckt angezogen sind, als kämen sie direkt aus Finsterwalde. Manchmal ist die Auswahl aber willkürlich, wenn Punks und Normalos draußen bleiben müssen und vor allem: wenn man selbst im Regen steht.

Italien und Spanien sind vorbei - Befreiung vom Alltag suchen Clubgänger jetzt in den Nächten Berlins. "DJmag", die englische Zeitschrift für elektronische Musik, hat es kürzlich bestätigt. DJs der internationalen Szene setzten in einer Befragung das Berghain auf den ersten Platz der 100 besten Clubs. Außerdem sind noch fünf andere Berliner Veranstaltungsorte dort gelistet. Keine andere Stadt der Welt bringt es auf so viele Einträge.

Gute Musik zu günstigen Preisen

"Eine solche Clubszene gibt es momentan sonst nirgends", sagt Johnnychampagne. Der ehemalige Barkeeper mit dem bürgerlichen Namen John meint, die Gründe für die neue Anziehungskraft seien zum Teil banal ökonomisch. Der Partygänger bekomme in Berlin eine hohe musikalische Qualität zu günstigen Preisen. Vor allem aber könne man hier sieben Tage die Woche ohne Sperrstunde feiern, am Wochenende rund um die Uhr. Gewalt gebe es so gut wie gar nicht, die Polizei mische sich selten ein. Drogen bekomme man leicht. Was die sexuelle Ausrichtung und das Aussehen betreffe, sei die Berliner Szene extrem offen, sagt Johnnychampagne beim Gespräch im Café-Restaurant Gorki Park, während Freundin Olja auf seinem Schoß sitzt. Von Münchens Schick, Hamburgs Zurückhaltung oder Frankfurts Business-Gebaren finde man hier wenig. "Diese Mischung macht's", meint er. "Toleranz, so weit das Auge reicht."

Ähnlich sieht es Niklas Eichstädt, Geschäftsführer des Watergate. Niemand werde hier rausgeworfen, weil er zu viel getrunken habe. "Solange du den anderen sein lässt, wie er ist, kannst du tun und lassen, was du willst", sagt er, während er es sich auf den Lederhockern neben der 18-Meter-Glaswand des Clubs bequem macht. Dahinter geht in der Spree die Sonne unter. In der "DJmag"-Liste wurde das Watergate auf Platz acht gewählt. Mit seinen DJ-Line-Ups ist es so etwas wie das Programmkino der elektronischen Musik. Zwar gibt es im Berliner Nachtleben für jeden etwas - aber die Szene baut auf Techno und House auf. Zwei Drittel der rund 250 Veranstalter spielen laut der Berliner Clubcommission kaum etwas anderes.

„Die Szene als Prestigeobjekt“

Dabei hatte die Techno-Szene Anfang der Neunziger klein begonnen. An der Love Parade 1989 nahmen 150 Leute teil. Dann wurden Clubs wie das E-Werk und der Tresor Kult, die nah am Ursprung der Szene blieben und Spontanpartys in halbverfallenen Häusern feierten. "Davon zehrt Berlin noch immer", meint Niklas Eichstädt, "dass es unkontrollierbar ist."

Einen Bruch gab es vor einigen Jahren, als die frühen Clubs schlossen. Die Neuen - Cookies, Watergate, Weekend - hatten plötzlich elegante Bars, saubere Gläser und nicht permanent verstopfte Toiletten. Die Szene wurde erwachsener. Zu schicke Clubs scheitern jedoch nach wie vor. "Business-glatt funktioniert hier nicht", sagt Eichstädt. Von oben drohe eine Münchnerisierung. "Für die Stadt soll die Szene Prestigeobjekt sein." Aber die Spielräume würden mit Auflagen ständig verkleinert. Den Untergrund will man gewissermaßen an die Oberfläche ziehen. "So verschwindet das Ungeregelte", meint Eichstädt. "Die Politiker verkennen, was Berlin ausmacht. Wenn eine Sache hier funktioniert, ist es das Nachtleben."

So ähnlich sieht das auch eine Studie der Berliner Clubcommission aus dem Jahr 2008. Mit einem Umsatz von 170 Millionen Euro und etwa 8000 Beschäftigten seien die Clubs einer der wesentlichen Standortfaktoren in Berlin. Mehr als 20 Prozent des Umsatzes werde mit Touristen erwirtschaftet. Wenn Freiheiten immer stärker eingeschränkt werden, befürchtet Peter Erles, Eigentümer vom Delicious Doughnuts, einer Institution der Szene in Mitte, flögen die Besucher mit Easyjet einfach weiter nach Riga oder Warschau. Besonders nervt ihn das Rauchverbot. Allerdings werde immer gefeiert und getrunken. So wie es auch die magischen Momente der Nacht immer geben werde, in denen Leute aus verschiedensten Milieus plötzlich wie Freunde an der Bar sitzen, in denen Ideen schwirren und Bündnisse fürs Leben geschlossen werden.

Keine Regeln, keine Denkverbote

Zu denen, die Berlin immer wieder neu erfinden, gehören die Jungs von "Elektroschelle" mit ihren illegalen Partys. Auserwählte werden per SMS oder E-Mail informiert. Die Easyjet-Touristen erfahren von den Treffen in Fabrikruinen oder leerstehenden Kellern selten. Inzwischen sind sie zwar im Gegensatz zu den Neunzigern als Feiergäste in den Clubs willkommen. Aber bei illegalen Veranstaltungen bleibt die Szene lieber unter sich. Doch die Exklusivität hat ihren Preis. "Es ist schon ziemlich stressig, weil risikoreich", meint Mark, einer der sechs Organisatoren von Elektroschelle. Es sei ja nicht so schwierig, Getränke, Bar und Anlage irgendwo hinzuschleppen und bei der Party darauf zu achten, dass niemand zum Versicherungsfall wird und man keine Anzeige bekommt. Aber tagelang vorher müssen sie an Dekoration und Beleuchtung arbeiten und nach neuen Orten suchen. "Wir wollen unsere Gäste in eine Traumwelt entführen", sagt Mark. Wo Freiräume sind, kann auch etwas passieren.

Das merkt man auch, wenn man es endlich ins Berghain geschafft hat, den Technotempel der internationalen Clubszene. Es ist laut und dunkel, die Masse schwitzt und wiegt, zuckt und zappelt zur elektronischen Musik. Mitmachen - oder durch Magen- und Kopfschmerzen bestraft werden. Der allmächtige Beat vibriert im Körper. Bei manchen verstärken Drogen die Wirkung, andere bringen sich mit Sexgeschichten aus dem Darkroom in Stimmung. Nur wenn es keine Regeln gibt, keine Denkverbote, kein Tabu, ist man dabei: Entweder man lässt sich auf den Rausch ein - oder man bleibt draußen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel