17.03.2009 · Nicht nur die Menschen in Winnenden fragen nach dem Warum - das ganze Land ist fassungslos angesichts der Grausamkeit und Gnadenlosigkeit des Amokläufers Tim K. Fünf Schüler aus ganz Deutschland suchen nach einer Erklärung für seine Tat.
Am Mittwoch vergangener Woche ging der 17 Jahre alte Tim K. an seine alte Schule in Winnenden und erschoss 15 Menschen und danach sich selbst. Das Motiv für seine Tat wird wohl für immer im Dunkeln bleiben - fünf Schüler aus ganz Deutschland versuchen trotzdem eine Erklärung für seine Tat zu finden. Auch wenn es die eigentlich gar nicht geben kann.
Diana Steinbach (14), 8. Klasse des Hüffertgymnasiums in Warburg:
„Als ich in den Nachrichten die Bilder von der Schule sah und die Polizisten, die erzählt haben, was passiert ist, hatte ich schon Angst. Sonst passiert das ja immer irgendwo anders - und jetzt in Deutschland. In Amerika machen Leute das ja schon öfter. Aber dass so etwas in meiner Schule passiert, glaube ich eigentlich nicht. Das passiert eher da, wo die Schüler nicht so gut sind. Denn wie man in der Schule ist, damit hat so ein Amoklauf bestimmt zu tun, sonst würde man den ja nicht in der Schule machen. Wir haben dann noch im Reli-Unterricht eine Schweigeminute gehalten, und der Lehrer hat angekündigt, dass wir jetzt öfter Feueralarm haben werden, um zu proben, wie die Schule bei so etwas schnell geräumt werden kann. Nachher wurde in der Halle auch eine Kerze aufgestellt, und wer wollte, konnte auf einen Zettel schreiben, was er den Familien der Toten wünscht.“
Carla Rissmann (13), 8. Klasse der Friedensburg Oberschule (Gesamtschule) in Berlin:
„So viele Tote - ich konnte das zunächst überhaupt nicht fassen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass so etwas an unserer Schule überhaupt möglich wäre. Ich denke, die Killerspiele und auch die Isolation, die entsteht, wenn man immer nur allein vor dem Computer sitzt, könnten dazu beigetragen haben, dass so etwas passiert. Ich weiß es aber nicht genau, denn ich selbst spiele so etwas nicht. Ich frage mich, ob solche Programme nicht zu sehr verharmlost werden. Die Verbindung zur Wirklichkeit geht verloren. Im Spiel bringt man so lange Menschen um, bis es heißt ,game over'. Dann kann man wieder von vorn beginnen. In der Wirklichkeit ist das endgültig. Unvorstellbar wäre es für mich, eine Waffe in der Hand zu halten und abzudrücken. Das ist so weit weg von meinem Leben.“
Mona Speer (16), 10. Klasse des Schiller-Gymnasiums, Berlin:
„Ich habe meine eigene Theorie dazu: Wenn sich jemand selbst umbringt, dann hat er mit sich sehr große, unlösbare Probleme. Wenn er erst andere tötet und dann sich selbst, dann ist sein Problem allumfassend. Es ist eine Frage seiner psychischen Situation. Unmöglich finde ich, dass es für unseren Stadtteil angeblich gerade einmal zwei Schulpsychologen gibt. Dabei wären die wirklich wichtig. Zu wem sollte man gehen, wenn man in der Schule nicht klarkommt und zunehmend vereinsamt? Einen der Lehrer oder einen der Schüler oder Schülerinnen der Mediatoren-AG würde ich nicht ansprechen. Die Mediatoren sind in unserem Alter, was für wirklich schwerwiegende Probleme nicht weiterhilft. Und die Lehrer bleiben in jedem Fall unsere Lehrer, die uns den Stoff beibringen und uns am Ende benoten müssen. Denen öffnet man sich nicht einfach; sie sind Teil des Systems und wahrscheinlich oft Teil des Problems. Psychologen dagegen gehören nicht dazu. Sie sind Außenstehende. Bei ihnen kann man sicher sein, dass sie das, was man mit ihnen bespricht, für sich behalten und dass es nicht doch irgendwie in eine Note einfließt. Gegen einen Amokläufer kann man nicht wirklich etwas machen. Ich denke aber, dass so etwas an unserer Schule nicht möglich wäre.“
Moritz Englebert (16) und Ken Hegemann (17), beide 11. Klasse im Gymnasium Kreuzgasse und im Elisabeth-von-Thüringen- Gymnasium, Köln:
„So wie die Tat in den Medien hochgepusht wird, kann sie einem gar nicht mehr nahegehen - uns jedenfalls nicht. Das ist Infotainment, die die Neugier der Leute befriedigt. Die Tatsache, dass der Amokläufer Killer-Spiele gespielt hat, ist eine Vereinfachung, die dann jedes Mal kommt. Wir spielen auch hin und wieder Killer-Spiele und stehen dazu. Für uns ist so ein Spiel nicht mehr und nicht weniger als ein digitaler Zeitvertreib mit einer Konsole, bei dem es darum geht, das Spiel zu schaffen oder den anderen zu schlagen. Man muss schon hoch vereinsamt sein, um ganz in diese Welt der Killer-Spiele zu versinken. Wir tun das nicht. Ob es solche Leute an unseren Schulen gibt, kann man nicht so genau sagen. Jetzt heißt es überall, wir sollten aufmerksam sein. Aber ehrlich gesagt: Wenn in unserer Stufe jemand einen Spruch bringen würde, der auf einen Amoklauf hindeuten könnte, dann wäre es für uns wahrscheinlich nur ein dummer Spruch, der niemals ernst genommen würde.“