22.01.2009 · Die kürzlich veröffentlichte Studie „Ernährung in Deutschland 2008“ zeigt: Die Generation XXL nimmt zu. Zahlreiche Programme sollen Kinder und Jugendliche beim Abspecken unterstützen. Ob sie wirken, weiß niemand.
Von Anna von MünchhausenDen Gürtel enger zu schnallen ist im Diät-Monat Januar kollektives Anliegen. Wie dringend es ist, steht in der soeben veröffentlichten Nestlé-Studie „Ernährung in Deutschland 2008“. Schwerwiegende „Ernährungsdefizite“ in der jüngeren Bevölkerung werden gemeldet, insbesondere „Heißhungerattacken auf Ungesundes“, „zu geringe Trinkmenge“, „zu viele Süßigkeiten“. Tags darauf schlug die „Stiftung Kindergesundheit“ Alarm: Nicht nur, dass der Nachwuchs zu viele Pfunde mit sich herumschleppt - immer mehr Babys kommen bereits als „Moppel-Ich“ zur Welt. „Kinder, die schon im Mutterleib überfüttert wurden, werden auch später mehr essen, als sie brauchen.“
So weit, so schlecht. Messerscharf hat die Politik - das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) - Handlungsbedarf erkannt. Wer die Website des BMELV ansteuert, stößt auf eine gemeinsam herausgegebene Broschüre: „Förderung von gesunder Ernährung und mehr Bewegung“. Und bei www.kinder-leicht.net werden auf mehr als hundert Seiten zahlreiche Programme in Bundesländern, Städten und Gemeinden aufgeführt. Ihr Ziel: Kinder und Jugendliche sollen abspecken und runter vom Sofa.
Verbote bringen nichts
Strikte Verbote und Radikal-Diäten bringen bekanntlich nichts. Umso mehr Phantasie war offenbar gefragt, um den Angeboten Namen zu geben. „FitKids“, „Kinderleicht und bärenstark“, „PommeFRIZ“, „Mobydick“, „JumboKids“ oder „Coolfoodplanet“. Furchtbar lustige Bezeichnungen, die an den berühmten Löffel Zucker erinnern, mit dem bittere Medizin kaschiert werden soll. Vollmundig fallen auch die Konzepte der Psychologen, Ökotrophologen und Physiotherapeuten aus, die alle mitverdienen wollen. Von „psychosozialem Ansatz“ oder „motivationsgesteuerten Modulen“ ist die Rede, unbedingt sollen die Kleinen „die Lust am gesunden Essen entdecken“. Gut gemeint, aber längst nicht gut gemacht. „Meist steckt dahinter bloß ,Schürze um und Möhren schnippeln'“, lästert eine Schulärztin. Grundschüler malen ihr Körperschema an die Tafel oder kreuzen auf einem Arbeitsbogen an, wie viel Zucker in einer Flasche Cola steckt - aha! Die Lust auf Süßes oder Chips bleibt davon unberührt.
„Da werden unterschiedlichste Therapie-Angebote begünstigt“, sagt die Duisburger Internistin Annette Chen-Stute. „Ob etwas dabei herauskommt, ist ungewiss. Denn wer evaluiert das, um Erfolg oder Misserfolg zu dokumentieren? Niemand weiß es.“ Die Internistin beobachtet die Szene der Therapie-Gruppen und -Grüppchen genau. Sie selbst leitet ein Adipositas-Zentrum am Bethesda-Krankenhaus in Duisburg und ein weiteres in Oberhausen. Fettsucht und Übergewicht unter Jugendlichen werden in den nächsten Jahren immer höhere Kosten verursachen, so viel ist unter Medizinern wie Epidemiologen unbestritten. Umso wichtiger wäre es sicherzustellen, dass nicht nur Programme großzügig mit öffentlichem Geld gefördert werden, sondern auch deren Auswertung. „Es macht uns kirre, wie klein die Erfolge sind“, bestätigt eine Hamburger Fachärztin, die mit Rücksicht auf die Interessen ihres Arbeitgebers lieber anonym bleibt. „Wer von den Anbietern dieser Programme Geld erhält und wer nicht, ist einzig und allein auf Lobbyarbeit zurückzuführen - und nicht auf die nachweisbaren Ergebnisse.“
Aktionsplan für 30 Millionen Euro
Schwere Kindheit in Zahlen: „Je nach Region sind in Deutschland zwischen 10 und 24 Prozent der Schulkinder übergewichtig und zwischen 4 und 8 Prozent adipös (fettsüchtig)“, sagt Professor Thomas Reinehr von der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln. Das heißt: Ihr Body Mass Index liegt über 25 (die Formel des BMI lautet: Körpergewicht geteilt durch Körpergröße im Quadrat, siehe Grafik). Reinehr ist Leiter des Instituts für Pädiatrische Ernährungsmedizin und führt seit Jahren an seiner Klinik das Programm „Obeldicks“ durch - eine Therapie, die das Gütesiegel des Medizinischen Diensts der Krankenkassen erhalten hat. Den von der Bundesregierung im Juni 2008 verkündeten „Nationalen Aktionsplan Ernährung“ bezeichnet der Ernährungs-Experte als „Absichtserklärung, keinen inhaltlichen Umsetzungsplan“. 30 Millionen Euro sind dafür im Bundeshaushalt in den nächsten Jahren vorgesehen. Reinehr: „Das wird sicher nicht dazu führen, dass das Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen innerhalb von vier Jahren verschwindet.“ Aufklärungskampagnen herkömmlicher Art hält er für sinnlos. Entscheidend sei, eingeschliffenes Verhalten zu verändern. „Das Problem ist das Machen. Wenn wir so leben würden wie 1960, gäbe es weniger Übergewicht - wir würden zu Fuß gehen und hätten ein schmaleres Angebot an Lebensmitteln.“
So weit wird es wohl selbst in der aktuellen Krise nicht kommen. Im gelben Untersuchungsheft, das jedes in Deutschland geborene Kind mit auf den Lebensweg bekommt, stellt eine Tabelle dar, was Jungen und Mädchen wiegen sollten, und bei jeder der Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9 wird festgestellt, ob das Gewicht in der Norm liegt.
Erfolgskontrolle fehlt
Den Eltern der in Schule und im Sportverein oft gehänselten Dicken empfiehlt der Arzt meist, mit dem Nachwuchs eines der oben genannten Programme aufzusuchen. Dass die Schulung häufig vergeblich bleibt, ist in Fachzeitschriften nachzulesen. Eine unlängst im „Adipositas-Spektrum“ vorgestellte Meta-Studie nahm 48 Therapie-Angebote unter die Lupe, an denen 1916 Kinder teilgenommen hatten - 870 Jungen und Mädchen wurden ambulant, 1046 stationär behandelt. Die Hälfte von ihnen war adipös, 37 Prozent „extrem adipös“. Das magere Ergebnis: 12,5 Prozent brachen das Programm ab, 12,5 Prozent nahmen nicht ab, sondern sogar zu, und bei 19 Prozent bewegte sich der Zeiger der Waage gar nicht. Immerhin 41 Prozent erreichten eine mittlere Reduktion, lediglich „15 Prozent verzeichneten eine sehr gute Gewichtsabnahme“.
Was hilft, was kostet nur Geld? Eine Erfolgskontrolle wäre ratsam. In der Politik aber wird eher nach dem Motto verfahren: Hauptsache, es geschieht etwas. Anfang Dezember vergangenen Jahres stellten Verbraucherministerin Ilse Aignerund Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eine weitere Initiative vor: „In Form“ soll die XXL-Generation motivieren, sich besser zu ernähren und mehr zu bewegen. „Konkrete Ergebnisse gibt es natürlich noch nicht“, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. „Die Projekte sind ja erst angestoßen worden.“ Immerhin sind dafür im Jahr 2008 knapp vier Millionen Euro abgerufen worden, zwei Drittel des Jahres-Etats. Stolz verweist der offizielle Info-Dienst A.I.D. darauf, rund 5000 Pakete mit Material für Diät-Unterricht an Grundschulen verteilt zu haben. Nach sechs Doppelstunden wird Drittklässlern ein „Ernährungsführerschein“ ausgehändigt. Der wird in den Ranzen gesteckt, das war's. „Wenn ich vier Wochen nach dieser Lerneinheit mit meinen Schülern Frühstück mache, wird nach Nutellabrötchen gefragt - alles wie gehabt“, berichtet eine Grundschullehrerin.
Wasser statt Cola an den Schulen
Die Ernährung umzustellen, das fällt schon Erwachsenen schwer. Kinder schaffen es höchstens, wenn die Familie und das Umfeld mitziehen. Wer seinem Achtjährigen morgens vier Euro in die Hand drückt nach dem Motto „Kauf dir was zu essen“, darf kaum erwarten, dass auf Süßigkeiten und Fastfood verzichtet wird.
Ernährungs-Experte Reinehr ist der Ansicht, dass schon wenige konsequente Maßnahmen dazu beitragen könnten, die Junkfood-Junkies von den Kalorienbomben fernzuhalten. Beispielsweise, indem Getränkeautomaten in Schulen nur noch Wasser oder Apfelsaftschorle enthalten, keine zuckerhaltigen Softdrinks. Werbung für Süßigkeiten und Fastfood im Nachmittagsprogramm der Fernsehsender zu verbieten, hält der Adipositas-Facharzt ebenfalls für sinnvoll: In Norwegen und Schweden wurden damit gute Erfahrungen gemacht. Der Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, hat jüngst eine Bannmeile im Umkreis von Schulen verfügt - Süßigkeiten dürfen dort nicht mehr verkauft werden. Auch das häufig empfohlene Ampel-Symbol auf Lebensmitteln hält Reinehr für hilfreich: Beim Blick auf die Packung anhand von Rot, Gelb und Grün gleich zu erkennen, wieviel Fett, Eiweiß, Kohlehydrate das Produkt enthält, sei damit schließlich kinderleicht.
„Therapie der Obesitas mit Motivation“
„Übergewicht kommt aus der Familie“, sagt Annette Chen-Stute. „Es gibt inzwischen auch im Milieu der Besserverdienenden eine wachsende Tendenz zu Übergewicht bei Kindern.“ Als Grund nennt sie „eine Form der Wohlstandsverwahrlosung“ - materiell seien diese Kinder mehr als gut versorgt. „Was fehlt, ist das Gespräch, die Bestätigung und die Anleitung. Essen dient Kindern oft dazu, Langeweile zu vertreiben oder Zeitlöcher zu füllen.“
Seit zehn Jahren kommt im Duisburger Zentrum ein Programm zur Anwendung mit dem Titel T.O.M. (“Therapie der Obesitas mit Motivation“), gestaffelt nach Altersgruppen. Drei Jahre lang werden die Patienten ambulant betreut. Anfangs zweimal, später einmal wöchentlich lernen sie in Gruppen und als Einzelpatienten, wie gesunde Lebensführung funktioniert, und zwar eng geführt von Sportlehrern, Ökotrophologen und Psychologen. „Wir haben erkannt, dass für die Adipositas-Therapie gerade bei Kindern und Jugendlichen viel Zeit nötig ist.“ Das ist das Gegenteil der Ex-und-hopp-Methode - und daher den Krankenkassen häufig zu teuer.
Doch die Erfolge können sich sehen lassen. Neulich, berichtet die Ärztin, sei ein junger Mann in die Klinik gekommen - Anfang zwanzig, sportlich, schlank, gutaussehend. „Kennen Sie mich noch?“, habe er gefragt. Sie zögerte - und erinnerte sich schließlich: Vor etlichen Jahren war er dick und rund bei T.O.M. eingestiegen, widerwillig, weil von den Eltern hingeschickt. Erst im dritten Jahr der Behandlung sei „der Knoten geplatzt“. Demnächst wird er den jungen Leidensgefährten mal berichten, wie er es geschafft hat.