27.11.2008 · Freitags treffen sich Hunderte Jugendliche am Alexanderplatz: Gothics, Punks, Emos - und Wannabes. Einen anderen Platz gibt es für sie nicht. Das Schlimmste beim Abhängen in Berlin-Mitte ist es, als Möchtegern zu gelten.
Von Lenz Koppelstätter, BerlinDas Helium wirkt tatsächlich. Sponge, Peter und Hinkebein haben sich bei McDonald's Luftballons geholt, die mit Helium gefüllt sind. Sie saugen das Gas in die Lungen und kichern über ihre Micky-Maus-Stimmen. Es ist Freitagabend. Jeden Freitagabend treffen sich Hunderte Jugendliche am Berliner Alexanderplatz rund um den Fernsehturm. Gothics mit schwarzen Ledermänteln und schwarz gefärbten Fingernägeln, Punks mit Hunden und Irokesenschnitt und die melancholischen Emos mit Röhrenjeans, Käppis in Neonfarben, die Haare ins Gesicht gekämmt. Sie quatschen, sie trinken, sie küssen sich. „Abhängen“, sagt Sponge.
Auch die Polizei ist Freitagabend am Fernsehturm. Die Scheinwerfer mehrerer Mannschaftswagen leuchten in die Menge. Schon seit Monaten protestieren die Anwohner gegen Lärm, Müll und Gestank. Das Bezirksamt von Berlin-Mitte will nun ein Alkoholverbot erlassen, damit die Jugendlichen weggehen. Nur wollen die Jugendlichen nicht anderswo hin. Es gibt keinen Platz für sie, also haben sie sich den Alexanderplatz ausgesucht. „Die Clubs sind zu teuer, und unter 18 kommt man nicht rein“, sagt Sponge. Er kann nicht sagen, warum sie sich diesen Platz ausgesucht haben. Das sei seit Jahren schon so. Wahrscheinlich, weil er zentral gelegen ist.
„Wir wollen diesen Platz behalten“
Umstellt von DDR-Plattenbauten reihen sich das Rote Rathaus, die Marien-Kirche, Kaufhäuser und ein Filmpalast um den Turm - alles hell beleuchtet. Im Dunkeln zwischen den Bäumen an der Spree sitzt Karl Marx, daneben steht Friedrich Engels, beide als Denkmal überlebensgroß in Bronze gegossen. Dahinter ragen die Ruinen des Palasts der Republik in den schwarzen Himmel. Inmitten der Gothics, Punks und Emos stellen Touristen ihre Kameras scharf und fotografieren die glitzernde Kugel des Fernsehturms.
Einer der Jugendlichen hat ein Megafon dabei. „Hallo Leute“, sagt er. „Heute kommt RTL mit einem Kamerateam vorbei, wir wollen diesen Platz behalten, also benehmt euch!“ Einige klatschen. Andere rufen: „Buuh!“ Einer sagt: „Fresse, du Penner!“ Sponge meint: „Geil! RTL! Vielleicht kann ich meine Beatbox vorführen.“ Dann nimmt er die Hände vor den Mund und macht ein Schlagzeug nach. Er wollte sich damit bei „Das Supertalent“ bewerben, hat dann aber den Anmeldetermin verpasst.
Sponge heißt eigentlich Norman Abrahamson - aber hier wird fast jeder nur mit Spitznamen gerufen. Er ist in Berlin-Mitte geboren und wohnt mit seinen Eltern in Biesenthal, östlich von Berlin. Sein Vater arbeitet bei einem Stromanbieter, seine Mutter ist Bürokauffrau. Zum Alexanderplatz braucht Sponge eine Stunde mit der S-Bahn. Er ist 17 Jahre alt und wiederholt die elfte Klasse. Er hat die Haare ins Gesicht gekämmt, trägt Röhrenjeans und ein neongrünes Käppi. Hier am Alexanderplatz trifft Sponge sich mit seinen Freunden, hier hat er seine Freundin kennengelernt, aber die ist gerade mit ihrer Mutter auf Mallorca.
Alkohol in Rucksäcken
Peter will endlich Alkohol kaufen. Bei „Plus“ in den Rathauspassagen gibt es eine Flasche Apfellikör für 2,99 Euro. Im Schatten der Büsche nimmt jeder einen Schluck. Sponge zündet sich eine Zigarette an. Er kennt fast jeden hier: Georg ist da, sein bester Kumpel aus Frankfurt (Oder). Fast jedes Wochenende kommt er nach Berlin. Tobi, der Punk, ist da. Er trägt kurze Wollhosen im Schottenmuster, die er um 50 Prozent billiger aus den Vereinigten Staaten bestellt. Er zittert - die langen Hosen kommen erst in einer Woche. Speer ist auch da. Speer ist älter als die anderen. Vor ihm haben alle Respekt. Im Bahnhof hat er Hausverbot. Er soll einem Minderjährigen Drogen verkauft haben. „Stimmt nicht“, sagt er und grinst. „Er hat mir was verkauft.“
Hinkebein hat Rap-Musik auf seinem Handy angemacht. Vor wenigen Tagen musste er an der Hüfte operiert werden. Ein Sturz mit dem Skateboard. Bis dahin war Beere sein Spitzname, jetzt heißt er eben Hinkebein. Sponge und Georg unterhalten sich, wer bei „Call of Duty IV“, einem Kriegs-Computer-Spiel, mehr Punkte schafft. Jeder Kill bringt fünf Punkte. Dann wird ein bisschen rumgeschubst. Polizisten streifen von Gruppe zu Gruppe. Sie stellen Platzverweise aus, wenn jemand an die Marienkirche pinkelt, und kontrollieren, ob Minderjährige harten Alkohol trinken. Doch die Schnapsflaschen sind gut in den Rucksäcken versteckt. Fast jeder hier hat einen Rucksack.
Von Wannabes und Coolness
Sponge, Georg, Peter und Tobi wollen über die Liebknecht-Straße zu ihrem Lieblingsladen „Titus“, der Skateboards, knallige T-Shirts und Käppis verkauft. „Es gibt Wannabe-Läden und coole Läden“, erklärt Sponge. „Titus haut 'ne Ecke weg“. Was heißt, dass es sich um einen coolen Laden handelt. Das Schlimmste am Alexanderplatz ist es, als Wannabe zu gelten. Als Möchtegern-Gothic, Möchtegern-Punk oder Möchtegern-Emo. Wer Tokio Hotel hört oder kein Skateboard hat, ist ein Wannabe. Obwohl sie eigentlich alle ein bisschen aussehen wie Tokio Hotel. Und viele, die ein Skateboard haben, sagt Sponge, könnten gar nicht skaten. Sponge skatet jeden Tag. Sein Board hat er bei „Titus“ gekauft - für 298 Euro.
Sponge und Georg stellen sich vor den Spiegel und probieren neue Käppis. Erst letzte Woche wurde Sponge eins geklaut: „Auf Käppis und Handys muss man gut aufpassen am Alex.“ Zweimal sei er verprügelt worden. Einfach so, weil er sein Käppi nicht rausrücken wollte. Dann quatschen die beiden über Piercings und Tattoos. Georg trägt ein Piercing in der Unterlippe. Sponge will sich tätowieren lassen. Am liebsten eine Comic-Figur, die eine Kippe ausdrückt, mitten auf die Brust.
Bis nächste Woche
Eine halbe Stunde später haben sie sich entschieden, doch nichts zu kaufen. Tobi und Peter wollen zurück zum Fernsehturm. Sponge begleitet Georg zum Bahnhof. Unterwegs schnell noch einen Schluck Apfellikör. Georg muss mit dem Nachtzug nach Frankfurt zurück. Sie werden von zwei Nazi-Skins angepöbelt, die auf der anderen Seite des Alexanderplatzes ihr Revier haben. Auch der Freund seiner Schwester höre gerne Nazimusik, sagt Sponge. Er holt sich eine Schrippe aus dem Rucksack. Meistens holen sie sich gemeinsam im Bahnhof eine Chinapfanne. Aber das Geld ist knapp. Einmal pro Woche trägt er Zeitungen aus, den „Märkischen Sonntag“, dazu gibt es noch Taschengeld. Auf 150 Euro kommt er so im Monat. Das meiste spart er. Für neue Klamotten und für ein neues Skateboard alle vier Monate.
Als Sponge zurück zum Fernsehturm kommt, sind die anderen schon weg. Nur die Polizei ist noch da. Er ruft Hinkebein an, doch der ist in der Diskothek „Babylon“. Er ist schon 18 und kommt rein. Bald hat auch Sponge Geburtstag. Seine Mutter will ihm einen neuen PC-Bildschirm spendieren oder eine große Party mit 600 Litern Bier. Sponge will den Bildschirm.
„Wenn ich keine Freundin hätte, würde ich jetzt zum Treptower Park fahren“, sagt er. Da treffe man immer nette Mädchen. So aber entscheidet sich Sponge, mit der S-Bahn zurück nach Biesenthal zu fahren. In einer Woche wird er sie alle wiedersehen: Peter, Tobi, Hinkebein, die Polizei. Und vielleicht ist nächsten Freitag auch RTL da.