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Jugendstudie Kampf der Geschlechter

21.09.2006 ·  Besonders Mädchen setzen auf Leistung und sind auf dem besten Wege die neue Bildungselite zu werden. Dies ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der neuen Shell-Jugendstudie. Werte sind den Jugendlichen wieder wichtiger.

Von Stephan Löwenstein
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Einen Gutteil der Shell-Studie machen ausgewählte Kurzportraits von Jugendlichen aus, die auf den Interviews beruhen. Da ist der Jungbauer Martin aus Oberbayern, der sich sicher ist, daß es für jemand mit Ehrgeiz und Eifer kein Problem ist, eine Arbeit zu finden, den aber die Sorge umtreibt, eine Frau zu finden, weil die Frauen sagten: „Na, das möcht ich nicht machen, die schwere Arbeit, die dreckige Arbeit.“ Zumindest die jungen Mädchen. Es sei zu hoffen, daß sie „wenn sie ein bißchen älter werden, dann anders darüber denken“.

Da sind zwei Achtzehnjährige aus Berlin, die Gesamtschülerin Aslihan und der Lehrling René. Aslihan will einen Beruf erlernen, am liebsten Pharmazeutisch-Technische Assistentin, ist genervt von ihrem älteren Bruder, der immer wissen will, wo sie gerade war, und lacht, als sie von ihrer Tante erzählt, die sagt, wenn sie sie mit einem Jungen auf der Straße sehe, „dann bring ich dich um“. René aus dem Osten Berlins hat grundsätzlich nichts gegen Ausländer, höchstens gegen Türken, nur „ick find, das sind in Deutschland einfach zu viele“. Unter den Parteien hat er noch keine passende gefunden: „Die CDU hat wat Jutet, für mich hat auch die NPD wat Jutet, aber das gibt's halt nicht in einem.“ Da sind der siebzehnjährige Rapper aus Mühlheim bei Frankfurt, der sagt: „Spaß steht momentan für mich an oberster Stelle“, und die achtzehnjährige Schwesternschülerin aus München: „Meine Kirche, mein Glaube, das ist einfach etwas Standhaftes, was auch schon immer da war und mir nie jemand versucht hat zu nehmen, oder besser, was ich mir nie habe nehmen lassen.“

Frauen bald die Bildungselite

Diese Geschichten geben den Statistiken der Studie Gesichter. Es ist die 15. Untersuchung, die das Mineralölunternehmen seit 1953 hat anfertigen lassen. Als zentrale Aussage im Vergleich zu der letzten Studie von 2002 geben die Autoren an: „Der Optimismus hat sich verdüstert.“ Zwar hat nach wie vor jeder zweite eine eher zuversichtliche Vorstellung von der eigenen Zukunft, 42 Prozent sehen sie „eher gemischt“ und nur acht Prozent eher düster. Aber 2002 lauteten diese Werte noch 56 - 37 - 6. Hauptsorge ist es, den Arbeitsplatz zu verlieren oder keine adäquate Beschäftigung zu finden: Das befürchten 69 Prozent (2002: 55 Prozent). Ähnlich die Sorgen wegen schlechterer wirtschaftlicher Lage und steigender Armut.

Ein zweiter bemerkenswerter Befund: „Die Mädchen drücken das Leistungspedal - wenn es so weitergeht, werden die Frauen die neue Bildungselite.“ Der Bielefelder Soziologe Klaus Hurrelmann, gemeinsam mit seinem Kollegen Mathias Albert Koordinator der Studie, ging am Donnerstag bei der Vorstellung der Ergebnisse sogar so weit, einen „Kampf der Geschlechter“ anstelle eines „Kampfes der Generationen“ vorherzusagen. Darauf deutete der Schulerfolg hin - 47 Prozent der Mädchen gehen aufs Gymnasium, 40 Prozent der Jungen (2002: 43 - 39). Ähnliche Relationen ergeben sich beim Ehrgeiz, das Abitur zu machen (55 Prozent der Mädchen, 47 Prozent der Jungen). Dem entspricht die Mißerfolgsstatistik: 24 Prozent der Mädchen waren schon einmal versetzungsgefährdet, 14 Prozent sind tatsächlich hängengeblieben; von den Jungen zwischen 12 und 21 waren 28 Prozent gefährdet und 20 Prozent tatsächlich nicht versetzt worden. Dem Begriff vom „Kampf der Geschlechter“ freilich widersprach nachdrücklich Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die lieber von einem „Aufholen“ sprechen wollte.

Tugenden wieder im Trend

Auch in bezug auf Sekundärtugenden stehen die Mädchen in den Zahlenwerken der Shellstudie in einem günstigeren Licht. Schon in der letzten Studie 2002 war, verglichen mit den achtziger Jahren, eine merkliche Wiederbelebung von Werten und Tugenden wie Freundschaft, Verantwortung, Fleiß und Ehrgeiz oder Recht und Ordnung festgestellt worden. Der Trend setzt sich fort. Aufgeschlüsselt nach „Wertkomplexen“ stellen die Autoren Unterschiede in der Selbsteinschätzung zwischen den Geschlechtern fest - wie man sie nach herkömmlichen Vorstellungen auch vermutet hätte. Mädchen schätzen Begriffe wie Freundschaft, Familienleben, viele Kontakte, Gesetz und Ordnung, Unabhängigkeit, Eigenverantwortung, Kreativität, Gesetz und Ordnung, Fleiß und Ehrgeiz, Umweltbewußtsein, Sozialengagement und Gottesglauben höher - Jungen geben auf einer Skala höhere Werte an für Begriffe wie Lebensgenuß, Lebensstandard, Selbstdurchsetzung, Macht und Einfluß, Geschichtsstolz, Politikengagement. Der Kontrast, so die Autoren der Studie, habe sich gegenüber 2002 eher verstärkt als abgeschwächt, vor allem, weil das Profil der Mädchen und jungen Frauen etwas „weicher“ geworden sei. Sie gäben sich zwar ebenso fleißig und ehrgeizig wie Jungen und junge Männer, aber nicht mehr so durchsetzungswillig.

Einer vor allem im vergangenen Jahr vielgeäußerten Vermutung widersprechen allerdings die Autoren der Studie: Der „Renaissance der Religion“. Zwar seien Jugendliche im Zusammenhang mit dem Tod Papst Johannes Pauls II. oder dem Weltjugendtag in Köln im vergangenen Jahr besonders präsent gewesen. Das liege daran, daß viele eine prinzipiell wohlwollende Einstellung zur Kirche hätten, 69 Prozent fänden „gut, daß es sie gibt“, und die meisten (im Westen) seien konfessionell gebunden. Doch hätten Wertesystem und praktisches Verhalten der meisten Jugendlichen „nur eine mäßige Beziehung zu kirchlich-religiösen Glaubensvorgaben“. Dabei sind allerdings erhebliche Unterschiede zwischen den Religionsgemeinschaften festzustellen. Insgesamt sagen 30 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 25, sie glaubten an einen „persönlichen Gott“. Katholiken sagen das zu 41 Prozent, Protestanten zu 30 Prozent, Muslime aber zu 64 Prozent. Muslime sind zugleich am stärksten von ihrem Elternhaus religiös geprägt.

Quelle: F.A.Z., 22.09.2006, Nr. 221 / Seite 7
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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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