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Jugendämter : Jede Familie tickt anders

Bild: Agentur Focus

Zwei Rechtsmediziner erheben drastische Vorwürfe: Deutschland schütze Kinder nicht vor schwerster elterlicher Gewalt. Aber so einfach ist das nicht, und eine maximale Kontrolle ist nicht die Lösung.

          So einfach und eindeutig, wie das gerade wieder behauptet wird, ist es nicht einmal im Notfall.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn ein Nachbar Schreie gehört hat, vielleicht einen Streit, wenn jemand aus Sorge um die Kinder nebenan zum Telefon gegriffen hat, mitten in der Nacht oder am Wochenende, rückt der Berliner Notdienst Kinderschutz aus. Wenn es sein muss, verschaffen sich die Sozialarbeiter mit Hilfe der Polizei Zutritt zu der Wohnung. Dann schauen sie sich um: Wie verdreckt ist es? Sind die Betten bezogen? Ist die Balkontür gesichert? Sind das tatsächlich Maden im Babymilchpulver?

          Und was ist mit den Kindern? Die Sozialarbeiter wissen: Ein Mädchen, das ihnen entgegenläuft, ein Junge, der freiwillig auf ihren Schoß klettert, ist eher in Not als ein Kind, das sich hinter dem Rücken der Eltern versteckt. Wenn Striemen im Gesicht mit einem Sturz vom Hochbett erklärt werden, heißt es, misstrauisch zu sein. Kinder, die regelmäßig geschlagen werden, schauen kaum auf. Ihr stumpfer Blick geht ins Nirgendwo.

          Wenn die Sozialarbeiter fürchten, dass ein Kind zu Schaden kommen könnte, nehmen sie es mit. Britta Bremer vom Berliner Notdienst Kinderschutz sagt, ihre Kollegen seien gut geschult. Sie arbeiteten stets zu zweit und orientierten sich für ihre Einschätzung an einem standardisierten Kinderschutzbogen, um Missstände altersgemäß zu erfassen. Notdienst ist Notdienst. Wenn vom nächsten Morgen an über die Zukunft der Kinder entschieden werden muss, übernimmt das Jugendamt die Verantwortung. Trotzdem sagt selbst Bremer: „Wenn alles eindeutig wäre, wäre es einfach.“

          Donnerstag in Berlin, eine Buchvorstellung des Droemer Verlags, die als Pressekonferenz inszeniert ist. Michael Tsokos und Saskia Guddat, beide Rechtsmediziner an der Charité, projizieren vor laufenden Kameras Bilder an die Wand mit der Bitte, sie nicht im Fernsehen zu zeigen. Striemen auf einem schmalen Oberschenkel, die von einer Reitgerte stammen. Der rötliche Krater, den eine Zigarette auf dem Handrücken eines Babys hinterlassen hat. Ein blau geschwollenes Mädchenauge, verursacht durch einen Tritt. „Solche Fälle kennen wir zuhauf“, sagt Tsokos: „Die gefährlichste Person für ein Kind ist die Mutter oder der Vater oder der Lebensgefährte.“

          Michael Tsokos und Saskia Guddat präsentieren ihr Buch.

          Aus Sicht der Rechtsmediziner ist die Welt tatsächlich einfach und eindeutig. Kraft ihres Berufs begutachten sie Kinder dann, wenn sie durch die Gewalt ihrer Eltern verletzt wurden, mitunter so schwer, dass sie nie in ihrem Leben einen Schulabschluss erreichen werden oder erblinden. Manchmal sind sie tot. „Deutschland misshandelt seine Kinder“, haben Tsokos und Guddat ihr Buch genannt. Demzufolge sterben in Deutschland jedes Jahr 160 Kinder an ihren Misshandlungen, 3600 überleben schwer verletzt. Tsokos wettert: „Es müssen die Verantwortlichen benannt werden. Das kann nicht immer unter den Tisch gekehrt werden.“

          Der medienaffine Professor und seine Kollegin treten auf, als wären Rechtsmediziner die einzig wahren Kinderschützer in diesem Land. Ihr Buch ist im Grundton polemisch und plakativ. Die Autoren holen zu einem Rundumschlag aus gegen leichtgläubige Kinderärzte und verantwortungslose Familienrichter, gegen unbedarfte Sozialarbeiter und bornierte Mitarbeiter beim Jugendamt. Entweder haben die Fachleute eine Bedrohung nicht erkannt. Oder sie haben die Kinder, rechtsmedizinischen Expertisen zum Trotz, zurück in die Obhut ihrer gewalttätigen Eltern gegeben. „Das System des Kinderschutzes in Deutschland ist krank“, poltert Tsokos.

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