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Jugend und das Internet Surfen macht schlau

 ·  Die erste Generation junger Menschen, die sich ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen kann, wird nun volljährig: die „Digital Natives“. Über das vermeintlich verantwortungslose und naive Verhalten wurde schon einiges geschrieben. Vieles davon ist bloßer Mythos.

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Die erste Generation junger Menschen, die sich ein Leben ohne Google, Facebook und YouTube nicht mehr vorstellen können und die beim Stichwort „Brockhaus“ allenfalls an eine architektonische Stilrichtung, kaum aber an eine Enzyklopädie denken, wird nun volljährig. Wir bezeichnen sie als „Digital Natives“. Sie sind ständig von digitalen Geräten umgeben und Meister des Multi-Tasking. Sie beziehen Nachrichten - „News“ - vor allem aus dem Internet und spielen „Games“, statt Bücher zu lesen. „Digital Natives“ sind jener Bevölkerungsteil, der in eine digital vernetzte Informationswelt hineingeboren wurde und nicht mehr zwischen Cyberspace und „realer“ Welt unterscheidet.

Diese global heranwachsende „Generation Internet“ unterscheidet sich von den „digitalen Immigranten“, jenen Menschen, die sich noch daran erinnern, wie das Lösen anspruchsvoller Schulaufgaben mit einem Gang in die Bibliothek und nicht mit einem Mausklick auf Wikipedia begann. Die Unterschiede betreffen nicht nur die Geschwindigkeit, in der gesimst wird, oder die Zahl der Freunde auf StudiVZ oder Facebook, den populären sozialen Netzwerken im Internet. Das Internet hat tiefere Veränderungen bewirkt. Sie betreffen den Umgang junger Menschen mit Informationen und Inhalten, die Art und Weise, wie „Digital Natives“ miteinander kommunizieren, und zumindest teilweise auch ihr Verhältnis zu gesellschaftlichen Institutionen.

Internet-Mythen: Hinter jeder virtuellen Ecke eine Pädophiler

Während wir digitale Einwanderer intuitiv erkennen, dass sich etwas verändert hat, wenn wir junge Menschen im Umgang mit digitalen Technologien beobachten, bleibt im Dunkeln, was genau dieses „Etwas“ ist. Eltern und Pädagogen, die noch in der Papierwelt groß geworden sind, wissen in der Regel nur wenig darüber, was ihre Schutzbefohlenen online alles treiben. Es erstaunt kaum, dass diese Unkenntnis und Entfremdung der „Digital Immigrants“ mit den „Digital Natives“ zur Mythenbildung beiträgt.

Ein Blick in die Schlagzeilen von Tageszeitungen und in die Auslagen von Buchhandlungen lässt reihenweise Internet-Mythen erkennen. Diese erscheinen aus publizistischer Sicht durchaus attraktiv, vermögen aber einer Prüfung nicht standzuhalten. Bedauerlich ist die Mythenbildung deshalb, weil sie eine differenzierte inhaltliche Diskussion über Chancen und Risiken der digitalen Medien erschwert. Internet-Mythen können sogar gefährlich sein, wenn sie die Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrern und Politikern auf Scheinprobleme lenken, während in anderen Bereichen tatsächlich Handlungsbedarf besteht, der unerkannt bleibt. Wenden wir uns einigen dieser Mythen kritisch zu.

Eine oft kolportierte Aussage ist, dass unsere Kinder im Internet nicht sicher sind, weil hinter jeder virtuellen Ecke und im Schutze der Anonymität Pädophile lauern. Berichte aus den Vereinigten Staaten, wonach 29.000 registrierte Sexualstraftäter auf der beliebten Teeny-Plattform MySpace ein Profil unterhalten, scheinen diese Gefahr zu bestätigen. Die Sicherheit unserer Kinder im Netz ist natürlich ernst zu nehmen. Gesetzeshüter und Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks haben zu Recht reagiert und auf die Anbieter von Online-Diensten Druck ausgeübt, um zu erreichen, dass Schutzmaßnahmen eingeführt werden, wie etwa bessere Verfahren zur Authentifizierung der Nutzer. Dennoch: Es gibt keine empirische Untersuchung, die den Nachweis erbringt, dass unsere Kinder online weniger sicher sind als auf dem Weg zur Schule oder auf dem Pausenhof.

Der gläserne Jugendliche und die Privatsphäre

Ein anderer Mythos besagt, dass Kinder und Jugendliche im Internet keinerlei Gefühl für den angemessenen Umgang mit persönlichen Informationen - von Handy-Nummern bis hin zu Partyfotos - haben. Ein Besuch auf beliebten Seiten wie Facebook belegt in der Tat, dass „Digital Natives“ vieles über sich selbst offenbar bedenkenlos preisgeben. Sie scheinen dem gläsernen Menschen einen großen Schritt näher zu kommen. Umgekehrt belegen aber Untersuchungen, dass Jugendliche durchaus sensibel für den Schutz ihrer persönlichen Daten sind.

Interviews mit „Digital Natives“ zeigen beispielsweise, dass diese ganz konkrete Strategien entwickeln, mit wem sie Informationen über sich teilen und mit wem nicht - und unter welchen Bedingungen. Die Strategien reichen von einem gezielten Eingrenzen des Empfängerkreises mittels sogenannter „Privacy-Settings“ bis dahin, dass sie Kontaktanfragen Fremder ablehnen oder - etwa hinsichtlich des Alters - fiktive Angaben einstellen. Entgegen gängigen Vorurteilen werden Jugendliche um so kompetenter und sensibler im Umgang mit der Privatsphäre, je mehr Zeit sie online verbringen.

Namentlich die Anti-Piraterie-Kampagnen der Unterhaltungsindustrie haben viel zur landläufigen Auffassung beigetragen, dass junge Menschen keinerlei Respekt vor dem Urheberrecht mehr haben. Die ungebrochene Beliebtheit von Musik- und Filmtauschbörsen im Internet wird dabei gerne als Beweis angeführt. Unsere Forschungsergebnisse fördern aber ein differenzierteres Bild zutage: In vielen Fällen besteht unter den jungen Nutzern zunächst einmal schlicht Unklarheit darüber, welche Vorgänge im Internet als legal oder als illegal anzusehen sind. Ist es erlaubt, den letzten Hit von Grönemeyer mit Freunden via Netz zu tauschen, oder nicht? Solche Fragen sind selbst für die Juristen unter uns - geschweige denn für Jugendliche - nicht leicht zu beantworten.

Keine gewissenlose Raubkopierer

Aus Befragungen geht zudem deutlich hervor, dass „Digital Natives“ durchaus unser Verständnis teilen, wonach die Schöpfer von Werken bestimmte Rechte haben sollen - so etwa den Anspruch darauf, dass der Name des Urhebers genannt wird, wie es das geltende Recht vorschreibt. Kurzum: „Digital Natives“ sind nicht einfach gewissenlose Raubkopierer, die es zu kriminalisieren gilt.

Ein anderes weitverbreitetes Urteil betrifft die negativen Auswirkungen von Computerspielen: Die „Digital Natives“ vertrödelten damit im besten Falle ihre Zeit, im schlimmsten Fall würden sie sich mit Killerspielen aggressiv aufladen. Solche Pauschalaussagen gehören ebenfalls in den Bereich der Internet-Mythen. Neueste Forschungsarbeiten beweisen, dass Kinder und Jugendliche eine breite Palette von Computerspielen nutzen. Digitale Spiele als Zeitverschwendung zu charakterisieren heißt, die damit verbundenen Lerneffekte auszublenden und den sozialen Charakter vieler dieser Spiele zu verkennen. Während hier keineswegs dem grenzenlosen Spielen auf dem Computer das Wort geredet werden soll, mahnen diese Ergebnisse zu einer differenzierten Betrachtungsweise.

Gleiches gilt für die Frage, ob Videospiele aggressiv machen. Während kaum bestritten werden kann, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildschirmgewalt und Aggression bei Kindern gibt, sind viele Fragen - etwa der Kausalität oder der mitwirkenden Faktoren - unbeantwortet. Aktuelle Forschung zeigt, dass und weshalb nicht jedes Kind, das Killerspiele nutzt, zwangsläufig in der Schule zu aggressivem Verhalten neigt.

„Generation Internet“ alles andere als dumm

Die pauschalste Zuspitzung in der fast endlosen Reihe von Mythen rund um die „Digital Natives“ ist die Behauptung, die „Generation Internet“ sei dumm. So zumindest indiziert es der reißerische Titel eines unlängst in den Vereinigten Staaten erschienenen Buches. Wissenschaftlich lässt sich diese Aussage aus verschiedenen Perspektiven widerlegen. So wurde festgestellt, dass die Intelligenz der Kinder und Jugendlichen gemäß standardisierten Tests von Generation zu Generation steigt - und nicht sinkt. Entscheidender ist aber, dass sorgfältige Analysen der Internetnutzung vielfältige Lernerfahrungen von Kindern und Jugendlichen im Cyberspace nachweisen. Dies betrifft keineswegs nur die Informationsbeschaffung mit Hilfe von Google oder Wikipedia - deren erstaunliche Qualität übrigens in Studien belegt ist.

Aus gesellschaftlicher Sicht dürfte es noch wesentlich wichtiger sein, dass Jugendliche Medienkompetenzen aufbauen, die ihnen neue Möglichkeiten eröffnen, am öffentlichen Diskurs teilzunehmen. Die wichtige Rolle, die jugendliche Internetnutzer in Barack Obamas Wahlkampf gespielt haben, oder die Weblogs von „Digital Natives“, die in der großen Krise Kenias zur entscheidenden Informationsquelle wurden, verdeutlichen das Potential junger Menschen, die über die Fähigkeiten verfügen, digitale Technologien für gesellschaftliche oder politische Themen wirksam einzusetzen.

Es kann keinen Zweifel geben, dass die digitalen Medien namentlich für Heranwachsende Risiken mit sich bringen. Die Sicherheit der Kinder im Netz, der Schutz der Privatsphäre, der Respekt vor dem Eigentum anderer, die Frage der Gewalt in Videospielen und die veränderten Bedingungen des Lernens sind Themen, die wir ernst nehmen und mit denen sich Eltern und Lehrer, aber auch Politiker beschäftigen müssen. Entscheidend ist aber, dass die Diskussion sich an Fakten ausrichtet und nicht durch Vorurteile oder Halbwahrheiten getrieben wird. Gleichzeitig gilt es, trotz berechtigter Sorge auch die vielfältigen Chancen der neuen Technologien in den Blick zu nehmen. Beides erfordert, dass Internet-Mythen nicht unwidersprochen bleiben. Dann erst wird der Weg frei für die nötige sachliche Auseinandersetzung.

Der Autor ist Professor für Informationsrecht an der Universität St. Gallen, Leiter des Berkman Center for Internet & Society an der Harvard University und Mitautor des Buches „Generation Internet“ (Hanser 2008).

Quelle: F.A.S.
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