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Zero-Waste : Im Foifi ist Plastik verpönt

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Nur nehmen, was man braucht und bitte ohne Plastik: Im Kanton Zürich hat der erste Zero-Waste-Laden eroffnet. Ein Zeichen, denn die Müllberge wachsen.

          Der Laden nahe dem Turbinenplatz im Westen Zürichs springt mit seinen lilafarbenen Außenwänden mitten in der grauen Betonwüste sofort in die Augen. Die riesige Ziffer „Fünf“ aus gebrauchtem Altmetall und Bauutensilien, die Theke aus abgenutzten Holzpaletten und die wiederverwendbaren Eisentrinkhalme weisen schon beim Eintreten auf das Motto hin. Nämlich: „Refuse, reduce, reuse, recycle, rot.“ Auf Deutsch: „Ablehnen, reduzieren, wiederverwenden, wiederverwerten, kompostieren.“ Auf dem Gebiet der Forschung, Innovation, Technik und Lebensqualität gehört die Schweiz zu den ganz Großen. Die Schweiz ist aber auch ein Meister in der Abfallerzeugung. Jedes Jahr produzieren die Schweizer mehr als 700 Kilogramm Abfall pro Kopf. Nur die Vereinigten Staaten und Dänemark generieren mehr. Die Menge an Müll in der Schweiz hat sich in den vergangenen 25 Jahren verdreifacht, in den letzten 50 Jahren ist der Müllberg um 350 Prozent gestiegen.

          Aufgerüttelt durch eine Asienreise

          Wegen des einwandfreien Abfallentsorgungssystems bekommt kaum jemand etwas von den enormen Müllmengen mit. Tara Welschinger hat im März ihren Laden „Foifi“ in Zürich West eröffnet. Ihr Team besteht aus vier Personen. Karin Schwarz, Christof Studer und Simon Willisegger sind für den Online-Shop, die Gastronomie und für das Design zuständig. Die Leiterin des Geschäfts, das Laden, Café und Take-away gleichzeitig ist, ist seit anderthalb Jahren Mitglied der Zero-Waste-Bewegung und führte diesen Lebensstil auch in der Stadt Zürich ein. Grund dafür sei eine Reise nach Südostasien gewesen. „Da habe ich die Abfallberge gesehen, und es ist mir klargeworden, wie viel Abfall wir eigentlich produzieren“, erklärt die 41-Jährige. „In die Schweiz zurückgekehrt, ging ich in einen Lebensmittelladen und versuchte, mit so wenig Verpackung wie möglich einzukaufen.“ Die dunkelhaarige Zürcherin begann sich zu erkundigen und entdeckte so den Zero-Waste-Trend.

          Lippenstift aus Zuckerrüben

          Der Begriff Zero Waste ist in den siebziger Jahren entstanden. Was damals in der Industrie mit der Absicht angefangen hat, wiederverwendbare Waren zu produzieren, um den Abfall zu verringern, ist heute zu einer weltweiten Bewegung mit Tausenden Anhängern geworden. Die wohl bekannteste unter ihnen ist die in Frankreich geborene Amerikanerin Béa Johnson, die sich Zero Waste zum Lebensziel gemacht hat. Ihre Tipps zu verpackungsfreien Möglichkeiten – etwa Lippenstift aus Zuckerrüben und Wodka oder Abflussreiniger aus Backpulver und Essig – hält sie in ihrem Buch „Zero Waste Home – Glücklich leben ohne Müll“ und auf ihrem Blog für alle „Null-Müller“ fest. Johnsons Lebensgestaltung wurde rasch berühmt, und es bilden sich immer mehr Gruppen und Mitglieder, die sich dieser Philosophie anschließen.

          Das Konzept gefällt den Kunden

          „Foifi“ ist der erste Laden seiner Art im Kanton Zürich. In ihm wird man vergebens nach Plastikverpackungen oder Kartonschachteln suchen. Kunden kommen hierher und füllen ihre mitgebrachten Baumwollsäckchen und Glasbehälter mit jeglichen Produkten aus dem Angebot auf, das mehr als 100 Lebensmittel und rund 80 Alltagsgegenstände fasst, seien es Zahnbürsten, Süßwaren, Gräser und Kräuter aus dem eigenen Gewürzgärtchen oder Hundefutter. Jeder Kunde nimmt nur so viel, wie er auch braucht und bezahlt anschließend nach Gewicht, ohne jegliche Abfälle, die aus unnötigen Verpackungen entstehen. Die neuartige Idee ist in Zürich noch wenig bekannt, in anderen Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Amerika jedoch schon weit verbreitet. In der Westschweiz sind in den vergangenen Jahren sechs Geschäfte eröffnet worden. Das alternative Konzept gefällt den Kunden offensichtlich.

          Finanziert mit einer Crowdfunding-Kampagne

          Das ganze Sortiment wird bio und regional angebaut. „Denn anders ist es momentan gar nicht möglich, da es Ware ohne Verpackungen zum Teil wegen des Transportweges noch gar nicht gibt“, erklärt Welschinger. Der Laden, der seinen Namen dem Kreis 5 zu verdanken hat, wurde dank der Hilfe von mehr als 300 Spendern mit einer Crowdfunding-Kampagne im vergangenen Dezember finanziert. Nach Startschwierigkeiten läuft nun der Laden gut und ist im Quartier bekannt. Auch privat ist Tara Welschinger dem Zero Waste treu: Zurzeit füllt sie mit ihrem Partner einen 16-Liter-Kehrrichtsack in sechs Wochen, und darin sei hauptsächlich der Katzensand ihres Haustiers. Die Zero-Waste-Bewegung hat sie zu einer viel bewussteren Konsumentin gemacht. „Für vieles habe ich schon eine Lösung gefunden.“ Auch hygienisch. Einen festen Seifenklotz benutzt sie als Shampoo, waschbare Stoffbinden und Menstruationstassen werden anstelle von Tampons benutzt. So könne sie bis zu 80 Prozent des Abfalls reduzieren. „Pommes-Chips sind jedoch noch ein Problem“, witzelt sie gelassen mit einem freundlichen Lächeln.

          Ziel ist ein Marmeladenglas voll

          Tara Welschingers Wunsch wäre es natürlich, so vielen Menschen wie möglich Zero Waste näherzubringen und die Gesellschaft für eine nachhaltige Abfallproduktion zu sensibilisieren. Ihr Vorsatz: so viel Abfall zu produzieren wie Johnson, die Leitfigur des Trends – nämlich ein Marmeladenglas voll Abfall. Und das in einem Jahr. Dank ihrer Initiative sind die Foifi-Kunden auf dem richtigen Weg.

          Illustrationen Andrea Koopmann

          Quelle: F.A.Z.

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