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Veröffentlicht: 06.06.2017, 13:49 Uhr

Vorlesungstechnik Und noch ein Versuch

Vorlesungstechniker bauen an der Dresdner Universität die Versuche auf. Der experimentierfreudige Franz Radtke hat einen Fundus für rund 700 Anordnungen.

von Justina Schindler, Romain-Rolland-Gymnasium, Dresden
© Zubinski

Mitten in Dresden liegt das Campusgelände der Technischen Universität mit dem schmalen Trefftz-Bau, dessen zwei Hörsäle jeweils mehr als 500 Plätze bieten. Der größere Saal gehört zur Fachrichtung Physik. Unten auf der Bühne gibt es zwei weiße Flügeltüren. Hinter diesen Türen hat Frank Radtke sein Reich: Büro, Werkstatt und ein Sammelsurium aus Glasbehältern, Linsen, Leuchten jeder Form und Größe, Metallgewichten, Kabeln und einer Vielzahl merkwürdiger Gegenstände, deren Funktion sich nur mit Hilfe von Erklärungen erschließt.

Was die Physikstudenten zu sehen bekommen

Frank Radtke ist ein großer, sympathischer Mann mittleren Alters mit Brille und Schnurrbart. Zusammen mit seinem Kollegen kümmert er sich um alle Experimente, die die Physikstudenten in ihren Vorlesungen zu sehen bekommen, konstruiert und verbessert sie, bereitet die Versuche für die Vorlesungen vor und führt sie vor. Sein Berufsfeld bietet viele Möglichkeiten: Je nach Universität unterscheiden sich die Aufgaben der Vorlesungstechniker. Daher gebe es auch keine allgemeingültige Berufsbezeichnung. Hier in Dresden sei er Vorlesungstechniker, erklärt er, aber an jeder anderen Universität könne seine Tätigkeit anders heißen, zum Beispiel technischer Assistent.

Tadellose Wellenmaschine

Nach einer Ausbildung in Elektronik und Elektromechanik arbeitete er in einer der Werkstätten der Dresdner Universität, bis 1993 als eine Umstrukturierung des öffentlichen Dienstes von allen Mitarbeitern Neubewerbungen verlangte: „Da habe ich mich für mehrere Stellen gleichzeitig beworben, hier wurde ich angenommen.“ Auf 300 Quadratmetern lagert ein Fundus für beinahe 700 Experimente; zwei Drittel der Fläche sind von großen Schränken mit verglasten Türen bedeckt mit Metall- und Glaszylindern, Federn und Gewichten, Skalen und Thermometern. Einige Stücke stammen noch aus den fünfziger und sechziger Jahren, wie eine alte mechanische Wellenmaschine, die tadellos funktioniert. Andere Experimente sind ganz neu oder noch unfertig; so manches alte Gerät wurde von den beiden Technikern aufgearbeitet und verbessert und ist jetzt wieder im Einsatz.

„Kerze im rotierenden System“

Die 700 Versuche sind in einer Kartei festgehalten. „2/142“, steht auf einer der Karten, „Versuche für die Weihnachtsvorlesung – Kerze im rotierenden System“. Alles ist genau sortiert, jede Karte nach demselbem Muster gegliedert: Mit Versuchsname, einer Zeichnung vorn und der Durchführung auf der Rückseite. Der Standort jedes Bauteils ist mit einer dreistelligen Nummer angegeben. Vorlesungstechniker an anderen Universitäten könnten mit den Dresdner Angaben nicht viel anfangen, denn oft sind dort die entsprechenden Bauteile in anderen Maßen vorhanden; das Angebot industriell gefertigter Experimentiergerätschaften ist nämlich nicht besonders vielfältig, da die von großen Lehrmittelfirmen produzierten Teile meist einfach zu klein sind, um für einen vollen Hörsaal mit 600 Plätzen gut sichtbare Effekte zu erzeugen.

Mindestens 95 Prozent sollen funktionieren

Daher muss viel selbst konstruiert und gefertigt werden. So hat Radtke zum Beispiel 13 Pohl’sche Tische, mittlerweile rar und teuer, erstanden und restauriert. Der Pohl’sche Tisch, 1913 vom Wissenschaftler Robert Wichard Pohl in Göttingen erfunden, ist ein rollbarer Experimentiertisch mit Schienen auf der Tischplatte, auf denen die verschiedenen Elemente eines Versuchsaufbaus fixiert werden können, so dass das ordentlich justierte Experiment dann als funktionsfähiges Ganzes transportierbar wird. Von der Idee über die Beschaffung der Materialien und Bauteile über die Konstruktion bis hin zum fertigen Gerät ist der Vorlesungstechniker immer bei seinen Versuchen. Radtke stellt hohe Anforderungen an sich: „Mindestens 95 Prozent aller Versuche sollen funktionieren.“ Kritische Experimente werden erst einmal draußen getestet. „Wir können alte Versuche aus den Sechzigern wieder rausholen, und sie funktionieren einwandfrei. So muss auch jeder neue Versuch sein.“

Vom freien Fall

Manchmal muss er dafür lange tüfteln: Jetzt geht es beispielsweise um den freien Fall; eine Kugel fällt aus einer bestimmten Höhe senkrecht zu Boden, wobei die Zeit gemessen wird, die sie dazu benötigt. Was einfach klingt, ist schwierig perfekt zu konstruieren: Die gemessene Zeit muss genau der entsprechen, die sich aus den theoretischen Berechnungen ergibt, die die Studenten lernen. Wenn also im Probelauf statt 451 Millisekunden nur 440 Millisekunden gemessen werden, wird der Aufbau so lange korrigiert, bis die Ergebnisse exakt übereinstimmen.

Für ein sinnvolles Studium

Darin zeigen sich die wichtigsten Eigenschaften eines guten Vorlesungstechnikers laut Radtke: „Präzision, Ausdauer und Gewissenhaftigkeit.“ Er sieht sich als „kleines Rädchen“ einer riesigen Maschinerie. „Meine Aufgabe ist es, zu einer guten Ausbildung der Physikstudenten beizutragen.“ Dieser Beitrag ist keineswegs selbstverständlich: Immer öfter werden nur noch Videoaufnahmen von Experimenten gezeigt. In Greifswald, sagt er, habe der Techniker bald das Rentenalter erreicht; er soll nicht ersetzt werden. Für Radtke gehören ordentliche, echte Experimente zu einem sinnvollen Studium. Diesen Luxus genießen seine Zuschauer nur bis zum dritten Semester; danach bleibt man theoretisch. Ein Lieblingsexperiment hat Radtke nicht. „Aber ich mache gern Optikversuche, weil man sofort sieht, was rauskommt.“

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