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Urteil zu Gebetsraum an Schule : Ein Ventil für religiöse Bedürfnisse

Nach islamischem Recht bedeckt ein Muslim den Boden mit einem Teppich, um zu verhindern, dass sein Gebet durch Unreinheiten ungültig wird Bild: Wolfgang Eilmes

Das jüngste Urteil, das es einem jungen Muslim aus Berlin verwehrt, an seiner Schule zu beten, sorgt nur in diesem Einzelfall für Klarheit.

          Der Gebetsraum, den es nicht geben darf, liegt hinter einer weißen Tür. Eigentlich handelt es sich nur um einen Durchgang zur Personaltoilette der neuen Cafeteria des Robert-Koch-Gymnasiums in Berlin-Kreuzberg, ein Kämmerlein in Weiß von schätzungsweise zwei Quadratmetern. Auf einem Zettel an der Wand davor steht in ordentlicher Handschrift "Zutritt verboten". Daneben, wo die geschwungene Theke der Essensausgabe endet, liegt in einem Fach ein zusammengefalteter kleiner Teppich. Er ist flauschig und kobaltblau, mit hineingeknüpften Bildern von Moscheen.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein paar Elftklässlerinnen, die ihre Freistunde vor der Musikklausur in der Cafeteria verbringen, deuten sofort auf die Kammer hinter der weißen Tür, sobald man sie auf Gebete in der Schule anspricht. "Ich habe mir hier mehr erhofft", sagt eine der jungen Frauen dann. Sie trägt ein Kopftuch und ein bodenlanges schwarzes Kleid. Bis zu den Sommerferien, erzählt sie, sei sie auf eine Schule mit weniger Muslimen gegangen. Dort habe ihr die Putzfrau mit Wissen der Direktorin regelmäßig die Aula zum Beten aufgeschlossen. Hier in der Schule in Kreuzberg hingegen, wo 98 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien kommen, müsse sie auf Freistunden und eine nahe gelegene Moschee ausweichen.

          „Dann bete ich zu Hause“

          "Viele hätten gerne einen richtigen Gebetsraum. Aber es geht halt nicht", sagt eine Siebzehnjährige mit langen dunklen Haaren, die ihrer Nachbarin den Hinterkopf krault: "Wenn ich hier nicht beten kann, bete ich zu Hause." Eine Hübsche, das knallrote Kopftuch aufgetürmt, die figurbetonte Tunika in passender Farbe, sagt, sie bete nicht regelmäßig, "aber", versichert sie sofort, "ich hab's vor". Nur die Gekraulte, schwarzhaarig, dezent geschminkt, stellt klar: "Ich kann dazu nichts sagen, ich bete nicht. Ich bin nicht in so einem Haus aufgewachsen. Aber ich bin der Meinung, dass man Schule und Religion trennen sollte."

          Es liegt nicht am Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom Mittwoch, dass es den improvisierten Gebetsraum am Robert-Koch-Gymnasium eigentlich gar nicht geben dürfte. Die Leipziger Richter haben in nunmehr dritter Instanz über den Fall des achtzehnjährigen Yunus M. entschieden, der an einem Gymnasium in Berlin-Wedding sein muslimisches Mittagsgebet einklagen wollte. Das Bundesgericht hat das Gebetsverbot der Direktorin bestätigt. Es trägt damit der Argumentation der Schule Rechnung, dass ein Gebet auf dem Schulflur vorhandene Konflikte schüren und damit den Schulfrieden stören könnte. Nebenbei folgt es der Feststellung des Oberverwaltungsgerichts Berlin, dass die Einrichtung eines Gebetsraums die "organisatorischen Möglichkeiten der Schule sprengen" würde. Und es macht deutlich: Diese Bewertung bezieht sich ganz allein auf die schwierigen Umstände an der betroffenen Schule.

          Urteil ist eine Doppelbotschaft

          Generell, stellten die Leipziger Richter nämlich heraus, könne die Verrichtung eines Gebetes nicht von der Schulverwaltung unterbunden werden. "Im Gegenteil ist ein Schüler aufgrund der im Grundgesetz garantierten Glaubensfreiheit grundsätzlich berechtigt, außerhalb der Unterrichtszeit in der Schule ein Gebet zu verrichten, wenn dies einer Glaubensregel seiner Religion entspricht", heißt es in dem Urteil aus Leipzig.

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