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Veröffentlicht: 05.08.2016, 12:42 Uhr

Übersetzer Ein Übersetzer ist ein zweiter Dichter

Sead Muhamedagić übersetzt deutsche Literatur ins Kroatische - von Hofmannsthal bis Jelinek. Das gelingt dem blinden Mann mit großem Sprachgefühl.

von Ema Jugović, Valentina Jozić 18. Gymnasium Zagreb
© Philip Waechter

Etwa 80 Prozent aller Literatur sind Übersetzungen“, sagt Sead Muhamedagić. Er möchte nicht einfach einen Text aus einer Sprache in eine andere übertragen, er versteht sich als Nach-Schöpfer von Weltliteratur. „Ein Übersetzer ist ein zweiter Dichter. Es ist wichtig, dass er bei seiner Übersetzung dafür sorgt, dass ein Meisterwerk ein Meisterwerk bleibt.“ Hugo von Hofmannsthal, Thomas Bernhard und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek gehören wie viele andere zu den Schriftstellern, deren Texte Muhamedagić im Kroatischen nachdichtet. Zuletzt übersetzte er in 18 Monaten „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus.

Er hört und liest viel mehr als andere

„Außer Sead kann ich mir niemanden vorstellen, der das geschafft hätte. Er ist der Spezialist für die schwierigsten Texte“, meint Snježana Božin. Die 43-jährige Kroatin wurde in Ulm geboren, lebt in Zagreb und ist durch eine Begegnung mit Muhamedagić selbst zum Übersetzen gekommen. So hat sie Daniel Kehlmanns Roman „F“ ins Kroatische übertragen. „Sead war mein Übersetzerpate“, sagt sie, „er hört und liest viel mehr als jeder andere Übersetzer. Das ist sicher auch wegen seiner Blindheit so, durch die er mehr auf Wortwelten angewiesen ist. So hat er vor allem auch ein Gespür für Wörter, das man nicht erlernen kann.“

Wenig Rücksicht auf seine Behinderung

Skokovi bei Cazin ist ein ganz normales Dorf im Nordwesten Bosniens, etwa 140 Kilometer südlich von Zagreb. Hier wuchs Sead Muhamedagić als jüngstes von drei Kindern auf. Der Vater war Kaufmann in der nahe gelegenen Stadt Velika Kladuša. Die Mutter nahm wenig Rücksicht auf die Behinderung des Jungen und ließ ihn sich selbständig waschen, Zähne putzen, ankleiden und bei den Spielen der Kinder mitmachen, die im Wald, auf Wiesen und Straßen unterwegs waren. Deshalb ist Sead seiner Mutter dankbar. Sie habe ihn gelehrt, sich aktiv zu integrieren und seinen Lebensweg selbständig gehen zu können.

„Heute spricht man so viel von Inklusion. Doch man muss dazu einen eigenen Beitrag leisten, sich aktiv integrieren.“ Seit Jahrzehnten lebt und versorgt sich Muhamedagić weitgehend allein; er reist viel, hält Vorträge und Seminare zum Beispiel in Bozen und in Graz. Dabei macht er sein Handicap zu einem neuen Erlebnis für andere. „Lyrik im Dunkeln“ heißt eine Veranstaltung, wobei das Publikum im abgedunkelten Saal seiner tiefen Stimme lauscht und so eine andere, intensive Erfahrung mit Lyrik und Musik machen kann.

Abzählreime im Ersten Weltkrieg

Der Beitrag, den Muhamedagić heute zur Verbreitung deutschsprachiger Kultur leistet, ist einzigartig. Den Anstoß dazu gab der Großvater, der während seiner Dienstzeit in der k.u.k Armee im Ersten Weltkrieg Abzählreime aufgeschnappt hatte und dem Enkel vorsprach: „Eins, zwei, Polizei, drei, vier, Offizier, fünf, sechs, alte Hex, sieben, acht, gute Nacht...“ Auf das Kind üben die Laute einen magischen Reiz aus. So wird er von der Sprache geradezu verzaubert und befasst sich zunehmend intensiver mit ihr. Die Grundschule besuchte er in Sarajevo, die Mittelschule in Zagreb, wo er anschließend bei dem berühmten Literaturwissenschaftler Viktor Žmegač Germanistik studierte.

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