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Torfkünstler : Durch Torf die Endlichkeit bewusstmachen

  • -Aktualisiert am

Verfall und Vergänglichkeit sind seine Themen: Der Künstler Karl Weibl arbeitet mit Torf. Und auch mit Schülern, denn er unterrichtet in Oberbayern.

          Frische Bergluft, leises Tröpfeln und überall Torf. Was wie ein Besuch im Gartencenter im Chiemgau klingt, ist tatsächlich ein Besuch im Basislager von Karl Weibl. In Schleching, einer Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Traunstein, hat sich der Künstler niedergelassen. Der 57-Jährige selbst, ruhig, schwarz gekleidet mit seinen längeren, weißen Haaren könnte glatt als Verkörperung von Yin und Yang durchgehen. „Torf ist meine Identität“, sagt Weibl, während er durch sein Atelier führt, das neben alten und hölzernen Fensterläden auch mit einer modernen, gläsernen Tür und Wänden aus Glas versehen ist. Beinahe alle Wände sind von Bilderrahmen bedeckt, die mit dunkelbraunem Torf befüllt sind. Egal, wohin der Blick wandert, dem Torf entkommt man nicht.

          Über Seneca und Cicero

          „Ein Meter Torf sind 1000 Jahre“, erklärt Weibl und zeigt auf vier 70 Zentimeter breite und zweieinhalb Meter hohe Bilderrahmen, die zu etwa drei Viertel mit Torf gefüllt sind, „und das sind die Wurzeln unseres Denkens.“ Es handelt sich hierbei um sein Werk „Die vier Philosophen“, das als Metapher gewachsener Menschheitsgeschichte zu verstehen ist. Die rund zwei Meter hohe Torfschichten in jedem Rahmen verdeutlichen die 2000 Jahre literarischen Einflusses der Römer Lukrez, Seneca, Cicero und Mark Aurel auf uns, beginnend bei deren Geburt bis zum heutigen Tag. Der leere, noch unbefüllte Teil stellt die Zukunft dar. Viele seiner anderen Werke befassen sich mit Shakespeare, den zwölf Aposteln oder Galileo Galilei. Der Hauptaspekt bei allen bleibt jedoch gewonnenes Wissen. „Dadurch soll uns Menschen klarwerden, dass wir auf so ein enormes, zwei Jahrtausende altes Fundament an Wissen aufbauen müssen, anstatt ganz neu anzufangen. Warum das Rad neu erfinden?“

          Die kurze Zeit auf Erden ist ihnen nicht bewusst

          Das Knacksen der Bodendielen, während man beim Erkunden des Ateliers von einem Bild zum nächsten wandert, wird übertönt von einem kräftigen: „Und das ist mein Leben in Torf ausgedrückt.“ Eine große, blanke Wand umhüllt von schwarzen Bilderrahmen sticht ins Auge. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man einen sechs Zentimeter hohen, im Vergleich zu den vier Philosophen aber winzigen Torfstreifen. „Vielen Menschen ist ihre kurze Zeit auf Erden gar nicht bewusst. Erst durch Visualisierungen mit Hilfe eines Naturprodukts wie Torf wird Endlichkeit klar. Nachteil dabei ist, dass man jedes Jahr eine kleine Prise nachfüllen muss, damit auch mein aktuelles Alter von 57 Jahren mit der Torfhöhe von 57 Millimetern übereinstimmt“, scherzt Weibl.

          Protest gegen die Moorabbaustelle

          „Schon früh, mit etwa 16, war mir klar, dass ich mit Torf Kunst machen wollte“, erzählt er entspannt in seinem Holzstuhl. „Es hat mich stark geprägt, vom Fahrrad aus das große, mystische Hochmoor Kendlmühlfilzen im Süden des Chiemsees fast täglich zu besichtigen und dabei einfach vom Alltag abzuschweifen.“ Genau deshalb ist allein der Gedanke, tatenlos zuzuschauen, wie ein Teil seiner eigenen Vergangenheit, ein Stück Identität Bayerns und das Wesen der Natur einfach für Brennstoff zerstört wird, für den jungen Weibl schlicht unerträglich gewesen und war Grund genug zum Protest gegen diese Moorabbaustelle. Mit der Hilfe von Umweltaktivisten und ehrenamtlichen Bürgern ist die Torfstichstelle heute als Bayerisches Moor- und Torfmuseum Rottau bekannt und steht seit 25 Jahren unter Denkmalschutz.

          Manche Betrachter haben geweint

          Eines seiner kuriosesten und berühmtesten Werke mit Torf ist immer noch das Projekt „Zeitgeschehen“, das er seit drei Jahrzehnten vorführt. Geprägt von der Einfachheit des Minimalismus und der gedankenorientierten Konzeptkunst entschälte Weibl 1987 erstmals im oberbayerischen Weiler Landertsham einen zweieinhalb Meter hohen Würfel aus Torf von seiner Schale aus Holzwänden. Mehrere Wochen wurden Blut, Schweiß und Tränen in Form von Planung, Aufregung und Arbeit vergossen. All das, damit der Torfkubus später in sich zusammenfällt. Ohne die einzelnen Holzwände, die den Torf in Form gehalten hatten, wurde aus dem einst graziösen Würfel nach einem langwierigen Prozess, der ein Jahr dokumentiert wurde, ein Haufen Torf. „Dadurch wird Vergänglichkeit klar. Manche Betrachter haben sogar geweint, als sie den Würfel sahen“, erzählt Weibl selbst heute, 30 Jahre später, noch erstaunt. Weil es so viel Mühe gekostet hat, den Torf in Würfelform zu bringen und dort bis zum Ende zu halten, könne man diese Form als die Mühe jedes Menschen interpretieren, die für eigene Ziele erbracht worden ist: sei es der Durchbruch in der Karriere oder das Aufbauen einer Beziehung, all das kostet uns Aufopferung. Und obwohl wir wissen, dass aufgrund der Vergänglichkeit all diese Errungenschaften irgendwann vorübergehen, nach Monaten, Jahren oder einem ganzen Menschenleben, sind wir Menschen doch immer diszipliniert genug, uns dafür anzustrengen.

          In ganz Europa hat er ausgestellt

          Weibl, der in München lebt, pendelt zwischen Ausstellungen in Wien, Venedig oder Hanau. „Es ist etwas Besonderes, mit Künstlergrößen wie Frank Stella, Robert Wilson oder Sean Scully zusammen auszustellen“, schwärmt er über seine Teilnahme an der internationalen Kunstausstellung im Vitaria-Museum in Venedig 2014. „Wahrscheinlich vorerst der größte Erfolg meines Lebens.“ In ganz Europa hat er schon ausgestellt, von Zypern über die Tschechische Republik bis Italien, zurzeit wird er unter anderem von der Galerie König vertreten und ist dreimal in der Woche am Karolinen-Gymnasium in Rosenheim als Lehrer anzutreffen, der seinen Schülern um jeden Preis das Fach Kunst näherbringen möchte. Typisch sind seine Kunstexkursionen nach Italien zu den „Floating Piers“ am Iseo-See von Umhüllungskünstler Christo vergangenes Jahr oder zur Kunst-Biennale in Venedig. „Schon als Schüler wollte ich unbedingt wissen, wie es ist, auf der anderen Seite des Unterrichts zu stehen. Ich hab es mir schwieriger vorgestellt, die Schüler heute sind so ruhig und diszipliniert, wir waren damals anstrengender.“

          Quelle: F.A.Z.

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