http://www.faz.net/-gum-8mvvc

Tessiner Winzer : Traubenhäute im eigenen Saft

  • -Aktualisiert am

Bild: Andrea Koopmann

Rebstöcke pflegen, abbeeren, quetschen, gären, abpressen und reifen lassen. Bis Wein verkostet wird, ist viel Arbeit vonnöten. Ein Tessiner Winzerpaar erzählt.

          Unser Ziel ist nicht ein möglichst großer Ertrag, sondern das Wohl der Rebstöcke. Wir haben ein großes Pflichtbewusstsein gegenüber der Natur, die uns sehr am Herzen liegt“, erklärt die 50-jährige Winzerin und Weintechnologin Renate Süess begeistert. Die Liebe führte sie einst ins Tessin und auch zu ihrem heutigen Beruf. Corrado Bettoni, ihr Lebenspartner, besitzt eines der nördlichsten Weingüter im Tessin. Giornico liegt in einem schmalen Tal in der nördlichen Leventina, die sich vom Gotthard Richtung Bellinzona erstreckt. Dieses Dorf ist nicht nur für den Wein bekannt, sondern auch für die vielen Kirchen, insbesondere die romanische Kirche San Nicola sowie für sein Museum La Congiunta mit Arbeiten von Hans Josephsohn, einem jüdischen Bildhauer.

          Unerwünschte Triebe werden ausgebrochen

          Schon der Vater von Corrado Bettoni pflegte liebevoll die Rebstöcke, die er 1969 gepflanzt hatte. Ein Drittel der von ihm gesetzten Rebstöcke tragen heute noch jedes Jahr süße Trauben. Mittlerweile haben die Bettonis zwei Hektar Land, das sie alleine und von Hand bewirtschaften. Die Arbeit gestaltet sich abwechslungsreich. Im Winter müssen die Reben zurückgeschnitten und die Ruten heruntergebunden werden. Im Frühling werden die unerwünschten Triebe ausgebrochen. Am meisten Arbeit bringt der Sommer. Triebe müssen eingefädelt, zu lange Triebe oben abgekappt und um die Trauben die Blätter entfernt werden, damit sie genügend Sonnenlicht und Luft erhalten. Die Reben sehen gepflegt aus.

          In jeder zweiten Reihe mulchen

          „Ohne diese mühselige Arbeit wären bei unseren klimatischen Verhältnissen in kürzester Zeit urwaldähnliche Bedingungen anzutreffen. Ein Fressen für Krankheiten, wie zum Beispiel den Meltau“, erklärt Renate Süess. Eine weitere arbeitsintensive Tätigkeit stellt das Grasschneiden dar. Mit Inbrunst erklärt die Winzerin: „Viele Weinbauern mähen in den Gassen das Gras bodeneben und verwenden zwischen den Rebstöcken Herbizide. Das Resultat sind organismenarme, schlechte Böden. Der Rebstock liebt Boden mit vielfältigem gesundem Bewuchs. Wir mulchen das Gras in jeder zweiten Reihe, das heißt, es wird gehäckselt und liegengelassen. Den Bodentieren lassen wir so Zufluchtsorte. Abwechslungsreiche Flora zieht Insekten an und schützt den Rebberg vor Schädlingen.“

          Nur dann wird gedüngt

          Auch das Spritzen der Trauben und Blätter wird im Sommer erledigt. „Mit Spritzmittel und Dünger gehen wir sparsam um. Das Spritzmittel ist lediglich da, um die Pflanzen vor Pilzbefall zu schützen“, sagt die kleine, rothaarige Frau, während sie einen Trieb abbricht und zu Boden fallen lässt. Ursprünglich studierte Renate Süess Sport an der ETH Zürich und Biologie an der Uni, ebenfalls in Zürich. „Wir düngen höchstens, wenn uns die Pflanze eindeutig signalisiert, dass sie einen Mangel an Nährstoffen hat, was in den 25 Jahren, in denen wir die Reben nun pflegen, erst einmal vorgekommen ist“, betont die Winzerin. „Wir haben das Glück, dass unsere Böden von Natur aus sehr nährstoffreich sind.“ Der Einsatz von Dünger erhöhe zwar die Quantität der Trauben, aber ihr Geschmack sei dafür nicht so intensiv.

          Weitere Themen

          Die frohe Kunde vom Engelsberg

          Kolumne Geschmackssache : Die frohe Kunde vom Engelsberg

          Der Glaube an die aromatische Allmacht des Burgunders ließ Thomas Rinker vor 25 Jahren ein bescheidenes Weingut kaufen. Heute kommt bei ihm so gut wie nie etwas anderes als Burgunder in Fass und Flasche – und etwas anderes wünscht sich auch kein Weinliebhaber.

          Papst begeistert- mit Ausnahmen Video-Seite öffnen

          Franziskus in Chile : Papst begeistert- mit Ausnahmen

          Mit rund 400.000 Gläubigen feierte das Oberhaupt der katholischen Kirche einen Gottesdienst in Santiago de Chile. Zuvor wurde er von Zehntausenden frenetisch bejubelt, aber auch Kirchenkritiker säumten den Weg.

          Topmeldungen

          „Ja“ zu GroKo-Verhandlungen : Die Zwergen-SPD

          Die SPD hat sich selbst niedergerungen. Die Sozialdemokraten haben sich auf dem Parteitag für die Groko-Verhandlungen entschieden. Noch kleiner als in Bonn sollte sie sich aber nicht mehr machen. Ein Kommentar.

          Türkeis Offensive in Syrien : Der vergiftete Olivenzweig

          Die Türkei hat ihren zweiten Feldzug im Norden Syriens begonnen. Doch diesmal geht es nicht gegen den Islamischen Staat. Die neuen alten Gegner sind die Kurden. Das hat auch Auswirkungen auf die Beziehungen zu Russland.

          4:2 gegen Bremen : FC Bayern gewinnt packendes Spiel

          Das Duell Spitzenreiter gegen Kellerkind ist alles andere als eine klare Sache. Die Bremer gehen in München gar in Führung. Doch am Ende entscheiden zwei Spieler die torreiche Partie für die Münchner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.