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Veröffentlicht: 15.05.2017, 13:14 Uhr

Tagebucharchiv Eintauchen in die Leben anderer

In Emmendingen im Breisgau halten die Schätze des Deutschen Tagebucharchivs Erinnerungen lebendig.

von Johanna Florian, Gymnasium Kenzingen
© Andrea Koopmann

Jeder hat das Recht, gehört zu werden.“ So formuliert Marlene Kayen die Maxime des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen, einer Stadt 14 Kilometer nördlich von Freiburg im Breisgau. Im gleichen Atemzug stellt die Vorstandsvorsitzende eine kleine Weidenkiste mit Liebesbriefen auf den Tisch, woran ein anmutig gestaltetes Stoffherz hängt. Der Name „Ottole“ steht in schöner Schrift darauf geschrieben. Vorsichtig, um nichts zu knicken, zieht Kayen ein altes Schwarzweißfoto heraus, auf dem ein junges Paar zu erkennen ist. Ausgelassen und glücklich umarmen sich die Verliebten auf einer Wiese. „Bald darauf kam dieser Mann im Zweiten Weltkrieg ums Leben. Seine Verlobte reiste als 90-Jährige persönlich nach Emmendingen und übergab uns die Liebe ihres Lebens.“

Aufnahme in der Datenbank

Das Tagebucharchiv befindet sich im Alten Rathaus auf dem Marktplatz. Es besitzt 17 636 Dokumente, bestehend aus Tagebüchern, Briefen und Lebenserinnerungen. Außerdem gibt es ein kleines Museum, das einige Dokumente der Öffentlichkeit in wechselnden Ausstellungen zugänglich macht. Getragen wird die Arbeit des Archivs, das als gemeinnütziger Verein eingetragen ist und zwei festangestellte Mitarbeiter hat, von rund 630 Mitgliedern und 90 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich um die Archivierung der Dokumente, das Transkribieren, die Erschließung und die Aufnahme in die Datenbank kümmern. „Sie sorgen dafür, dass Tagebücher, Erinnerungen, Briefe, die wir sammeln, nicht verlorengehen“, sagt Marlene Kayen, die ehrenamtlich tätig ist. Vor einem Jahr übernahm die pensionierte Englisch- und Französischlehrerin den Vorstandsvorsitz von Frauke von Troschke, die das Archiv vor 18 Jahren gründete. Schon immer besaß die Lehrerin großes Interesse an Literatur, Kultur und Büchern, vor allem dann, wenn eine Verbindung zu Menschen und Menschlichem bestand.

Von den Texten entfernt

Ihren ersten Kontakt mit dem Tagebucharchiv hatte sie kurz nach dem Tod ihres Vaters, als sie dessen Briefe abgab. Eine Mitarbeiterin begeisterte sie in einem langen Gespräch damals dafür, ebenso mitzuarbeiten. Als Vorstandsvorsitzende kümmert sie sich heute um Projekte, Besucher, Sitzungen und die Zukunft des Archivs. Obwohl ihr die Arbeit Freude macht, bedauert sie es, dass sie sich durch die Managementaufgaben von den Texten entfernt. Denn besonders das Transkribieren der Tagebücher bereitet ihr große Freude. Dass sie es sich selbst beigebracht hat, in Kurrent oder Sütterlin geschriebene Texte zu übertragen, empfindet sie als Gewinn: „Wenn man ein 100 Jahre altes Buch transkribiert, taucht man in ein anderes Leben ein, und wenn man fertig ist, muss man sich von einem Freund verabschieden.“

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