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Stasi-Opfer : Von der Schule gewiesen, gedemütigt und bespitzelt

  • -Aktualisiert am

Bild: Christopher Fellehner

Mitarbeiter im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Stasi halten aus eigenem schrecklichen Erleben die Erinnerung an die SED-Diktatur wach.

          Weil ich mich in diesem Staat nicht frei fühle“, antwortete Helmuth Frauendorfer als 14-Jähriger auf die Frage seiner Deutschlehrerin, warum er nichts Lustigeres und Hoffnungsvolleres schreibe. Früh in die Fänge des rumänischen Geheimdienstes Securitate geraten, weiß der Banater Schwabe und spätere Schriftsteller genau, was es bedeutet, Verfolgter in einem totalitären Regime zu sein. Deshalb engagiert er sich heute im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen. Als stellvertretender Direktor der Gedenkstätte steht er in engem Kontakt mit Zeitzeugen, die seit ihrer Kindheit und Jugend ebenfalls Unrecht erlebt haben.

          Die Lehrer schikanierten ihn

          Die sozialistische Erziehung der DDR-Bürger begann bereits im Kindergarten: Ein durchgetakteter Tagesplan schränkte eigenes und kreatives Denken ein. Die Erziehungsdiktatur zielte darauf ab, eine Individualisierung der Kinder zu verhindern und sie ideologisch gleichzumachen. „Die Lehrer hassten mich, weil ich als Einziger schon lesen konnte“, erinnert sich Mischa Naue, der 1984 als junger Erwachsener vier Monate in Hohenschönhausen inhaftiert war. Da seine Oma Hedwig ihm im Vorschulalter das Lesen beigebracht hatte, unterschied er sich von seinen anderen Klassenkameraden. Daher schikanierten ihn seine Lehrer regelmäßig, nicht selten wurde er vom Unterricht ausgeschlossen. Einige Schuljahre später, von seinen zwei besten Freunden bespitzelt, wurde er mit 14 Jahren von der Schule verwiesen und zu einer Lehre als Gleisbauer gezwungen.

          Zu funktionierenden Zahnrädern erziehen

          „Als Lehrer waren wir nach Maßgabe der SED Beauftragte des Arbeiter-und-Bauern-Staates und hatten die Vorgaben der SED als Staatsfunktionäre umzusetzen“, erklärt Birgit Siegmann, ehemalige Geschichts- und Staatsbürgerkundelehrerin, die sich seit 1990 durchaus selbstreflektiert in verschiedenen Projekten mit der Aufarbeitung der DDR-Erziehungsdiktatur beschäftigt, derzeit als Besucherreferentin in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Allgemein galt für die Lehrer in der DDR, alle anderen Systeme, insbesondere das der Bundesrepublik Deutschland, abzulehnen. „So wollten sie die Schüler zu funktionierenden Zahnrädern der Diktatur erziehen“, erklärt Mario Röllig, den die Stasi 1987 als 19-Jährigen wegen versuchter Republikflucht für drei Monate in Hohenschönhausen festhielt. Auch er wurde bereits in seinen Kinder- und Jugendjahren durch das Unrecht, das er während des Schulalltags erleiden musste, stark geprägt.

          Denunziert wegen eines Beckenbauer-T-Shirts

          Als Siebenjähriger zum Beispiel trat er an einem Montagmorgen zum Fahnenappell an, einem Ersatz für in der DDR verhasste religiöse Rituale, und trug dabei stolz ein knallgelbes T-Shirt mit einem Aufdruck von Franz Beckenbauer, das ihm seine Tante aus dem Westen geschickt hatte. Zwei Lehrer zeigten sich schockiert, denunzierten ihn beim Schulleiter, der Rölligs Klasse aufsuchte und ihn vortreten ließ: „Schaut euch euren Mitschüler an. Der trägt ein T-Shirt eines Fußballspielers aus dem Westen, der vom Klassenfeind für seinen Sport Geld bekommt. Wollen wir hier in unserer Schule weiterhin so etwas sehen?“ Die Klasse musste geschlossen „nein!“ schreien. Als Teenager stellte er dann aus jugendlicher Selbstverständlichkeit kritische Fragen. Im Geschichtsunterricht zum Thema „Berliner Mauer“ wurde den Schülern beigebracht, dass diese einen antifaschistischen Schutzwall darstelle, woraufhin Röllig die Frage stellte: „Wo sind denn die Faschisten? Vor oder hinter dem Schutzwall?“ Bewussten politischen Widerstand habe er mit solchen Äußerungen aber nicht leisten wollen. Denn die nötige Erkenntnis war zu diesem Zeitpunkt für viele Jugendliche noch nicht vorhanden.

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