http://www.faz.net/-gum-6m3h0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.07.2011, 09:26 Uhr

Sexualerziehung Für ein anderes Bild von Familie

In Berlin soll ein Bücher- und Spielekoffer Erstklässlern die Vielfalt des Sexuallebens näherbringen. Ab der fünften Klasse sollen Kinder in Scharaden auch Begriffe wie „Sado-Maso“, „Orgasmus“ und „Darkroom“ darstellen.

von Lydia Harder, Berlin
© Nun sollen schon Erstklässler lernen, welche Formen der Sexualität es unter Erwachsenen gibt

Eine Prinzessin wird gesucht. Denn der Kronprinz soll heiraten. Aber keine gefällt ihm – nicht die aus Texas, nicht die aus Grönland, nicht die aus Indien. Dann wird Prinzessin Liebegunde vorstellig und der Prinz verliebt sich in ihren Bruder Prinz Herrlich. Eine prächtige Hochzeit wird ausgerichtet. Gemeinsam regieren König und König das Land.

Diese Geschichte für Kinder ab vier Jahren steckt mit anderen Büchern in einem Koffer, der nach den Sommerferien in diesem Jahr erstmals in Berliner Grundschulen eingesetzt werden soll. Bereits vor seiner Ingebrauchnahme führt der Koffer zu Erregung: „Schulfach Schwul“, ätzte das Berliner Boulevardblatt „BZ“.

Mehr zum Thema

Ein anderes, vielfältigeres Bild von Familie

Eines der Bilderbücher erklärt in Märchensprache, warum solche Lektüre für Kinder nötig ist: „Vor langer, langer Zeit sahen die meisten Familien in Büchern so aus: ein Papa, eine Mama, ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen.“ Der Koffer ist Teil der Initiative „Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Diese war im April 2009 einstimmig von allen Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses beschlossen worden, um Diskriminierung und Gewalt gegen „Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen“ zu bekämpfen. Und mehr als das: Den Grundschülern soll ein anderes, vielfältigeres Bild von Familie vermittelt werden.

Conny Kempe-Schälicke betreut die Initiative: „Je nach Schule finden Sie Eltern mit anderer Hautfarbe, anderer Sprache, mit Behinderung. Und manche haben eben gleichgeschlechtliche Eltern. Das alles ist Realität.“ Jedes Kind solle im Koffer seine Lebenswelt wiederfinden können und dabei solle kein Modell abgewertet oder ausgeblendet werden. Das aber sei nicht gewährleistet, wenn Schulbücher nur mitteleuropäische Familien im Vater-Mutter-Kind-Schema abbildeten, sagt Frau Kempe-Schälicke.

„Aufklärung auch schon für sechs Jahre alte Kinder hilfreich“

Ein Buch aus Schweden lässt Kinder von ihren beiden Vätern oder ihren beiden Müttern erzählen. In einer anderen Geschichte wird erklärt, wie sich solche Paare fortpflanzen: „Weil aber zwei Frauen keine Kinder bekommen können, haben sie Stefan gefragt. Stefan ist schwul.“ Auch die künstliche Befruchtung wird in kindgerechter Sprache erläutert: „Der Arzt tat dessen Samen in Mamas Bauch.“ Die Geschichten sind gedacht für Grundschüler ab der ersten Klasse. Laut Lehrplan setzt der Sexualkundeunterricht in der fünften Klasse ein.

Zusammengestellt wurde der Koffer von „Queerformat“, einer Verbindung der zwei Berliner Vereine „KomBi“ und „ABqueer“, die über „lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Lebenweisen“ aufklären und beraten. Die Vereinsmitglieder vertreten die Auffassung, dass solche Aufklärung auch schon für sechs Jahre alte Kinder hilfreich sei. Sie berufen sich dabei auf eine australische Studie, laut der manche Kinder schon im Sandkastenalter ihre Homo- oder Transsexualität spüren. Demnächst soll es auch einen Bücherkoffer für Kindergärten geben.

Beim Abendessen ihre Homosexualität beichten

Bereits seit einigen Jahren lernen ältere Schüler in Berlin unabhängig von dieser Initiative, was sexuelle Vielfalt bedeutet: So hat der Senat mit dem Landesinstitut für Schule und Medien im Jahr 2006 eine Handreichung herausgegeben, die im Internet abrufbar ist und verschiedene Spiele zum Thema empfiehlt. In einer Scharade sollen Schüler der Sekundarstufe I und II pantomimisch Begriffe wie „Sado-Maso“, „Orgasmus“ und „Darkroom“ darstellen. Und in Rollenspielen sollen sie ein Coming Out üben, indem sie sich vorstellen, sie würden der Familie beim Abendessen ihre Homosexualität beichten. Außerdem sollen sie probehalber ein lesbisches oder schwules Wochenende planen und dabei die Veranstaltungstipps im Schwulenmagazin „Siegessäule“ benutzen, wobei der Hinweis an die Lehrer lautet: „Falls mit dem Originalmagazin gearbeitet wird, sind die Zeitungen vorher genau durchzusehen und ggf. zu ,zensieren‘, da nicht alle Anzeigen und Bilder jugendfrei sind. Wir empfehlen, die entsprechenden Seiten zu entfernen.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Karrierehemmnis Kinderkriegen? Viele würden im Nachhinein anders entscheiden

Viele Eltern trauern vermeintlich verpassten Karrierechancen hinterher. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie. Wirklich überraschend aber ist, wie viele deshalb das Kinderkriegen bereuen. Mehr

28.07.2016, 14:12 Uhr | Beruf-Chance
Wahl in Berlin Bürgermeister Müller will klare Kante gegen AfD zeigen

Der Regierende Bürgermeister und SPD-Spitzenkandidat Michael Müller präsentierte die Plakatkampagne seiner Partei. Im September wählen die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus und damit auch den Regierenden Bürgermeister. Mehr

29.07.2016, 23:02 Uhr | Politik
Regretting Parenthood Die schizophrene Kinderliebe

Fast alle Eltern lieben ihren Nachwuchs. Das kam bei einer Umfrage heraus. Trotzdem würde fast ein Fünftel nicht noch einmal Kinder bekommen wollen. Wie passt das zusammen? Ein Kommentar. Mehr Von Florentine Fritzen

30.07.2016, 17:47 Uhr | Politik
Die Ferien sind da Schon Koffer gepackt?

Die Vorfreude auf den Urlaub – oder der Stress – beginnt mit dem Koffer. Über das, was wir im Urlaub mit uns herumschleppen. Und: Warum es beim Packen von Vorteil ist, eine Meise zu haben. Mehr Von Eckhart Nickel, Tobias Rüther, Niklas Maak und Arezu Weitholz

27.07.2016, 20:55 Uhr | Reise
Wunsch-Großelterndienst Mit Geduld, Zeit und Liebe

Seit zehn Jahren bringt der Wunsch-Großelterndienst der Bürgerhilfe Maintal Senioren und Kinder zusammen. Manchmal wird daraus eine richtige Großfamilie. Mehr Von Luise Glaser-Lotz, Maintal

25.07.2016, 18:27 Uhr | Rhein-Main

Emma-Chefin Alice Schwarzer wäre gerne Oma

Alice Schwarzer wünscht sich ein Enkelkind, Georg Uecker macht seine HIV-Infektion öffentlich und Bette Midler ist „total stolz“ über ihre neue Aufgabe – der Smalltalk. Mehr 21

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden