Home
http://www.faz.net/-gum-6m3h0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Sexualerziehung Für ein anderes Bild von Familie

In Berlin soll ein Bücher- und Spielekoffer Erstklässlern die Vielfalt des Sexuallebens näherbringen. Ab der fünften Klasse sollen Kinder in Scharaden auch Begriffe wie „Sado-Maso“, „Orgasmus“ und „Darkroom“ darstellen.

© Vergrößern Nun sollen schon Erstklässler lernen, welche Formen der Sexualität es unter Erwachsenen gibt

Eine Prinzessin wird gesucht. Denn der Kronprinz soll heiraten. Aber keine gefällt ihm – nicht die aus Texas, nicht die aus Grönland, nicht die aus Indien. Dann wird Prinzessin Liebegunde vorstellig und der Prinz verliebt sich in ihren Bruder Prinz Herrlich. Eine prächtige Hochzeit wird ausgerichtet. Gemeinsam regieren König und König das Land.

Diese Geschichte für Kinder ab vier Jahren steckt mit anderen Büchern in einem Koffer, der nach den Sommerferien in diesem Jahr erstmals in Berliner Grundschulen eingesetzt werden soll. Bereits vor seiner Ingebrauchnahme führt der Koffer zu Erregung: „Schulfach Schwul“, ätzte das Berliner Boulevardblatt „BZ“.

Mehr zum Thema

Ein anderes, vielfältigeres Bild von Familie

Eines der Bilderbücher erklärt in Märchensprache, warum solche Lektüre für Kinder nötig ist: „Vor langer, langer Zeit sahen die meisten Familien in Büchern so aus: ein Papa, eine Mama, ein kleiner Junge, ein kleines Mädchen.“ Der Koffer ist Teil der Initiative „Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Diese war im April 2009 einstimmig von allen Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses beschlossen worden, um Diskriminierung und Gewalt gegen „Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen“ zu bekämpfen. Und mehr als das: Den Grundschülern soll ein anderes, vielfältigeres Bild von Familie vermittelt werden.

Conny Kempe-Schälicke betreut die Initiative: „Je nach Schule finden Sie Eltern mit anderer Hautfarbe, anderer Sprache, mit Behinderung. Und manche haben eben gleichgeschlechtliche Eltern. Das alles ist Realität.“ Jedes Kind solle im Koffer seine Lebenswelt wiederfinden können und dabei solle kein Modell abgewertet oder ausgeblendet werden. Das aber sei nicht gewährleistet, wenn Schulbücher nur mitteleuropäische Familien im Vater-Mutter-Kind-Schema abbildeten, sagt Frau Kempe-Schälicke.

„Aufklärung auch schon für sechs Jahre alte Kinder hilfreich“

Ein Buch aus Schweden lässt Kinder von ihren beiden Vätern oder ihren beiden Müttern erzählen. In einer anderen Geschichte wird erklärt, wie sich solche Paare fortpflanzen: „Weil aber zwei Frauen keine Kinder bekommen können, haben sie Stefan gefragt. Stefan ist schwul.“ Auch die künstliche Befruchtung wird in kindgerechter Sprache erläutert: „Der Arzt tat dessen Samen in Mamas Bauch.“ Die Geschichten sind gedacht für Grundschüler ab der ersten Klasse. Laut Lehrplan setzt der Sexualkundeunterricht in der fünften Klasse ein.

Zusammengestellt wurde der Koffer von „Queerformat“, einer Verbindung der zwei Berliner Vereine „KomBi“ und „ABqueer“, die über „lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Lebenweisen“ aufklären und beraten. Die Vereinsmitglieder vertreten die Auffassung, dass solche Aufklärung auch schon für sechs Jahre alte Kinder hilfreich sei. Sie berufen sich dabei auf eine australische Studie, laut der manche Kinder schon im Sandkastenalter ihre Homo- oder Transsexualität spüren. Demnächst soll es auch einen Bücherkoffer für Kindergärten geben.

Beim Abendessen ihre Homosexualität beichten

Bereits seit einigen Jahren lernen ältere Schüler in Berlin unabhängig von dieser Initiative, was sexuelle Vielfalt bedeutet: So hat der Senat mit dem Landesinstitut für Schule und Medien im Jahr 2006 eine Handreichung herausgegeben, die im Internet abrufbar ist und verschiedene Spiele zum Thema empfiehlt. In einer Scharade sollen Schüler der Sekundarstufe I und II pantomimisch Begriffe wie „Sado-Maso“, „Orgasmus“ und „Darkroom“ darstellen. Und in Rollenspielen sollen sie ein Coming Out üben, indem sie sich vorstellen, sie würden der Familie beim Abendessen ihre Homosexualität beichten. Außerdem sollen sie probehalber ein lesbisches oder schwules Wochenende planen und dabei die Veranstaltungstipps im Schwulenmagazin „Siegessäule“ benutzen, wobei der Hinweis an die Lehrer lautet: „Falls mit dem Originalmagazin gearbeitet wird, sind die Zeitungen vorher genau durchzusehen und ggf. zu ,zensieren‘, da nicht alle Anzeigen und Bilder jugendfrei sind. Wir empfehlen, die entsprechenden Seiten zu entfernen.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Homosexualität in der Politik Alle Mainzer sind vom anderen Ufer

Die Oberbürgermeister von Mainz und Wiesbaden sind homosexuell. Im Interview sprechen Michael Ebling und Sven Gerich über derbe Witze, Küsse im Fernsehen und das Glück, kein Profifußballer zu sein. Mehr Von Timo Frasch

23.03.2015, 11:39 Uhr | Gesellschaft
Leben in Armut und Einsamkeit Die zurückgelassenen Kinder Moldaus

In der Republik Moldau wachsen viele Kinder in schwerer Armut und ohne ihre Eltern auf. Mütter und Väter sind oft nach Russland gegangen, um Arbeit zu finden. Mehr

04.12.2014, 16:52 Uhr | Gesellschaft
Was tun bei Niedrigzinsen? In die Bildung der Kinder investieren

Die hohen Kosten für Kindergarten und Schule stoßen vielen Eltern übel auf. Dabei sind es Investitionen, die sich lohnen. Mehr Von Corinna Budras

25.03.2015, 11:18 Uhr | Finanzen
Helikopter-Eltern Wenn Kinder zu viel behütet werden

Überbehütung sei Gefahr für das Gemeinwesen: Pädagogen warnen davor, dass eine übertriebene Behütung einen negativen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes haben könnte. Mehr

12.01.2015, 13:30 Uhr | Gesellschaft
Studie zur Geburtenrate Deshalb bekommen die Deutschen so wenig Kinder

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat untersucht, warum so viele junge Menschen in Deutschland keine Familien gründen. Ein entscheidender Grund: ein unerreichbarer Perfektionsanspruch. Mehr Von Uta Rasche

19.03.2015, 14:18 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.07.2011, 09:26 Uhr

Justin Bieber Schläge auf den Hinterkopf

Justin Bieber wird von einem Chauffeur verklagt, Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe und seine Frau Nadja-Anna gehen getrennte Wege, und Uwe Timm war ein Herumtreiber – der Smalltalk. Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Risiko Pilot

Von Nikolas Busse

Hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben? Ja, aber trotzdem muss die Gefahr verringert werden, dass ein Selbst- und Massenmörder im Cockpit zuschlagen kann. Ein Kommentar. Mehr 89 38