Home
http://www.faz.net/-guy-12igc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

„Sexting“ Amerikanische Teenager schocken Sittenwächter

Sie sind zwölf Jahre alt und haben einander halbnackt mit dem Handy fotografiert. Ihre Lehrer entdeckten die Dateien, nun droht den Mädchen eine siebenjährige Haftstrafe. Das Phänomen macht Schule: Die Amerikaner sprechen von „Sexting“.

© ZB Vergrößern Seit Jahren kursieren im Internet und auf Schülerhandys Bilder von Minderjährigen, die spärlich oder gar nicht bekleidet vor der eigenen Kamera posieren.

Das Foto, das unlängst auf den Bildschirmen von Mobiltelefonen in Tunkhannock im amerikanischen Staat Pennsylvania kursierte, zeigt zwei zwölfjährige Mädchen. Sie liegen nebeneinander auf einem Bett und lachen. Die eine, Marissa Miller, telefoniert mit dem Handy, ihre Freundin spreizt die Finger zum Peace-Zeichen. Zu sehen sind die Oberkörper, beide tragen nur einen BH. Gegen die Mädchen ermittelt nun ein Staatsanwalt - wegen Verbreitung von Kinderpornografie. Ihnen droht im Fall einer Anklage eine mehrjährige Haftstrafe und der Eintrag ins „Sextäter-Register“.

Aufgenommen hat das Foto eine gleichaltrige Freundin bei einer gemeinsamen Übernachtung. Nach Marissas eigener Darstellung war es einfach ein Schnappschuss, ein Jux übermütiger Mädchen. Doch ohne das Wissen der beiden zog der Spaß Kreise: Als vor wenigen Monaten die Handys einiger Kids in der Schule von Tunkhannock eingesammelt wurden, entdeckten Lehrer das Bild. Die Polizei wurde eingeschaltet und der Schnappschuss damit zum Justizfall.

Mehr zum Thema

„Nur Gott weiß, was das Mädchen zu Hause alles darf.“

Der für Tunkhannock zuständige Staatsanwalt George Skumanick befand, die Pose sei „provokativ“. Er stellte die Mädchen vor die Wahl: entweder Erziehungskurs und Bewährungsstrafe oder Gefängnis. Marissas Antwort: „Ich finde nicht, dass ich etwas Falsches gemacht habe.“ Daraufhin eröffnete der Republikaner das Verfahren. Seitdem schlägt der Fall auch über Tunkhannock hinaus Wellen. Es gibt erhitzte Debatten im Internet und Fluten von Leserkommentaren. Auf der Webseite des „Wyoming County Press Examiner“ meinte ein Leser, Marissas Mutter habe versagt: „Nur Gott weiß, was das Mädchen zu Hause alles darf.“ Ein Leser der Onlineausgabe der „New York Times“ ärgert sich dagegen über den Staatsanwalt: „Der Anti-Sex-Wahnsinn in diesem Land kennt keine Grenzen.“ Die Kommentare offenbaren den Gegensatz, der Amerika in Fragen der Sexualität immer wieder spaltet. Religiöse Rechte stemmen sich gegen jede Form sexueller Freizügigkeit und prägen so das Image des prüden Amerikaners. Liberale amerikanische Bürger können es nicht fassen.

sexting2 © AP Vergrößern Die Polizei in Connecticut führt Seminare durch, in denen Eltern über Sexting informiert werden.

Sexting ist ein Massenphänomen

Viele Jugendliche wie Marissa haben mit Nacktheit und Sexualität anscheinend wenig Probleme: Seit Jahren kursieren im Internet und auf Schülerhandys Bilder von Minderjährigen, die spärlich oder gar nicht bekleidet vor der eigenen Kamera posieren. “Sexting„ wird dieses Phänomen genannt, abgeleitet vom amerikanischen Wort “texting„ für „eine SMS schreiben“. Einer Studie der privaten Organisation „National Campaign to Prevent Teen and Unplanned Pregnancy„ von 2008 zufolge haben sich 20
Prozent der befragten amerikanischen Teenies nach eigenen Angaben schon einmal so abgelichtet und die Bilder oder Videos verschickt. „Sexting“ ist demnach längst ein Massenphänomen geworden.

In zehn Bundesstaaten laufen derzeit Ermittlungen wegen dieser Praktiken. „Schlimm“ findet das John Burkoff, Professor für Strafrecht an der Universität Pittsburgh. Er fordert Straffreiheit für die Kids: „Was diese Kinder getan haben, war unreif, aber nicht kriminell.“ Die Geschworenen eines Gerichts in Florida waren anderer Meinung: Im Februar 2008 verurteilten sie einen 18-Jährigen zu fünf Jahren Haft auf Bewährung und veranlassten seine Aufnahme in das öffentlich einsehbare „Sextäter-Register“. Er hatte ein Nacktbild seiner 16-jährigen Ex-Freundin, das sie ihm geschenkt hatte, per Email an über 70 Bekannte verschickt.

Sieben Jahre hinter Gittern

Marissa Miller drohen im schlimmsten Fall sieben Jahre hinter Gittern. Gemeinsam mit ihrer Mutter, zwei anderen Angeklagten und der US-Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) kämpft sie gegen eine Prozesseröffnung und verklagte den Staatsanwalt wegen Amtsmissbrauchs - mit Erfolg. Ein Bundesrichter entschied Ende März, das Verfahren gegen sie bis Juni auszusetzen. In der Zwischenzeit will er prüfen, ob Marissa tatsächlich angeklagt werden soll.

Quelle: dpa

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Generation Porno? Zu wild, zu hart, zu laut

Dank Internet ist Pornographie leichter zugänglich als je zuvor. Man findet Bilder von Gang Bangs und Rainbow Partys - selbst wenn man gar nicht danach sucht. Genügt das, um die Jugend als Generation Porno abzustempeln? Mehr Von Melanie Mühl

09.10.2014, 18:13 Uhr | Feuilleton
Amerikanisches Gesetz bestraft Unschuldige

Nachdem ihr Sohn illegal mit Drogen gehandelt hat, wird das Haus von Chris und Markela Sourovelis in Philadelphia im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania beschlagnahmt, obwohl sie selbst nichts getan haben. Grundlage dafür ist ein Gesetz, das laut Kritikern immer großzügiger von den Behörden ausgelegt wird. Mehr

15.10.2014, 18:03 Uhr | Gesellschaft
Neuer Nachrichtendienst Snapchat Milliarden für den Moment

Mit Snapchat kann man Bilder verschicken, die sich nach Sekunden selbst löschen. Investoren reißen sich um die hippe App - woran auch der jüngste Fall von millionenfachem Datenklau bei Nutzern wenig ändern dürfte. Wird der Dienst die nächste ganz große Erfolgsgeschichte im Netz? Mehr Von Inge Kloepfer

11.10.2014, 20:35 Uhr | Wirtschaft
Papst warnt vor zu viel Internet

Zehntausende Jugendliche haben sich auf dem Petersplatz versammelt, um den Worten des Papstes zu lauschen. Der warnte sie vor exzessivem Umgang mit Internet und Handys. Mehr

06.08.2014, 14:48 Uhr | Gesellschaft
Deutsche Dschihadisten Wieder Islamist aus Frankfurt in Syrien getötet

In Syrien ist abermals ein junger Islamist aus Frankfurt bei Kämpfen getötet worden. Nur Wochen, nachdem er aus Deutschland ausgereist war. Auch drei Mädchen aus Colorado versuchten via Frankfurt in den Irak zu reisen - vermutlich im Auftrag islamistischer Gruppen. Mehr Von Katharina Iskandar, Frankfurt

21.10.2014, 13:04 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.05.2009, 10:07 Uhr

Herzogin Kate Ein Hauch von Bauch

Herzogin Kate zeigt sich erstmals seit Bekanntwerden ihrer zweiten Schwangerschaft in der Öffentlichkeit, Sänger James Blunt kann seinen Welthit nicht mehr hören und Schauspieler Martin Sheen gibt einem Forschungsschiff seinen Namen. Der Smalltalk. Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden