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Schweizer Fahrende : Nicht an einem Ort zu Hause

  • -Aktualisiert am

Jenische und Sinti bilden die größte Gruppe der schweizerischen Fahrenden. Problemlos ist das nicht. Denn bei einer Minderheit wird viel verallgemeinert.

          Mitten im Zürcher Stadtviertel Altstetten sitzt Daniel Huber an einem Holztisch. Der größte Teil des Zimmers ist mit Kies bedeckt, worauf eine Ausstellung über sein Volk aufgebaut ist. Dass Huber ein Jenischer ist und in seiner Jugend mit dem Wohnwagen durch die Schweiz zog, verrät nur sein linker Ohrring mit einem Dreieck, den alle Mitglieder dieser Volksgruppe als Kennzeichen tragen. Die rund 35 000 Jenischen und Sinti bilden die größte Gruppe der schweizerischen Fahrenden, doch nur noch etwa 3000 von ihnen gehen auf „die Reise“. Dies ist die Zeit, in der Fahrende mit dem Wohnwagen umherziehen. Sie wechseln im Sommer etwa nach einem Monat den Durchgangsplatz. Im Winter werden ihnen von den Gemeinden auf Standplätzen Baracken vermietet.

          Er erledigte Arbeiten aller Art

          In der Schweiz sind die Jenischen und Sinti als nationale Minderheit anerkannt und seit Herbst offiziell mit dem Namen Jenische und Sinti betitelt. „Das ist sehr wichtig. Heute bin ich kein Fahrender, ich bin ein Jenischer“, sagt Huber, der bis zu seinem 15. Lebensjahr sesshaft war und in Zürich lebte, da es keine Standplätze gegeben habe. Danach lebte er 20 Jahre lang fahrend und erledigte Arbeiten aller Art – je nachdem, wonach die Leute fragten. Seine Berufe reichten von Antiquitäten- und Altgoldhändler über Hausfassaden-Renovierer, Dachdecker und Scherenschleifer bis hin zum Knoblauch-Verkäufer. Jenische lernen ihr Handwerk oft zu Hause, haben keinen festen Lohn und müssen verschiedene Tätigkeiten ausüben. „Wir sind Überlebenskünstler“, meint er stolz.

          „Ich will für mein Volk da sein“

          Auf der Reise erlebte er die Traditionen aller Kantone. „Ich fühle mich nicht an einem Ort zu Hause, ich bin überall zu Hause.“ Einerseits vermisst er es, fahrend zu sein. Sehnsüchtig blickt er aus dem Fenster seines Arbeitsplatzes. Andererseits will er sich dafür einsetzen, dass seine Nachkommen bessere Bedingungen haben zu fahren. Vor vier Jahren wählte man Huber zum Präsidenten der Radgenossenschaft der Landstraße. Wegen seiner Arbeit lebt er heute sesshaft. „Ich will für mein Volk da sein“, erklärt der 50-Jährige. Die Radgenossenschaft wurde 1975 gegründet und hat ihren Sitz in Zürich-Altstetten. Sie ist die Dachorganisation der Jenischen und Sinti und wird vom Staat anerkannt und subventioniert. Sie setzt sich für mehr Stand- und Durchgangsplätze und für die Schulbildung dieser nationalen Minderheit ein. Außerdem versucht die Organisation, den Sesshaften die Kultur der Minderheit näherzubringen, und es werden Lösungen für Alltagsprobleme von Jenischen und Sinti gesucht.

          Festtradition aus dem 18. Jahrhundert

          So regelt Huber, dass Fahrende im Winter untergebracht sind, und schlichtet Auseinandersetzungen, in denen es darum geht, dass sie ihren Wohnwagen abstellen und von der Polizei weggeschickt werden, weil der Platz privat sei. „Das Schönste an meinem Beruf ist, wenn ich mit der Behörde spreche und erreiche, dass jemand unsere Minderheit versteht.“ Die Jenischen und Sinti treffen sich immer wieder. Das kann auf der Reise sein oder an der Fecker-Chilbi, einer Tradition seit dem 18. Jahrhundert: Leute musizieren, tanzen, verkaufen ihre Waren an Marktständen und genießen das Essen am Feuer, auf dem gekocht wird. Die Fecker-Chilbi findet meistens jährlich an verschiedenen Orten statt, dieses Jahr im September auf der Schützenmatte in Bern. Zudem wird die Minderheit durch die jenische Sprache verbunden. Aber nicht alle Mitglieder der Minderheit beherrschen sie. Von 1926 bis 1973 war das Jenische sogar verboten. Heute pflegt man das Jenische wieder mehr. „Ein Volk ohne Sprache ist kein Volk“, meint Daniel Huber.

          Die Familien der Söhne sind fahrend

          Die Jenischen und Sinti packt immer wieder die Reiselust. Man freut sich, Freunde wiederzusehen. „Uns verbindet die Fröhlichkeit.“ Sie reden viel und musizieren gerne. Ihre Volksmusik wird mit Handorgel, Mundharmonika, Gitarre und Violine gespielt. Dazu wird mit Löffeln im Takt geklopft. Feste ergeben sich spontan. „Auf einmal tanzen wir, musizieren und sitzen um das Feuer. Plötzlich ist es ein Fest, und das ist das schönste Fest.“ Die Familien seiner Söhne sind fahrend, aber Huber verbringt viel Zeit mit ihnen. Früher reiste oft die ganze Verwandtschaft miteinander, doch wegen des Mangels an Plätzen können nur noch zwei oder drei Familien zusammen fahren. Gemeinsam fühlen sie sich sicherer und helfen sich bei der Kinderbetreuung, wenn die einen „schränzen“, hausieren, gehen. Wenn zu wenige Haltemöglichkeiten vorhanden sind, muss die Reise abgekürzt oder darauf verzichtet werden. „Unser Kulturgut ist weg, wenn es keine Stand- und Durchgangsplätze gibt. Wir haben die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte.“ Oft willigt ein Kanton ein, Plätze zur Verfügung zu stellen, doch die Gemeinden weigern sich. Es kommt auch vor, dass Bauern Durchgangsplätze zur Verfügung stellen, aber ein Nachbar droht, deren Milch nicht mehr zu kaufen, wenn sie den Platz nicht aufheben. Viele Leute haben Vorurteile, weil die Jenischen und Sinti eine andere Kultur leben.

          Nur im Winter zur Schule

          „Wenn man eine Minderheit ist, wird alles verallgemeinert. Man muss immer doppelt so gut sein wie andere.“ Die vielen Vorurteile bewirken, dass sich einige sogar schämen zu sagen, dass sie sind, wer sie sind. Trotzdem sei die Akzeptanz größer als früher. Huber wünscht sich nur bessere Bildungsmöglichkeiten. Viele Jenische und Sinti haben Mühe mit Schreiben und Rechnen. Reisende Kinder gehen nur im Winter zur Schule. Während der Reise bekommen sie den Schulstoff zugesendet. Da es zu wenige Plätze gibt, gehen einige Familien jedoch früher auf die Reise, um sich einen Platz zu sichern, und holen die Kinder noch früher aus der Schule. Die Sesshaften können von den Jenischen und Sinti lernen, den Kopf nicht hängen zu lassen, wenn etwas nicht gut läuft, davon ist Daniel Huber überzeugt: „Es tun sich immer neue Türen auf.“

          Quelle: F.A.Z.

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