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Rolf Joseph : Erschütternde Lebenslinien eines Überlebenden

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Eine Berliner Schülergruppe erinnert mit einem Buch und einem Preis an das Schicksal des Juden Rolf Joseph, der von den Nazis verfolgt wurde.

          Mein ganzes Überleben damals, das war nur Glück.“ Er wurde von der Gestapo verfolgt, misshandelt und gefoltert. Damals sprang er dem sicheren Tod mehr als einmal mit letzter Kraft von der Schippe. Trotz allem verlor Rolf Joseph nie sein verschmitztes Lächeln, wenn er Schülern über sein Schicksal berichtete. „Er war für uns etwas zwischen Großvater und Lebensidol“, erinnert sich Simon Strauß, einer von ihnen. Mit seiner neunten Klasse am Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin-Schmargendorf besuchte Strauß an einem Freitagabend die Synagoge in der Pestalozzistraße. Nach dem Gottesdienst kam der damals 83-jährige Rolf Joseph auf die Schüler zu und sagte, er berichte oft in Schulklassen über seine furchtbare Vergangenheit. „Ein echter Holocaust-Überlebender, flüsterte damals ein Mitschüler“, erinnert sich Strauß, der zu der Zeit 14 Jahre alt war. „Natürlich war Herr Joseph schon ein älterer Herr, aber er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung und faszinierte uns so, dass wir beschlossen, uns noch einmal in einer kleinen Gruppe mit ihm zu treffen“, erzählt der heute 28-jährige Strauß. So entstand nach vierjähriger Arbeit die Biographie Rolf Josephs mit dem Titel „Ich muss weitermachen“. „Wir haben es als einen Auftrag gesehen, seine Geschichte aufzuschreiben, damit sie nicht in Vergessenheit gerät“, erklärt Fabian Herbst, einer der sechs Autoren.

          Vom Fuball ausgeschlossen

          Rolf Joseph wurde am 11. Dezember 1920 in Berlin-Kreuzberg geboren. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 sollte seine bis dahin glückliche Kindheit zu Ende sein. Die Diskriminierung begann durch den Ausschluss der talentierten Brüder Rolf und Alfred Joseph aus der Fußballmannschaft. „Das hat sie natürlich sehr fertiggemacht. Und auch wir als Schüler konnten uns so etwas sehr gut vorstellen. Das war ein einfaches Bild für etwas sehr Schreckliches“, sagt Strauß. Die meisten Mitschüler der jüdischen Brüder übernahmen die nationalsozialistische Ideologie, verbunden mit dem Hass auf alles Jüdische. Nachdem Joseph aus Angst vor weiterer Schikane immer seltener am Unterricht teilnahm, musste er 1934 die Schule endgültig verlassen. Er begann eine Lehre als Tischler und wurde nach großen Bemühungen in einer Tischlerei fest angestellt.

          Nach Theresienstadt deportiert

          Letztendlich verließ er seinen Arbeitsplatz, weil die Verfolgung immer ausgeprägter wurde und er mit seiner Familie fliehen wollte. Eine Nachbarsfamilie hatte versprochen, ihnen zu helfen. Als die beiden Brüder ihre Hilfe wirklich in Anspruch nehmen wollten, hatte die Familie zu große Angst vor den Konsequenzen und wies sie ab. In genau diesen dreißig Minuten, in denen sich die Brüder Joseph hilfesuchend bei den Nachbarn befanden, wurden ihre Eltern aus der Wohnung abgeholt und abtransportiert. Ohnmächtig sahen die Jungen sie nur noch dieses letzte Mal, wie sie schreiend und schluchzend in dem Transporter verschwanden. Wie alte Möbel wurden sie hineingeschmissen, um auf die Mülldeponie gebracht zu werden, ins KZ Theresienstadt, so erzählte es Joseph den Schülern. „Zu erkennen, dass uns da jemand gegenübersitzt, der Geschichten, die man sonst nur aus dem Schulbuch kennt, wirklich erleben musste, hat uns für das Leben geprägt“, ist Simon Strauß überzeugt.

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