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Veröffentlicht: 26.04.2017, 13:38 Uhr

Notarzt Eine sehr direkte Art der Medizin

Minuten äußerster Konzentration: Ein Mainzer Notarzt bedauert, dass sich so wenige Menschen trauen, Erste Hilfe zu leisten. Falsch machen könne man fast nichts.

von Thabea Paul, Gymnasium, Nieder-Olm
© Christopher Fellehner

Die erste Minute: Das Piepsen wird eindringlicher, die Jacken werden von den Kleiderhaken gerissen. Die zweite Minute: Der Wagen rast über die erste rote Ampel. Die dritte Minute: Die Sirene schallt durch die Straßen, Menschen halten sich die Ohren zu. Der Notarztwagen hat sein Ziel erreicht: eine Schulsporthalle in der Nähe von Mainz. Der Rettungswagen muss nach dem Gesetz in mindestens 15 Minuten am Notfallort sein. „Für den Notarzt gilt dies nicht“, sagt Boris Mansion, leitender Notarzt an der Universitätsmedizin Mainz. „Denn der Notarztwagen kann auch nachträglich angefordert werden.“ Deshalb sind die Rettungsassistenten schon dort, wenn der Notarzt mit seinem Fahrer eintrifft. Die Zuteilung, welcher Notarzt- und Rettungswagen an den Unfallort geschickt werden wird, erfolgt durch die Rettungsleitstelle. Die Auswahlkriterien sind Schnelligkeit beziehungsweise Entfernung und Verfügbarkeit.

In der Jugendgruppe der Johanniter

Über eine kleine Wendeltreppe geht es durch eine Hintertür in die Sporthalle der Schule. Dem 15-jährigen Patienten ist beim Sport die Kniescheibe herausgesprungen. Er liegt blass auf einer Turnmatte. Zuerst erhält er Schmerz- und Betäubungsmittel, bevor die Kniescheibe vor Ort in die richtige Position geschoben wird. „Wir haben bodengebunden, also mit den beiden Notarzteinsatzfahrzeugen, ungefähr 6000 Einsätze pro Jahr. Der Hubschrauber hat dazu zusätzlich 1500 Einsätze“, berichtet der Oberarzt, der seit mehr als 15 Jahren als Notarzt arbeitet. Sein Berufsweg ist eine längere Geschichte: „Bei uns im Ort war ich in einer Pfadfindergruppe. Diese hat irgendwann geschlossen, und stattdessen hat dann die Johanniter-Unfallhilfe eine Jugendgruppe aufgemacht. Dort bin ich eingetreten, wie alle anderen, die bei den Pfadfindern waren, und dort wurde ich an das Thema Erste Hilfe und Notfallmedizin herangeführt. Dann war es einfach so, dass ich immer mehr darüber wissen wollte.“

„Es helfen einfach viel zu wenig Leute“

Nachdem dem Patienten die Kniescheibe gerichtet wurde, wird er transportfähig gemacht und behutsam auf eine Trage gelegt. Die schmale Wendeltreppe ist ein kleines Hindernis und erschwert den Transport. Viele Betreuer, Lehrer, alle Sanitäter und der Arzt in der orangefarben leuchtenden Jacke helfen mit. „Man muss allerdings sagen, dass es relativ selten ist, dass Menschen Erste Hilfe leisten“, bedauert Mansion, der in Frankfurt am Main studiert hat. „Wenn das der Fall ist, sind es meistens Leute, die beruflich etwas mit Medizin zu tun haben. Es ist so, dass wir in Deutschland ziemlich schlecht dastehen, denn es helfen einfach viel zu wenig Leute. Das liegt unter anderem daran, dass wir immer glauben, alles sei zu kompliziert. Wir machen uns Gedanken, dass wir etwas kaputtmachen könnten. Dabei kann man eigentlich fast nichts falsch machen, wenn man hilft. Deswegen würde ich mir wünschen, dass mehr Leute Erste Hilfe leisteten.“

Wenn der Hubschrauber nicht verfügbar ist

Der Schüler wird in den Wagen der Rettungssanitäter gebracht. In dem hell beleuchteten Innenraum sind alle Geräte und Medikamente vorhanden, die zur Behandlung benötigt werden. Platz ist nur für einen Notarzt und einen Rettungsassistenten, die den Jungen auf der Fahrt zur Notaufnahme behandeln. Der zweite Sanitäter fährt den Wagen, während der zusätzlich als Rettungsassistent ausgebildete Fahrer des Notarztes den Wagen zurückfährt. „Natürlich hat man relativ häufig das Gefühl, dass man zu spät vor Ort war. Das liegt daran, dass wir in ländliche Gebiete fahren, auch gerade wenn der Hubschrauber nicht verfügbar ist. Wenn man dann lange Anfahrten hat, macht man sich schon Gedanken, ob das Ergebnis des Patienten ein anderes gewesen wäre, wenn man schneller gewesen wäre. Oft sind das Fälle der Reanimation, wo es auf die Minuten ankommt. Das ist etwas, was man persönlich nicht ändern kann. Allerdings gibt es immer Fälle, die einem im Gedächtnis bleiben und belasten, wo man sich im Nachhinein überlegt, ob man irgendwas hätte anders machen können“, sagt er nachdenklich.

Plötzlich geht der Piepser

Nachdem Notarzt, Sanitäter und die Ärzte der Notaufnahme der Universitätsmedizin Mainz alle Informationen über den jungen Patienten ausgetauscht haben, wird überprüft, welche Medikamente benutzt wurden, um diese zu ersetzen. „Das Beste an dem Beruf ist für mich die Unkalkulierbarkeit, die relativ ruhigen Nachtwachen, und plötzlich, wenn der Piepser geht, werde ich in Situationen hineingezogen, von denen ich nicht weiß, was mich erwartet. Stunden der Langeweile unterbrochen von Minuten der Anspannung. Außerdem ist es eine sehr direkte Art von Medizin“, sagt der Arzt und Vater, dessen Familienleben sich gut mit der Arbeit koordinieren lässt.  Allerdings gibt es auch schwierige Fragen in dem Beruf, denen man sich stellen muss, zum Beispiel: Wen rettet man zuerst? „Schon der Leibarzt von Napoleon Bonaparte hat festgestellt: Wenn man ganz viele Verletzte hat, gibt es Patienten, die werden überleben, egal was ich mache, und es gibt Patienten, die werden sterben, egal was ich mache. In der Mitte gibt es Patienten, bei denen es darauf ankommt, dass sie möglichst schnell professionell behandelt werden“, holt Mansion aus.

Zurück zur Rettungswache

„Meine erste Aufgabe als Notarzt wäre es dann, zuerst herumzugehen, sich nicht an einen Patienten festzusetzen und die zu identifizieren, die sofort meine Hilfe brauchen. Dafür gibt es heutzutage gewisse Algorithmen.“ Als der Einsatz abgeschlossen ist, geht es für den Notarzt und den Rettungsassistenten zur Rettungswache auf dem Gelände der Universitätsmedizin Mainz. Alle treffen sich in der Küche, um etwas zu essen. Mansion kann grade einen Bissen vom Brötchen nehmen, als der Piepser losgeht. Die erste Minute: Das Piepsen wird immer eindringlicher, die Jacken werden von den Kleiderhaken gerissen.

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