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Musikunterricht : Die taube Nation

  • -Aktualisiert am

In vielen Schulen fällt der Musikunterricht häufig aus Bild: picture-alliance/ dpa

In Deutschland fällt kein Unterrichtsfach so oft aus wie Musik. Ein Grund dafür ist der Lehrermangel, denn auch das Bildungswesen steckt in der Krise. Dabei könnte eine gute musikalische Erziehung helfen, etliche andere Probleme zu lösen.

          Wellen aus Papier schwappen von der Wand ins Klassenzimmer. Aus der Neonbeleuchtung an der Decken tropfen blaue Bindfäden. Geisterhafte Figuren schauen durch die Fensterscheiben: scheintote Seemänner, junge Mädchen in Prinzessinnenkleidern und giftgrüne Jägerburschen. Neben dem Pult steht ein Spinnrad, und überall im Raum verteilt sind kleine Papiermodelle mit den wichtigsten Szenen aus Richard Wagners Oper „Der Fliegende Holländer“ aufgestellt.

          Die dritte Klasse an der Evangelischen Schule in Berlin-Steglitz hat sich ein „Fliegender Holländer“-Klassenzimmer gebastelt, eine Wagner-Bühne nach Erich-Kästner-Vorbild. Und mittendrin steht nun die Urenkelin des Komponisten: Katharina Wagner ist zu Besuch und hält nichts von Kleinkindergequatsche. Sie verzichtet auf „pädagogisch wertvolle“ Einführungsworte – sie will arbeiten.

          „Er ist ein Geist!“

          „Wie soll der Holländer aussehen?“ An einem der Gruppentische meldet sich ein Junge: „Er ist ein Geist! Der hat keine neuen Klamotten.“ An einem anderen Tisch bemerkt ein Mädchen: „Vielleicht kauft er sich aber einen Smoking, wenn er an Land kommt – schließlich will er eine Frau heiraten. Und er hat eine Schatztruhe an Bord.“ Der Streit über die Kostüme der Wagner-Charaktere wird zum Expertengespräch: Ist der Holländer auf seiner endlosen Suche nach Treue ein guter oder ein böser Mensch? Was sagt die Musik dazu? Und wie kann man das auf der Bühne zeigen? Die Drittklässler kennen ihren „Holländer“ aus dem Effeff – die Kinder hatten denn auch Erfolg, ihr Kostümentwurf für den „Fliegenden Holländer“ wird Ende dieses Monats auf der Bayreuther Bühne zu sehen sein, in der ersten Kinderoper auf dem Grünen Hügel.

          Musik fördert nicht nur das Gehör, sondern auch soziale Fähigkeiten

          Schon nach wenigen Minuten mit der Wagner-Urenkelin wird ihnen klar: Das hier ist kein Kinderspiel. Katharina Wagner findet nicht alles hübsch, hinterfragt, will Begründungen und zwingt die Kinder zur lustvollen und ernsthaften Regiearbeit. Die Unterrichtsstunde zeigt, dass Musik kein Orchideenfach sein muss: Es geht um Literatur, um Werkanalyse, um handwerkliche und ethische Fragen – und um Diskussionskultur. Die Musik ist lediglich der Anlass für die Drittklässler, miteinander zu streiten.

          Zwei Musikstunden im halben Jahr

          An anderen Schulen sieht die Sache etwas anders aus: Die Tochter des Autors dieses Textes hatte im vergangenen halben Jahr gerade mal zwei Musikstunden – zu wenig, um am Ende Zensuren zu vergeben. „Lehrermangel“, erklärt die Schulleitung lakonisch. Und tatsächlich fällt in der Kulturnation Deutschland kein Unterrichtsfach so oft aus wie Musik.

          Lehrerverbände, Orchester, Theater und der Musikrat warnen schon lange, dass das deutsche Bildungssystem in der Krise steckt. Die bildungspolitischen Reaktionen auf die verheerenden Pisa-Ergebnisse machen die Sache kaum besser: Statt in Allgemeinbildung zu investieren, versuchen Politiker, Wissenslücken in Fächern wie Mathe und den Naturwissenschaften notdürftig zu schließen. Wird ein Defizit zum Beispiel in der Ernährung festgestellt, werden kurzerhand „Ernährungsstunden“ gegeben. Dabei zeigen Studien, dass Menschen mit einer besseren Allgemeinbildung automatisch bewusster mit ihrer Gesundheit umgehen. Anstatt eine breite Bildungsbasis zu schaffen, wird an Einzelproblemen herumgedoktert. Fächer wie Sport und Musik fallen dabei oft unter den Tisch, obwohl gerade durch sie die emotionalen und sozialen Defizite der Kinder behoben werden könnten.

          Musikalische Erziehung wird zur Privatsache

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