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Kulturzentrum : Zur Goa-Party in die Fabrik

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Die Kulti ist Kult im Zürcher Oberland. Besuch in einem ungewöhnlichen Kulturprojekt in Wetzikon. Dort organisieren sich zur Freude der Konzertbesucher Freaks

          Die Büroschränke sind mit Ordnern und Papierkram vollgestopft. Es riecht nach Zigarettenrauch und Kaffee. Dominic Schaufelberger trägt schulterlange, leicht ergraute Haare und eine eckige Brille. Mit seinen schwarzen, hautengen Jeans bleibt er dem Image eines Rockstars treu. „Ich verfolgte fünf Jahre lang meinen Traum, Profimusiker zu werden.“ Heute lebt der Schweizer von seiner Arbeit als Tontechniker und der Büroarbeit in der Kulti in Wetzikon im Zürcher Oberland, dem Gitarrenspielen und gelegentlichen Elektro-Arbeiten.

          Schreiner, Töpfer, Maler, Schweißer

          Durch die Wände dringen dumpf die Stimme einer Frau, die „Mercedes Benz“ von Janis Joplin singt und die Musik von der Beiz unter dem Büro. „Sie hören und machen meistens Musik, wenn sie am Aufräumen sind“, erklärt Schaufelberger alias Schüfi, schmunzelnd. Es ist Sonntagabend, gerade ist eine Goa-Party vorbei. Leute mittleren Alters putzen die Spuren der vergangenen Nacht beiseite. „Nach einer Party sieht das ganze Gelände furchtbar aus“, meint Schüfi. Das Kulti-Areal besteht aus einer Villa, in der acht Studenten leben, einer Beiz, einer Halle und Wohnungen und Wohnwagen. Insgesamt wohnen 30 bis 40 Personen in der Kulti. Es gibt Ateliers und Räume, in denen Schreiner, Bildhauer, Töpfer, Maler, Schweißer und Musiker arbeiten. Die Kulti ist in den Gebäuden der ehemaligen Maschinenfabrik und Gießerei Honegger & Co. daheim.

          Lieber das Dach flicken als WC-Putzen

          Silva Attiger, die Tochter der Gießereifamilie, erbte das Ganze und stellte es für die gemeinsame Nutzung zur Verfügung. So wurde die Fabrik zu einem Ort zum Wohnen, Gestalten, Feiern und Leben umgestaltet, man orientierte sich an Andy Warhols New Yorker Factory. Es war keine Miete zu zahlen. Man konnte die großen Räume für Kunst und Musik nutzen. 1980 gründete sich der Verein Kulturfabrik Wetzikon. Dominic Schaufelberger hilft seit 1982 mit. Er wechselte als Erstes die Ziegel auf dem Dach aus, damit es nicht reinregnen konnte. „Wir wurden die Freaks auf dem Dach genannt. Die meisten Mitwirkenden machen die Arbeiten freiwillig.“ Erst später wurde die ein oder andere Arbeit bezahlt. „WC-Putzen war und ist immer noch nicht beliebt.“ Auch Hauswartsarbeiten und Büroarbeiten werden bezahlt.

          Wohnen in alten Zirkuswagen

          In der Kulti gibt es Ateliers, Werkstätten, Übungsräume und Wohnräume günstig zu mieten. Die Wohnungen sind für Leute gedacht, die sich Teureres nicht leisten können und sich an der Selbstverwaltung des Betriebs beteiligen. „Die einen wohnen in alten Zirkuswaggons und Wohnwagen. Anfangs war die Kulti keine Wohnzone, und die Leute lebten illegal hier.“ Zu Beginn wurde die Kulti drei Jahre lang finanziell von der Gemeinde Wetzikon unterstützt. Weitere Kredite wurden in der Folge von den Wetziker Stimmbürgern abgelehnt. Die finanziellen Fragen waren immer ein großes Thema und sind es heute noch. Mitte 1980 wurde ein Trägerschaftsverein gegründet, bestehend aus den etwa 50 Mietern. Er übernahm die Selbstverwaltung der Liegenschaft. Am Anfang war die Trägerschaft ein bunter Haufen aus Individuen, die monatlichen Volksversammlungen waren entsprechend chaotisch. Nach einigen Jahren mit vielen Diskussionen kam langsam Ruhe ins System. Später kaufte die 1996 gegründete gemeinnützige Stiftung Kulturfabrik die Liegenschaft für 3,5 Millionen Franken.

          Messerstechereien, Diebstahl und Dealer

          In der Kulti sind schon viele bekannte Schweizer Künstler aufgetreten, unter anderen Polo Hofer, Young Gods, ZüriWest und Patent Ochsner. Werbung für Veranstaltungen wird online gemacht. Flyer gibt es nur in kleinen Mengen, da möglichst wenig Papier verschwendet werden soll. Die Eintritte sind meist günstig und oft gratis. Zu den Partys kommen sogar Leute aus Zürich. „Meist ist es friedlich, es kam aber schon zu Problemen. Es gab Gangs, die miteinander stritten, Messerstechereien, Diebstahl und Dealer. All denen wurde ein Hausverbot auferlegt, das strikt eingehalten wird“, erklärt Schaufelberger. Es ist dunkel geworden, die Musik ist verklungen. Schüfi arbeitet am Computer. „Er ist langsam, aber funktioniert noch.“ So wie die Gebäude. Geplant ist ein neues Energiekonzept, nachhaltig gestaltet mit der Nutzung des Baches, der einst schon der Fabrik Energie gab.

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