Home
http://www.faz.net/-gv1-yuxx
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Krabbenfischer Von Möwen umschwärmt

 ·  Söhnke Thaden steuert einen Krabbenkutter und ist oft tagelang auf See. Das Fischen in der Nordsee wird immer schwieriger.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ein salzhaltiger Dunst liegt in der Luft, als an Bord der „Christine“ der Befehl „Einholen“ zu vernehmen ist. Möwen fliegen kreischend um das volle Netz, das sich langsam aus den grünlichen Fluten der Nordsee erhebt, in der Hoffnung etwas vom Fang zu erhaschen. Die drei Mann starke Besatzung macht sich an die Arbeit. Die grauen Krabben werden mit einer Siebtrommel vom Beifang getrennt, dabei fallen die Tiere durch kleine Rillen der Trommel in große Körbe. Dann werden sie in einem riesigen Kochtopf gekocht, dadurch erhalten sie ihre rötliche Farbe und ihre gekrümmte Form. Anschließend sortiert eine zweite Siebtrommel die Krabben nach Größe. Nun werden die verkaufsbereiten Nordseekrabben in einem Kühlraum eingelagert.

Zurück nach Fedderwardersiel

In der Kapitänskajüte sitzt ein großer, braunhaariger Mann mit einer Wollmütze. Er trägt wie viele seiner Vorfahren einen traditionellen goldenen Seemannsohrring. Ist der 40-jährige Söhnke Thaden mit dem Fang zufrieden, steuert er seinen blau-weißen Kutter in den Hafen von Fedderwardersiel zurück. Der kleine Hafen mit seinen sieben Fischkuttern befindet sich an der nördlichen Spitze der Halbinsel Butjadingen, die zwischen dem Jadebusen und der Wesermündung liegt. Als Küstenfischer ist Thaden von der Natur abhängig. Das Wetter und die Gezeiten bestimmen, wann er rausfahren kann. Hauptsächlich fängt er in der Nordsee die beliebten Nordseekrabben, Seezungen und Schollen, aber auch Dorsche in der Ostsee. In der Hauptsaison kann er dem Meer in einem „Hol“, was das Einholen des vollen Netzes bezeichnet, bis zu 500 Kilogramm Krabben entreißen.

Thaden betreibt die Fischerei in der fünften Generation, sowohl die Familie seiner Mutter als auch die seines Vaters waren Fischer. Er begann mit 17 Jahren die dreijährige Ausbildung. Danach folgte ein Jahr als Geselle, um innerhalb der nächsten zwei Jahre sein Kapitänspatent für Hochseefischerei erwerben zu können. 1996 übernahm er den Kutter seines Vaters. „Früher war das Fischen wegen der schwierigen Kommunikationsmöglichkeiten noch schön ruhig.“ Er lacht. „In der Zeit des Mobiltelefons hat sich dies leider verändert.“ So sei er selbst an den abgelegensten Orten erreichbar. Bei der Küstenfischerei ist er je nach Jahreszeit ein bis fünf Tage am Stück auf hoher See. Im Gegensatz dazu sind die Hochseefischer oft mehr als drei Wochen unterwegs. „Da wäre für mich zu wenig Zeit für meine Frau und meine drei Kinder übrig.“

Er möchte die Tradition erhalten

Für Thaden ist es wichtig, die Tradition der Küstenfischerei in Butjadingen zu erhalten. Von ehemals sieben Fischereihäfen in Butjadingen ist nur noch Fedderwardersiel übrig geblieben. Aber der kleine Hafen ist in seiner Existenz bedroht, da wasserbauliche Maßnahmen, wie die Kanalisierung und der Ausbau der Weser, zu einer Verödung der Seitenräume der Weser führen. In einem solchen Seitenraum liegt auch Fedderwardersiel, wo sich durch eine geringere Strömungsgeschwindigkeit Sedimente ablagern und Verschlickung droht. Die Auswirkungen sind deutlich sichtbar.

Früher konnten drei Schiffe nebeneinander die Hafeneinfahrt passieren, heute reicht der Platz nur noch für ein Schiff. Zudem hat sich der Zeitraum von sechs auf drei Stunden verkürzt, in dem die Fischer den Hafen aufgrund der Gezeiten verlassen können. Um gegen diese Entwicklung vorzugehen, haben sich die Männer zur Interessengemeinschaft Elbe-Weser-Fischer zusammengeschlossen. Thaden hofft, dass sein jüngster Sohn Jesse die Tradition fortführt. Wenn nicht, wäre es nicht schlimm, sagt er grinsend. „Ich will niemanden zu etwas zwingen. Schön wäre es aber trotzdem . . .“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen