Zusammengesunken sitzt Michelle (Name geändert) in ihrem Rollstuhl. Der Mann, der ihre Seele zerstört und sie in den Rollstuhl gebracht hat, der sitzt direkt hinter ihr. Die kleine dunkelhaarige Frau mit der runden Brille will ihn nicht anschauen, sie kann seinen Anblick nicht ertragen. Das muss sie auch nicht. Dafür sorgen die drei anwesenden Polizisten. Nachdem die 26 Jahre alte Frau von ihrer Pflegerin in den Kasseler Gerichtssaal geschoben wird, ist es mucksmäuschenstill. Der Anblick der jungen Frau ist erschreckend. Ihre Vorderzähne im Mund sind schwarz, das letzte Mal hat sie im Alter von 12 Jahren einen Zahnarzt besucht. Das ist nun 14 Jahre her.
Abgemagert bis auf die Knochen
Sie wirkt wie ein Schatten, ist abgemagert bis auf die Knochen. Die Haut ist fahl, schimmert durch. Doch heute muss sie stark sein, heute ist der Tag, an dem ihr Vergewaltiger, Zuhälter, Freund und versuchter Mörder verurteilt werden soll. Er sitzt neben seinem Verteidiger und wirkt ganz locker, gar entspannt. Dem 34 Jahre alten Arbeitslosen kann man deutlich ansehen, dass er sich seit längerem nicht rasiert hat. Öfters fährt er sich mit der rechten Hand, auf der ein Drachen-Tattoo zu sehen ist, über die Stoppeln. Um seinen Hals liegt ein Goldkettchen.
Dann wird die Anklageschrift verlesen. Dabei kann der Angeklagte Mike (Name geändert) nur schmunzeln. Er streitet alles ab. Er streitet ab, seine ehemalige Freundin die Felsen am Edersee hinunter- gestoßen zu haben, weshalb sie jetzt im Rollstuhl sitzt. Zu den Vorwürfen, dass Mike sie monatelang in seiner Wohnung eingesperrt, vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen haben soll, behauptet er, dass sie es so gewollt habe. Er habe immer nur zu ihrem Wohl gehandelt. Schließlich musste sie ihren Drogenkonsum bei ihm abbezahlen. Bei der Verlesung der Straftaten laufen dem Opfer Michelle Tränen über die Wangen. Mittendrin unterbricht sie die Staatsanwältin und stottert: „Ich war so dumm, so dumm.“
Vier Jahre Demütigung
Mehr als vier Jahre lang hat sich Michelle von ihrem Peiniger demütigen lassen. Dabei halfen ihr immer wieder Drogen, vor ihren Problemen zu fliehen. Ohne Ausbildung und Arbeit, war sie froh, als Mike sie aufnahm. Auf die Frage, weshalb sie sich nicht getrennt habe, kennt sie keine Antwort. „Ich war ihm hörig, abhängig von seinen Schlägen. Manchmal war er auch ganz lieb zu mir, hat mich gestreichelt“, antwortet sie verstört, ohne ihren Unterdrücker anzublicken. „Er hat mir versprochen, dass wir heiraten, wenn ich das mache, was er will.“
Und das hat Michelle auch getan. Sie hat gemacht, was ihr gesagt wurde. Sie ließ sich in eine für ihre Prostitution angemietete Wohnung einsperren und verließ sie einen Monat lang nicht. In dieser Zeit bekam sie auch nichts zu essen, sondern wurde von Mike nur mit Cola und Zigaretten ernährt. Und das nur aus einem einzigen Grund: Michelle musste abnehmen. Die zierliche Frau verlor immer mehr an Gewicht, denn sie sollte ihren Freiern als junges Schulmädchen gefallen. Mit Zöpfen und einer Schuluniform. „Auf so was stehen die Männer nun mal, ich muss mich nach der Nachfrage richten, sonst läuft da nichts“, erklärt Mike skrupellos.
Sie quält sich durch die Verhandlung
Während Michelle mit ihren Kunden schläft, sitzt Mike in der Küche und passt auf, dass sie nicht wegläuft. Und, dass der Freier bezahlt. Vorher, versteht sich. Wenn dann der letzte Mann gegangen war, kam es öfters vor, dass auch Mike noch mal mit Michelle verkehren wollte. Während die junge Frau in ihrem grauen Rollkragenpullover spricht, bricht sie immer wieder ab. Richter und Staatsanwältin fordern sie auf, jedes Detail zu erwähnen. Michelle quält sich dabei zusehends, sodass die Verhandlung unterbrochen werden muss.
Während der kurzen Pause äußert sich der Verteidiger Wolfgang Plettenberg über seinen Mandanten. „Für das, was er getan hat, muss er bestraft werden, ganz klar. Aber wenn die Frau so dumm ist, dass sie immer wieder zu ihm zurückkommt, dann trägt er definitiv nur einen Teil der Schuld. Außerdem hatte er eine schwere Kindheit, die von vielen Schlägen und wenig Liebe der Eltern geprägt war.“ Das ist in den meisten Fällen das Hauptargument, wenn die Verteidiger auf eine psychiatrische Behandlung plädieren anstatt auf eine Gefängnisstrafe. Doch das hilft alles nichts, Mike muss hinter Gitter. Aber nicht für den angeblichen Mordversuch. Während der Verhandlung zieht Michelle ihre Aussage zurück. Sie sei sich nicht mehr sicher, ob er sie geschubst hat oder sie von allein gestürzt ist. Über zehn Meter in die Tiefe – von allein gefallen?
Um die Drogen zu finanzieren
So groß ist ihre Angst vor ihm. Michelle schafft es nicht, sich von ihm loszueisen, sie bleibt ihm hörig. Selbst dem Milieu kann sie nicht entfliehen. Auch wenn sie jetzt im Rollstuhl sitzt, geht sie auf den Strich, ihr Drogenkonsum muss finanziert werden. „Das ist wohl eine Marktlücke, die sie da für sich entdeckt hat“, sagt ein älterer Herr, der die Verhandlung verfolgt hat, auf dem Flur. Mitleid hat er nicht viel , er gibt Michelle die Schuld für ihre Situation. „Sie ist einfach nicht stark genug, von selbst dort herauszukommen. Sie benötigt professionelle Hilfe, die Michelle zurzeit auch bekommt. Aber sie nimmt sie nur zum Teil an, von den Drogen ist sie nicht wegzubekommen“, erklärt der Richter. Mike bekommt Mike vier Jahre Haft; und er sieht nicht einmal ein, wofür.