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Elisabeth-Hospiz „In der Trauer kann man sich nahekommen“

Im Elisabeth-Hospiz werden 16 todkranke Menschen liebevoll begleitet. Carolina macht dort ihr Freies Soziales Jahr.

© Illustration Andrea Koopmann Vergrößern

Das Sterben gehört zum Leben. Wir wollen diese letzte Phase so würdevoll und lebenswert gestalten, wie es nur geht.“ Edgar Drückes ist Geschäftsführer des Elisabeth-Hospizes in Lohmar nahe Köln. In diesem leben bis zu 16 todkranke Menschen. Sie werden liebevoll „Gäste“ genannt. Sie alle wissen, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben haben. Drückes arbeitet seit zehn Jahren in diesem Hospiz. Zuvor hatte der studierte Betriebswirtschaftler erkannt, dass ihn die kaufmännische Tätigkeit allein nicht persönlich befriedigt. „Ich sattelte auf Sozialpädagogik um, studierte an der Katholischen Hochschule in Köln und landete im Elisabeth-Hospiz, um mein praktisches Jahr zu absolvieren.“ Der 41-jährige, unverheiratete Mann mit dem kurzen verwuschelten Haar, der sich als begeisterter Kölner Karnevalsfan beschreibt, scheint in seinem Beruf aufzugehen. Die erste Erfahrung mit dem Tod eines Gastes prägte den jugendlich und sportlich wirkenden Mann sehr. „Ich hatte das Gefühl, dieser Mann habe einen Kampf verloren. Ich litt mit ihm, vor allem weil ich eine persönliche Bindung zu ihm aufgebaut hatte.“ Drückes setzte sich eine Frist von sechs Monaten. Entweder er fände einen Weg, die Todesfälle besser zu verarbeiten, oder er würde das Hospiz wieder verlassen. „Mit der Hilfe des ganzen Teams erkannte ich, dass diese letzten Tage eines Menschen sehr würdevoll sein können.“ Er blieb. „Natürlich habe ich auch heute noch Mitleid mit den Verstorbenen, aber auch mit den Hinterbliebenen. Doch heute schaffe ich es trotz aller Berührungen mit meinen Gästen, psychisch Abstand zu halten.“ Ihm helfe oftmals der Gedanke, dass das Leiden für die Kranken mit dem Tod ein Ende habe.

Drückes betont, dass Trauer und Depression bei den Hinterbliebenen nicht weit auseinanderliegen. „In der Trauer kann man sich nahekommen, in der Depression entfernt man sich.“ Einige Gäste schaffen es, den Tod zu akzeptieren. Doch oft fallen gerade sie kurz vor ihrem Ende noch einmal in eine Panik. Denn der Tod bleibt etwas Unbegreifliches, etwas Mystisches, etwas Furcht- und Angsterregendes.

Das Elisabeth-Hospiz ist das erste Hospiz in Deutschland, das nicht an ein Krankenhaus oder Altenheim gebunden ist. Die Gründerfamilie Brombach unterhielt es zu Beginn im Jahre 1990 noch durch die Unterstützung und Spenden von Freunden. Josef Brombach ist heute 72 Jahre alt und wirkt trotz seiner grauen Haare jung. Zu Beginn pflegten er und seine Frau mit der Hilfe einer jungen Ärztin seine schwerkranke Schwiegermutter. Als jedoch die Ärztin selbst ebenfalls durch eine Krankheit pflegebedürftig wurde, widmeten sich die Brombachs auch ihr. So entwickelte sich langsam das Elisabeth-Hospiz. Der studierte Theologe und Sozialwissenschaftler erinnert sich an einen besonderen Fall: „Ein Geistlicher starb mit geballten Fäusten. Er war wütend, weil er sterben musste und Gott ihm nicht half.“ Dies ging Brombach persönlich sehr nahe. Durch die langjährige Erfahrung im Umgang mit dem Tod wünscht er sich vor allem, niemals die Dankbarkeit zu verlieren. Dies passiert bei den Gästen leider so manches Mal und sorgt oftmals für Bitterkeit bei den Angehörigen.

Heute arbeiten in dem zweistöckigen, hellen und zu jeder Jahreszeit passend dekorierten Haus 19 Pfleger und Pflegerinnen. Davon sechs Mädchen, die hier ihr Freies Soziales Jahr absolvieren. So wie die 21-jährige Carolina Karras aus Celle. Sie wohnt direkt neben dem Hospiz. Essen und Unterkunft werden übernommen, ein kleines Gehalt bekommt Carolina vom Roten Kreuz. Über diese Organisation ist sie auch zum Hospiz gelangt. Die zierliche, brünette junge Frau arbeitet acht Stunden am Tag. „Dabei erlebte ich bis jetzt Höhen und Tiefen, denn die körperliche Arbeit kann sehr schwer sein.“ Ein schlimmes Erlebnis kehrt immer wieder. „Wenn man einen Gast in sein Herz geschlossen hat und am nächsten Tag erfährt, dass er verstorben ist.“ Auch beschreibt sie den besonderen Fall eines Gastes, der aufgrund seiner Krankheit sehr unhöflich war. „Selbst mit einem netten Wort ist man nicht an ihn herangekommen.“ Ihr bereitete es Mühe, trotz allem nett und höflich zu bleiben. „Ich musste mir einfach noch einmal vor Augen führen, dass der Gast krank und auf jede Hilfe angewiesen war. Auch wenn er es selbst nicht wahrhaben wollte und lieber unverschämte Antworten gab.“

Natürlich erlebt sie auch sehr schöne Momente. Nämlich immer, wenn sie ein Zimmer betritt und der Gast ihr ein Lächeln schenkt. Auch wenn sie die Hand eines Gastes hält und mit diesem todkranken Menschen singt, gibt ihr das ein gutes Gefühl. „Man darf keine Angst vor dem Tod haben, da er ein Teil des Lebens ist, und man muss lernen, mit schwierigen und traurigen Situationen umzugehen, und die Gefühlslage seiner Mitmenschen akzeptieren und tolerieren.“

Zurzeit gibt es in Deutschland 142 stationäre Hospize, zu denen auch das Elisabeth-Hospiz gehört. Alle Pfleger sind rund um die Uhr für die Gäste da. Bei Bedarf auch für die Verwandten. „Wir versuchen, unseren Gästen jeden Wunsch zu erfüllen“, sagt Edgar Drückes. Ob dies nun die Currywurst mit Zaziki an Silvester oder die letzte Fahrt in die alte Heimatstadt ist. Im Jahr werden etwa 130 bis 180 Gäste betreut. Für Angehörige gibt es im gleichen Haus ebenfalls Übernachtungsmöglichkeiten. „Überhaupt legen wir viel Wert auf die seelische Betreuung von Angehörigen.“ So gibt es zum Beispiel nach Eintritt des Todes die Möglichkeit, eine kleine Trauerfeier im persönlich eingerichteten Zimmer des Toten abzuhalten. Um Abschied zu nehmen, wie Drückes erklärt. Insgesamt liegen die Verstorbenen zwei Tage in ihren Zimmern. Woran merken die Pfleger, dass es mit einem Gast zu Ende geht? „Die meisten werden immer müder und haben weniger Appetit. Irgendwann schlafen sie meistens einfach ein. Dank starker Schmerzmittel.“ Auch nach Eintritt des Todes sehen sie oft aus, als würden sie lediglich friedlich schlafen. Sie sehen nicht aus, als wären sie krank.

Janina Schaper,

Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule, Kassel

Quelle: F.A.Z.

 
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