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Balletttänzerin : "Wir waren sogar stolz auf einen blutigen Zeh"

  • -Aktualisiert am

Ein Mädchentraum: Karriere als Balletttänzerin Bild: Illustration Andrea Koopmann

Anna-Fee tanzt. Früher tanzte sie alles, vom Lebkuchen bis hin zu Lausejungen. Inzwischen gibt sie im Stadttheater den Schwan und übt dafür bis zu 20 Stunden in der Woche. Einige ihrer Freunde finden das verrückt. Aber Anna-Fee Schuller ist glücklich.

          Die trockene Luft riecht nach Schweiß und Haarspray. Der hölzerne Boden knarrt bei jedem noch so leichten Schritt. Fünf Mädchen stehen auf der hell beleuchteten Tanzfläche im Studio des Moira Fetterman Balletts in Hugstetten in der Verbandsgemeinde March bei Freiburg. Klaviermusik erklingt, ein Mädchen beginnt die nächste Übung. Jeder Muskel ist durch ihr dunkelblaues Trikot zu erkennen. Ihre Arme bewegen sich leicht, während sie mit den Beinen komplizierte Sprünge und Drehkombinationen ausführt.

          Mit einem großen Scherensprung landet die zierliche Anna-Fee Schuller schließlich auf der anderen Seite des Raumes. Während die anderen Mädchen sich an einem Chopin-Walzer versuchen, übt sie im hinteren Teil des Raumes weiter. Ehrgeizig und konzentriert blicken ihre blauen Augen in den gegenüberliegenden Spiegel. Für ihr Alter ist die Siebzehnjährige mit ihren 1,62 Meter nicht besonders groß und auch sehr schlank. Trotzdem hat sie durch das Training starke Arm- und Beinmuskeln entwickelt. Immer wieder springt sie in die Luft und verfolgt die Höhe ihrer Beine und die Stellung ihrer Arme in der Spiegelwand.

          Übung am Holzstuhl

          Seit elf Jahren tanzt Anna-Fee. Angefangen hat es mit einer dreiviertel Stunde in der Woche. "Meine erste Ballettstange war ein Holzstuhl. Ich war zu klein, um an die Stange zu greifen, die die älteren Mädchen benutzten", lacht sie. Als Anna-Fee mit sechs Jahren zu tanzen begann, war sie außerdem noch auf der Eisfläche aktiv. 2001 gewann sie die Baden-Württembergischen Meisterschaften in ihrer Altersklasse. Trotzdem gab sie dieses Hobby auf. "Ich wollte eine Sache richtig gut können, nicht beide halbwegs." Im Alter von elf Jahren kamen noch Unterricht in Modern Dance, Contemporary Dance und Jazz dazu, um ihr klassisches Training zu ergänzen.

          Mit schmerzhaften Blasen

          Das fast zweistündige Training, angefangen mit Aufbautraining am Boden, einer dreiviertel Stunde Stange und dann längeren Kombinationen in der Mitte, ist vorbei. Erschöpft beginnt Anna-Fee die Satinbänder ihrer Schuhe aufzuknoten. Mit zwölf bekam sie ihr erstes Paar Spitzenschuhe. "Ich habe meine ersten Spitzenschuhe geliebt. Sie waren Größe 35, hellrosa und das Schönste auf der Welt. Aber als ich sie anzog und das erste Mal den Druck auf meinen Zehen spürte, kam ich zurück auf den Boden." Die so anschmiegsam wirkenden Schuhe werden unter anderem aus Gips und Holz gefertigt. Reibungen an den Zehen führen oft zu schmerzhaften Blasen. Silikon Pads, die diese Schmerzen lindern, lehnen viele professionell gesinnte Tänzerinnen ab. "So etwas hatte ich noch nie. Es ist mir sehr wichtig, den Schuh genau am Fuß zu spüren. An die Schmerzen gewöhnt man sich auch schnell. Als wir noch jünger waren, waren wir sogar stolz auf einen blutigen Zeh."

          Proben für „Cinderella“

          Tatsächlich. Als Anna-Fee ihren linken Schuh auszieht, ist ein dunkelroter Fleck durch ihre Nylonstrumpfhose zu erkennen. Sie streift lediglich ihre Leinenschläppchen über und holt ihr Kostüm. Seit vier Monaten probt das Moira Fetterman Ballett schon für das Märchen "Cinderella". Die von der ehemaligen Bühnentänzerin Moira Fetterman gegründete Ballettschule bereitet unter anderem auf die Aufnahme an Hochschulen vor. Anna-Fee, die schon seit drei Jahren zur fortgeschrittensten Gruppe der Schule gehört, wird auch dieses Jahr eine Hauptrolle in der Aufführung übernehmen, die der bösen Schwester.

          Feierlich präsentiert sie ihr Kostüm, ein paillettenbesticktes Samtoberteil und einen grünen Rock. "Ich tanze sehr oft eher ungewöhnliche Rollen. Als ich klein war, tanzte ich alles von Lebkuchen und Zauberbäumen bis hin zu Lausejungen. Erst in den letzten Jahren kamen dann auch Rollen wie die einer Fee oder eines Schwans dazu."

          Lyrisch bewegen können

          Zu Anna-Fees liebsten Bühnenerlebnissen zählen Auftritte im Konzerthaus Freiburg sowie im Stadttheater. An einem Wettbewerb hat sie noch nie teilgenommen. "Wettbewerbe unterstütze ich nicht, sie kommen mir so oberflächlich vor. Ich würde anhand meiner verhältnismäßig kurzen Beine und meines flachen Spanns ohnehin sehr früh rausfliegen. Aber zum Tanz gehört so viel mehr als die perfekten Füße. Wenn du musikalisch bist, dich lyrisch bewegen kannst, eine gute Technik und eine tolle Ausstrahlung hast, zählt das viel mehr. Für mich ist die Bühne die Prüfung. Wenn ich das Publikum begeistern kann, bin ich glücklich."

          Bis zu 20 Stunden jede Woche tanzt, probt und gibt sie inzwischen sogar selbst Unterricht. Faulenzen und Freizeit kommen leider oft zu kurz. "Die meisten meiner Freunde sind tolerant. Andere finden mich natürlich verrückt, weil ich so viel tanze, und werfen mir vor, ich würde meinen Körper kaputtmachen. Natürlich ist so viel Ballett strapaziös. Aber was viele nicht wissen, ist, dass gutes Training den Körper sogar stärkt. Man bekommt ein viel besseres Gefühl von sich selbst, solange man seine Grenzen erkennt und respektiert."

          Sport auf Lehramt

          Professionell möchte sie trotzdem nicht tanzen. "Dafür hätte ich mich viel früher entscheiden und noch viel mehr Privatleben aufgeben müssen. Wer Profi werden will, hat wirklich kaum noch Zeit für Freunde und Familie." Stattdessen möchte Anna-Fee nach dem Abitur ein Jahr in England verbringen. Dann plant sie Musik und Sport auf Lehramt zu studieren.

          Es ist 20.15 Uhr. Noch einmal sollen die fünf Mädchen die letzten 21 Takte tanzen, dann dürfen sie nach Hause gehen. Mit schweren Schritten schleppen sich alle noch einmal auf ihre Ausgangsplätze. Als die Musik einsetzt, springen, drehen und strahlen sie um die Wette.

          Mit hochrotem Gesicht und der Wasserflasche an den Lippen verlässt Anna-Fee den Tanzsaal. In der Umkleide wird das disziplinierte Schweigen schnell gebrochen. Die Mädchen reden über die Ereignisse des Tages, lästern über Lehrer und präsentieren neue Kleidungsstücke. Um 20.45 Uhr ist Anna-Fee nach dreieinhalb Stunden Training und Probe endlich auf dem Weg nach Hause. Jetzt wird sie duschen, Hausaufgaben machen und erschöpft ins Bett fallen. Ein ganz normaler Montagabend eben.

          Quelle: F.A.Z.

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