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Hochschule für Tanz in Dresden : „Strecken die Fuß! Und wo sind die Ände?“

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Die 18 Fünftklässler dieses Jahres wurden aus gut 200 Bewerbern ausgewählt Bild: Christoph Busse

Morgens Pas de deux, nachittags pauken: An Deutschlands einziger eigentständiger Hochschule für Tanz lernen auch Kinder, dass Grazie harte Arbeit ist. Stefan Locke hat die neuen Fünftklässler einen Tag lang begleitet.

          „Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten keine Kinder . . .“ - Julius sitzt, das rechte Bein lässig über das linke gelegt, vor der Klasse und liest laut aus „Dornröschen“. Seine Mitschüler sind geschafft, aber aufmerksam, denn gleich müssen sie die Leistung des Elfjährigen beurteilen. „Er hat laut und deutlich gelesen“, sagt ein Mädchen. „Manchmal war es noch ein bisschen stockend“, ergänzt ein anderes. „Du bekommst heute eine Eins minus“, sagt die Lehrerin, und Julius kehrt sichtlich zufrieden an seinen Platz zurück. Es ist kurz vor 14 Uhr und Deutsch heute schon seine fünfte Stunde; Biologie, Geographie und Englisch liegen noch vor ihm.

          Begonnen hat der Schultag von Julius Grafe um 8.55 Uhr im Saal 2, mit „TTI“, und genau das ist es auch, was seine Schulerfahrung so besonders macht. „TTI“ bedeutet „Tanz, Technik, Improvisation“ und ist ein Grundlagenfach an der 1925 von der Tänzerin Gret Palucca in Dresden gegründeten Einrichtung. Heute ist die Palucca-Schule Deutschlands einzige eigenständige Hochschule für Tanz - und die einzige, die auch eine Mittelschule, Klassenstufen 5 bis 10, integriert hat. Im Frühjahr hat Julius die Aufnahmeprüfung bestanden; er ist jetzt einer von 18 Fünftklässlern, die heute Morgen zunächst eine Art Speisekarte abtanzen. „Fünf, sechs, sieben, acht - und: Streuselkuchen!“, lautet das Kommando von Professorin Ingrid Borchardt, und schon stiebt die Menge auseinander und bewegt sich krümelig.

          Julius hat in der Aufregung vergessen, den Trainingsanzug abzulegen

          Die Augen der zwölf Mädchen und sechs Jungen strahlen. Es ist ihre zweite Woche hier, und die Freude lassen sie sich auch nicht von den strengen Regeln nehmen. „Zügig, zügig!“, ruft Borchardt, als der Nachwuchs den Saal betritt. Die Mädchen tragen Leggins und Gymnastikanzüge, die Jungs kurze Hosen und T-Shirts. Julius hat in der Aufregung vergessen, den Trainingsanzug abzulegen - Anfängerschwierigkeiten, die bald der Routine weichen werden; einige der Schüler werden hier neun Jahre bleiben.

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          „Viele verbringen ihre ganze Kindheit und Jugend hier“, sagt Borchardt. Die Dreiundsechzigjährige, selbst Palucca-Absolventin, lehrt seit 25 Jahren zeitgenössischen Tanz. „Die Ausbildung ist körperlich hart, das ist Leistungssport.“ In den ersten Unterrichtsstunden beurteilt sie die Neulinge nach Körperspannung, Orientierung im Raum und Musikalität. Vielen falle es enorm schwer, die Einsätze zu finden, was an permanenter Beschallung im Supermarkt, in der Bahn und im Fernsehen liege. „Einige sind auch bewegungsfauler als die Schüler früher“, sagt die Professorin. „Aber die Energie ist bei allen da, genauso wie die Phantasie. Man muss sie nur wecken.“

          „Menschen verändern sich, vor allem in der Pubertät“

          Den meisten Eltern komme eine Tanzausbildung für ihren Nachwuchs überhaupt nicht in den Sinn, erzählt Helke Olender-Herzog, die mit den kurzen weißen Haaren und dem wehenden Gewand dem Prototyp einer Tanzpädagogin entspricht. Die Einundsechzigjährige ist als Talent-Scout landesweit in Schulen unterwegs und spricht begabte Schüler und deren Eltern persönlich an. „Viele sind dann bass erstaunt, vor allem Jungen können sich das Tanzen gar nicht vorstellen.“

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