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Heimunterricht : „Unsere Kinder leben im Verborgenen“

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Unterricht zu Hause - Rosemarie und Jürgen Dudek unterrichten fünf ihrer sieben Kinder selbst Bild: Foto Rainer Wohlfahrt

Heimunterricht ist in Deutschland verboten. Hunderte Familien unterrichten ihre Kinder trotzdem zu Hause. Die Eltern riskieren Anzeigen, Bußgeld, sogar Haftstrafen und den Entzug des Sorgerechts.

          Die Kinder der Müllers müssen warten, bis die Schule aus ist. Vorher dürfen sie nicht im Garten spielen. Während der Unterrichtsstunden bleiben sie im Haus, Türen geschlossen, Vorhänge zugezogen. „Zum Chor oder Fußballverein fahren wir mit den Kindern in eine andere Stadt“, sagt Stefan Müller, der mit seiner Familie in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg lebt und seinen richtigen Namen nicht preisgeben will. Für die Behörden haben die Müllers nämlich Deutschland vor sechs Jahren verlassen – nachdem ihnen eine Strafzahlung von 1000 Euro wegen Verletzung der Schulpflicht auferlegt worden war.

          Der Staat sei schuld daran, dass seine Kinder im Verborgenen leben müssten, sagt Müller. Sein ältester Sohn sei in der Schule unterfordert gewesen. Aber die Lehrer hätten es abgelehnt, ihn eine Klasse überspringen zu lassen. Ein Freund der Familie habe ihn auf die Idee mit dem Hausunterricht gebracht. „Und meine Reaktion war typisch deutsch“, erinnert sich Müller, „Hausunterricht? Das ist verboten!“ Doch je intensiver seine Auseinandersetzungen mit Lehrern, Direktoren und Behörden geworden seien, desto klarer sei ihm geworden, dass er seinem Sohn etwas anderes als den Schulbesuch bieten müsse – selbst für den Preis eines Lebens in der Illegalität.

          Trotz der Schulpflicht in Deutschland entscheiden sich immer wieder Eltern für den Weg der Müllers: Sie unterrichten ihre Kinder zu Hause und riskieren Anzeigen, Bußgeld, sogar Haftstrafen und den Entzug des Sorgerechts. Viele tun das im Verborgenen. Jan Edel, Vorsitzender des in Lüdenscheid registrierten Vereins „Schulbildung in Familieninitiative“, spricht von 800 Kindern in Deutschland, die nie einen Klassenraum betreten. Die Zahl der Eltern, die ihre Kinder in einer Kombination aus Heim- und Schulunterricht erzögen, gehe in die Tausende.

          Viele Schlupflöcher

          Hausunterricht verstößt gegen die allgemeine Schulpflicht, so viel ist klar. „Jedes Kind muss zur Schule gehen“, sagt Sylvia Schill, Sprecherin der Kultusminister-Konferenz. Wenn Eltern dem nicht folgten, schritten die Schulbehörden ein. Und im äußersten Fall bringe die Polizei die Kinder zur Schule. „Jedes Kind ist registriert und in unseren Unterlagen.“

          „Von wegen“, sagt Edel, der den Verein zur Unterstützung und Vernetzung von Schulpflichtgegnern gegründet hat. Immer mehr Eltern fänden Schlupflöcher, viele seien den offiziellen Stellen stets einen Schritt voraus. Einige, wie die Müllers, täuschten einen Umzug ins Ausland vor. Andere behaupteten, ihre Kinder besuchten eine Privatschule in einem anderen Bundesland. Und wieder andere fänden einen freundlichen Schuldirektor, der einfach wegschaue, wenn die Kinder nicht zum Unterricht erschienen.

          Ludwig Unger, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, hält solche Behauptungen für wenig glaubwürdig. „Das kann kein Direktor entscheiden.“ Der Schulbesuch diene im übrigen nicht allein der Vermittlung von Wissen, sondern auch von sozialer und kultureller Kompetenz. „Es ist wichtig, dass die Kinder zusammen lernen und nicht isoliert von anderen Kindern aufwachsen.“

          Für die Verfechter des Heimunterrichts geht es dem Staat weniger um Bildung und Kompetenz als vielmehr um Kontrolle. Jürgen und Rosemarie Dudek sagen, niemand habe ihnen bisher einen plausiblen Grund genannt, warum sie ihre sieben Kinder nicht zu Hause unterrichten dürften. „Es ist ein reines Machtspiel,“ sagt Dudek, der mit seiner Frau seit mehr als zehn Jahren gegen den „Absolutismus des Staates“ kämpft. Sie wollen ihre Kinder keinem Menschen anvertrauen, der nicht von so fester christlicher Überzeugung ist wie sie selbst. Deshalb unterrichten sie ihren Nachwuchs in ihrem Haus im hessischen Archfeld im Werra-Meißner-Kreis. Sie richten sich dabei nach dem offiziellen Lehrplan und halten auch Schul- und Ferienzeiten gewissenhaft ein, wurden aber dennoch mit zahlreichen Geldstrafen und sogar einer dreimonatigen Freiheitsstrafe belegt, die aber in der Revision keinen Bestand hatte.

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